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Weda teere – Wotan zehre: Winter adé!

Der Wettergott hatte ein Einsehen! Was den Walfängern vor dreihundert Jahren bei ihrem Aufbruch von der Insel wahrscheinlich nicht viel ausgemacht hätte – ein qualmendes Abschieds-Biike-Feuer hinter heftigen Regenschleiern –, würde den Touristen heutzutage den Spaß verhageln. So aber waren Gäste wie Insulaner sehr, sehr wetterdankbar angesichts nur leichten Niesels und füllten ab 18 Uhr die Hüttmannwiese in Norddorf. Dort, genau wie in Nebel, Süddorf, Wittdün und Steenodde freuten sich alle auf ein knackig-gemütliches Feuer. “Wir trotzen dem Regen und sagen dem Winter auf Wiedersehen” postete ein Feuerwehr-Mitglied auf Facebook. Die Inselwehren sorgten an allen Brandorten für Sicherheit und das leibliche Wohl mit Bratwurst, Suppe, Bier und Glühwein in steifer Friesenstärke.

Kai Quedens beim Empfang mit Norddorfs Bürgermeister Peter Kossmann

Kai Quedens beim Empfang mit Norddorfs Bürgermeister Peter Kossmann

In Norddorf gabs den traditionellen Fackelzug hin aufs Feld zum Feuer. Und niemand im Zug, der ahnungslos ging, was die Geschichte des Feuers betraf. Denn die hatte Geschichtenerzähler Kai Quedens beim Empfang mit Norddorfs Bürgermeister Peter Kossmann der versammelten Gästeschar auf deutschfriesisch eingetrichtert: Schon in vorchristlicher Zeit kannte man diese Feuer als Opferfeuer für den Kriegsgott Wotan, friesisch: Weda. Im Mittelalter hat dann die etwas mittelalterliche Kirche diesen Brauch gleich mal als heidnische Abgötterei verurteilt; diese “Schweinerei im Februar” gehöre abgeschafft! “Wir freuen uns sehr”, sagte Kai Quedens, und wandte sich zu den Gästen, “dass Sie wieder einmal bei dieser Schweinerei dabei sind!” Früher brannten die Feuer kurz vor dem wichtigsten Gerichtstag, dem Frühjahrsthing, an dem alles Nötige für das neue Jahr geregelt wurde, unter anderem irgendwann auch die Heuerverträge für die Amrumer- und Föhrer Walfänger. So war die Biike oft das letzte, enge, schöne, warme Familienfest in Ahnung einer verdammt ungewissen, harten Zeit auf See.

Im Bann des lodernden Feuers ließ sich für Jens Quedens, Kai Quedens’ Onkel, Verleger und Chef vom Öömrang Ferian, noch besser vermitteln, was ihn derzeit umtreibt: Spenden sammeln für den Wal in der Einschwimmhalle. Eine tolle Sache für die Walfängerinsel Amrum – aber auch eine teure. Das knapp zwölf Meter lange Skelett eines im Januar vor der Küste Nordfrieslands geborgenen Wals muss schließlich fachmännisch präpariert, und die alte Norddorfer Schwimmhalle bis Juni in eine spannende Ausstellung umgebaut werden. Man konnte beobachten, dass das warme Feuer die Herzen einiger quedens-bekannter Amrumliebhaber oder Lieferanten seines Wittdüner “Strandgut”-Ladens erwärmte.

Quedens erzählte auch aus seiner Kindheit, wo die Biike-Feuer ihre Flammen natürlich längst nicht so hoch in den Himmel warfen, schließlich fehlte Amrum der Wald, und das wenige Brennholz war kostbar und verschwand im eigenen Ofen. Also zogen die Schüler los, um Heide und Ginster zu schlagen, bettelten bei den Bauern um ein Bündel Stroh und luden ihre Beute auf einen Pferdekarren, den sie sich – ohne Pferd – hatten leihen können. Einer hielt die Deichsel, und die anderen schoben das Gefährt zur Feuerstelle. Die Mädchen hatten Geld für ein Fass Teer gesammelt, das beim Dachdecker gekauft und in die Mitte des Biikehaufens gestellt wurde. Brannte toll! Die Organisation der Feuer oblag früher dem Lehrer, angezündet wurde es dann vom ältesten der Konfirmanden. Und später maßen sich alle im Überspringen der nicht mehr ganz so wilden Flammen.

Die Piader-Puppen vor den Flammen

Die Piader-Puppen vor den Flammen

Der Fackelzug übrigens, der am Sonntag eine wunderschön anzusehende Lichterkette von mehreren hundert Metern Länge entlang des Norddorfer Wirtschaftsweges formte, den gab es auch zu alten Zeiten schon. “Da hatten wir Stöcke, an die wir Dosen banden mit brennstoffgetränkten Lappen drin”, erzählte Quedens. Gemeinsam mit Bürgermeister Kossmann hat er diese schöne Tradition vor vierzehn Jahren wieder aufleben lassen. Sehr zur Freude aller. Wer zu klein ist für eine Fackel, bekommt von der Amrum Touristik eine bunte Laterne. Entlang des etwa einen Kilometer langen, dunklen Weges wiesen Schwedenfeuer die richtige Marschrichtung. Die gespalteten, mächtigen Baumstämme brannten lichterloh. “Die sind richtig schön trocken, die lagern wir immer ein Jahr lang”, sagte Bürgermeister Kossmann, der während des Fackelzuges eine der beiden Piader-Puppen schleppte, die – handgemacht aus Stroh und in Lumpen gekleidet – zu Beginn der Biike-Zeremonie in den Flammen aufgehen: böser Winter adé.

Für die Kinder ist das Feuer gestern wie heute reines Abenteuer. Schon in den Tagen vor Biike waren selbst die Kleinsten im Amrumer Kindergarten Flenerk und Bütjen Jongen mit Stockbrot und Würstchen an winzigen Nebenfeuern zugange.

Jahrhundertelang war Biike ein bewegliches Fest und richtete sich nach dem Mond. Auf den Inseln sagt man, dass es Christian Peter Hansen, ein Lehrer und bedeutender Chronist von Sylt gewesen sei, der um 1830 die Biike als alten nordischen Brauch wieder neu entfachte – am 21. Februar. Seit 2014 ist das Biikebrennen sozusagen geschützt, ganz offiziell als immaterielles Kulturerbe im Rahmen der UNESCO-Kommission.

Eine schöne Tradition ist auch der friesische Gottesdienst, der zur Biike-Zeit in der St.-Clemens-Kirche gehalten wird. Kinka Tadsen war da und berichtet: Der friesische Gottesdienst am Sonntag wurde gemeinsam von Pastor Georg Hildebrandt und Pastor Richard Hölck gehalten. Pastor Hildebrandt begrüßte auf Friesisch und Deutsch die Gemeinde, die so zahlreich gekommen war. Dieser besondere Gottesdienst, den es nur einmal im Jahr zur Biike Zeit gibt, lockte auch wieder viele nicht friesisch sprechende Menschen an, die anhand von deutschen und friesisch verteilten Lied-und Textzetteln dem Gottesdienst gut folgen konnten. Sehr zur Freude der Insulaner sprach Pastor Hildebrandt auch friesische Texte und bekam anerkennende Worte nach dem Gottesdienst. Pastor Hölck ist Insulaner und hier auf Amrum aufgewachsen, lebt und arbeitet jetzt in Hamburg-Wandsbek. Seine Muttersprache ist öömrang (das Amrumer Friesisch). Pastor Ernst Martin Dahl von der Insel Föhr, der sonst jährlich zu diesem einmaligen Gottesdienst nach Amrum kommt, war leider aus gesundheitlichen Gründen verhindert, jedoch hatte er den Predigttext ausgesucht und Pastor Richard Hölck fand ergreifende Worte für diesen Text, der am Ende des Gottesdienstes seinen Beifall bekam. Auch der Kirchenchor, der von den beiden Gesangvereinen der Insel Amrum unterstützt wurde, bekam Applaus für seine drei stimmungsvollen friesischen Lieder, unter der Direktion von Kirchenmusikerin Anne-Sophie Bunk.

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Über Undine Bischoff

Undine Bischoff war drei Jahre alt, als sie 1968 das erste Mal in einer Schubkarre über den Kniep gerollt wurde. Da draußen am Meer baute ihr Vater der Familie zwanzig Jahre lang eine Holzhütte für die Sommerferien. Jetzt leitet die Journalistin und PR-Beraterin aus Hamburg während der Saison das Inselkino und ist (glückliche) Gastautorin bei Amrum-News.
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