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Vier neue Ausstellungen im Museum Kunst der Westküste…

Beuys!, denkt man beim Anblick der im Gras liegenden Pferdeäpfel. Nein, Judisch, ist es. Der 34-jährige Thomas Judisch sorgt im Rahmen der neuen Ausstellungen im Museum Kunst der Westküste auf Föhr für das Augenzwinkern beim Betrachten der Kunst.

Thomas Judisch neben seiner Garderobe, die keine ist.

Thomas Judisch neben seiner Garderobe, die keine ist.

Der studierte Bildhauer hat seine Jacken-plus-Hundeleine-Fotoprints täuschend echt an die Wand drapiert und winkt dem Besucher mittels Video auf dem Weg zur (echten) Garderobe in Endlosschleife hinterher. Bereits im Sommer vor zwei Jahren, als er als “Artist in Residence” im MKDW weilte, bemerkte er in Alkersum die vielen Pferdeäpfel. Heute liegen seine die zweieinhalb Kilo schweren Bronzeabgüsse im Innenhof des Museum und glitzern in der Sonne. Und seine Stubenfliegen, die, detailgetreu gezeichnet, auf einer Künstlerpostkarte kleben, lassen sich abziehen und verschönernd auf den eigenen Dingen platzieren. Im Mai , vom 15. bis 29., mischt er bei “Ehlers Fashion” am Wyker Sandwall ein bisschen Kunst zwischen die Mode. “Kleider machen Freunde” heißt das Projekt.

 

Thomas Judisch hinter seinen bronzenen Pferdeäpfeln...

Thomas Judisch hinter seinen bronzenen Pferdeäpfeln…

Ein Hingucker des neuen Ausstellungsjahres: Max Liebermann und Zeitgenossen mit MKDW-Direktorin Ulrike Wolff-Thomsen

Ein Hingucker des neuen Ausstellungsjahres: Max Liebermann und Zeitgenossen mit MKDW-Direktorin Ulrike Wolff-Thomsen

Seit dem 28. Februar gibt es vier neue Ausstellungen im MKDW. Thomas Judisch ist mit seinen “Interventionen im musealen Raum” ein Teil davon. Im großen Bildersaal und seinen Nebenräumen gibt es mit “Max Liebermann und Zeitgenossen” zu bewundern, was das Museum in den letzten drei Jahren an bedeutenden Werken hinzu gewinnen konnte. Das ist enorm: knapp die Hälfte der fünfundachtzig gezeigten Arbeiten sind neu. Darunter Gemälde, Öl-Studien und Grafiken von Max Liebermann, Werke des großen niederländischen Künstlers Jozef Israëls und des Franzosen Eugène Boudin, einem der wichtigsten Wegbereiter des Impressionismus. Das Museum, was derartige Kunstwerte selbst nicht erwerben kann, erweitert, dank seiner Stifters, dennoch stetig seine umfangreiche Sammlung von deutsch-niederländisch-dänischer Kunst der 1830 bis 1930er Jahre. Prof. Dr. h. c. Frederik Paulsen hatte die kühne Idee, auf Föhr – in der Heimat seiner Vorfahren – ein Kunstmuseum zu etablieren und auszustatten, das 2009 eröffnet wurde und inzwischen weit über Nordfriesland hinaus bekannt ist. Bei der zentralen, neue Kunstausstellung sind neben sechsunddreißig Arbeiten von Max Liebermann die Maler der Skagener Künstlerkolonie ein weiterer Schwerpunkt.

Im Glasgang des Museums dann gerne zeitgenössische Kunst, wie Museumssprecherin Dr. Christiane Morsbach erklärt. Bei “Empty Rooms” zeigen elf Künstler die “Schönheit der Leere”, so der Untertitel der Schau.

Im Original gerade: Empty Rooms-Titelfoto von André Lützen. Links Museumssprecherin Dr. Christiane Morsbach

Im Original gerade: Empty Rooms-Titelfoto von André Lützen. Links Museumssprecherin Dr. Christiane Morsbach

Rätselhaft oft die Perspektive, wie beim titelgebenden Werk des Hamburger Fotografen André Lützen, Videos wie in Zeitlupe und fast ohne Ton, geheime Orte ohne Hier und Jetzt. Dazu gehören auch die Fotografien der 45-jährigen Nicole Ahland, die tief in Süddeutschland ein Haus entdeckte, in dessen Räumen ein Pilz alle Zeichen des vorherigen Lebens überwuchert hatte, aber derart pittoresk, dass man sich nicht lösen mag von seinem Anblick. Einen Schutzanzug habe sie sich angezogen, sagt Ahland und ein paar Nächte nicht so gut geschlafen ob der Unheimlichkeit der Situation. Trine Søndergaard ist dabei. Die Dänin wurde durch ihre Fotoserie “Interieur” eine Ideengeberin dieser besonderen Ausstellung – von Räumen, voll mit Leere. Dazu gehören auch Julia Rothmunds phantastische Ölbilder einer verlassenen Lungenheilanstalt.

 

Auf der Galerie des Museums, von der man so schön in den gastlichen Raum von Grethjens Gasthof schauen kann, gibt es wieder zeitgenössische Fotografie. Aktueller kann man gar nicht sein, als mit dieser Fotoschau über die italienische (Flüchtlings-)Insel Lampedusa, im Inseldialekt auch Lipadusa, daher der Name der Ausstellung. Calogero Cammalleri, ein erst 22-jähriger Fotokünstler mit italienischen Wurzeln, wuchs in Deutschland auf, wollte aber einer nicht gelebten Variante seiner Kindheit nachspüren und verbrachte neun Monate auf der Insel, die in den Medien immer nur mit dem Zusatz Flüchtlings-auftaucht, aber natürlich auch eine ganz andere – verwunschene, einsame und auch touristische – Seite hat. So groß wie Amrum, von 6.000 Menschen bewohnt, zeigen Cammalleris Schwarz-Weiß-Fotografien bisher unbekannte Facetten dieses Eilands. Auf seiner Suche nach Identität und Heimat war er nur mit einer kleinen Digitalkamera unterwegs, mit der er den Lauf des Insellebens möglichst wenig stören wollte. Für die junge Kunstgeschichtlerin Katrin Hippel war es die erste Ausstellung, die sie als wissenschaftliche Volontärin am MKDW betreute. Eine famose Schau!

Volontärin Katrin Hippel kuratierte die Lipadusa-Ausstellung

Volontärin Katrin Hippel kuratierte die Lipadusa-Ausstellung

Während des Rundgangs erzählte Museumsdirektorin Prof. Dr. Ulrike Wolff-Thomsen von einer ganz neuen, sie bewegenden Idee, die noch intensiver Detektivarbeit bedarf. In einem Briefwechsel zwischen den Künstlern Franz Marc und August Macke Anfang des letzten Jahrhunderts erwähnen beide einen jungen Münsteraner Studenten namens Franz Kluxen, der gerade dabei sei, eine bedeutende Kunstsammlung aufzubauen. Tatsächlich gehörte Kluxen, der aus betuchtem Hause kam, zu den ersten Sammlern von Picasso- und Chagall-Werken. In den Briefen war die Rede von einer “Blauen-Reiter-Villa”, die Kluxen in Boldixum zum Hort seiner Kunst machen wollte. Zu den Werken, die man dort vermutete, gehörten auch Bilder des schwedischen Expressionisten Isaac Grünewald, der jetzt im Rahmen der “Liebermann und Zeitgenossen”-Ausstellung zu sehen ist. Direktorin Wolff-Thomsen weiß von circa 20 Werken, die Kluxen damals in Boldixum vereint haben soll, und natürlich wäre es ein Traum, diese Kunstwerke ein weiteres Mal auf die Insel Föhr zu holen und auszustellen. Ein ganz unbekanntes Kapitel bisher, sagt Wolff-Thomsen und weiß, was für eine enorme Grundlagenforschung noch zu betreiben wäre. Es bleibt also spannend im Kunstmuseum auf Föhr.

Die Ausstellung “Max Liebermann und Zeitgenossen” ist bis zum 11. September zu sehen. “Empty Rooms” und “Lipadusa” gibt es bis zum 19. Juni und Judischs Hingucker hängen und liegen noch bis in den Januar 2017. Öffnungszeiten des Museums Kunst der Westküste: Di bis So 10 – 17 Uhr. Führungen gibt es dienstags und sonntags um 13.30 Uhr. Zu Ostern Sonderführungen und Kunst-Brunch.

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Über Undine Bischoff

Undine Bischoff war drei Jahre alt, als sie 1968 das erste Mal in einer Schubkarre über den Kniep gerollt wurde. Da draußen am Meer baute ihr Vater der Familie zwanzig Jahre lang eine Holzhütte für die Sommerferien. Jetzt leitet die Journalistin und PR-Beraterin aus Hamburg während der Saison das Inselkino und ist (glückliche) Gastautorin bei Amrum-News.
Amrumer Fotowettbewerb 2015