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Amrum – die Insel der Karnickel

In diesen Wochen und Monaten kribbelt und krabbelt es in fast allen Insellandschaften von Wildkaninchen, deren im März geborene Jungen jetzt mit Fell und offenen Augen gut entwickelt die Mutterhöhle ver­lassen haben und so rasch heranwachsen, dass sie im Spätsommer schon selbst Nachwuchs haben, während die Elterntiere den Sommer hindurch weitere Würfe von Jungen versorgen, im Laufe des Jahres mindestens drei Mal. Denn Karnickel vermehren sich wie die Karnickel! karnickel Besonders in den letzten Jahren sind Wildkaninchen auf Amrum ungewöhnlich häu­fig, denn die bekannt-berüchtigte Kaninchenseuche, die Myxomatose, hat sich kaum bemerkbar gemacht. In früheren Jahren brach sie häufiger aus und sorgte für hohe Todesraten. Auch von der jüngeren, so genann­ten “Chinaseuche” hat man in den letzten Jahren auf Amrum nichts ge­merkt. Und durch die Bejagung erfolgt auch keine nennenswerte Reduzie­rung der Kaninchenmengen. Einheimische Jäger sind nur noch selten un­terwegs, und durch Jagdgäste vom Festland, vor allem von den alljähr­lich anreisenden Falknern, ist auch keine spürbare Regulierung zu er­warten. Der größte Feind des Wildkaninchens dürfte deshalb gegenwär­tig das Auto sein. Die Menge der überfahrenen Tiere beträgt jährlich doch einige hundert. Greifvögel spielen dagegen keine Rolle, das ein­zige Rohrweihenpaar auf Amrum (im Guskölk bei Süddorf) sowie die we­nigen im Inselwald brütenden Mäusebussarde können nur die ganz klei­nen Kaninchen erbeuten. Halberwachsene und erwachsene Tiere kommen für Greifvögel als Beutetiere nicht mehr in Frage. Das Wappentier von Amrum ist inoffiziell (ein offizielles Wappen­tier hat die Insel nicht) die Eiderente, weil Amrum seit Jahr­hunderten der südlichste Brutplatz dieser nordischen Meeresente ist, aber eigentlich müßte das Wildkaninchen das Wappentier von Amrum sein, denn mit der Erwähnung von Cunniculus (Lat. genau Oryctolagus cunniculus) beginnt die geschriebene Geschichte von Amrum – und zwar im Jahre 1231 im “Erdbuch” des dänischen Königs Waldemar II. In die­sem Erdbuch sind die Besitztümer des damals umfangreichen Königreiches Dänemark sowie die zugehörigen Steuerforderungen aufgeschrie­ben. erdbuch_waldemarEs sind auch zugleich die ältesten schriftlichen Nachrichten über die nordfriesische Inselwelt. Nur einige der Inseln und Landschaften der “Uthlande”, der Außenlande, lassen sich aber identifizieren. Da­zu gehören Sylt, Föhr, Römö, Fanö und Amrum, als Ambrum geschrieben.
Aber nur für Amrum werden neben “hus” (Häuser, bewohnt) und “ha” für Hasen, “cun”, cunniculus, Wildkaninchen genannt. Damit ist Amrum, damals in Dänemark und heute in Deutschland, die älteste Landschaft mit Wildkaninchen. Dass Waldemar für die Einbürgerung dieser wohl­schmeckenden Nagetiere eine abgelegene Insel wählte, ist kein Zufall. Wildkaninchen haben eine große Vermehrungskraft und können in der Landwirtschaft große Schäden anrichten. Die Wahl einer Insel für die Einbürgerung bedingte aber die Verhinderung der weiteren Ausbreitung durch die Meeres­ufer als naturgegebene Grenzen. Tatsächlich sind die Wildkaninchen denn auch im Laufe der folgenden Jahrhunderte nie über Amrum hinaus­gekommen, ja nicht einmal in Wintern mit dichter Eisbedeckung (wie z.B. 1947) über das Eis nach Föhr gewandert. Die heutigen Wildkanninchen auf Föhr stammen allerdings von Amrum, wurden hier aber durch einen an der Jagd interessierten Föhrer (der später nach Amrum zog) ausgesetzt, zum Ärger der Föhrer, die um ihre Deiche und um die Land­wirtschaft fürchteten.
Wo aber kamen die Wildkaninchen ursprünglich her? Sie lebten damals nur auf der iberischen Halbinsel und in Nordafrika. Dort verwechselten die see­fahrenden Phönizier aber die Kaninchen mit einer kleinen Klippschlie­ferart ihrer Heimat, den Hyrax syriacus, und nannten die Küste der Iberischen Halbinsel “I shapan-im”, woraus sich die Bezeichnung Spanien bildete. Durch natürliche Ausbreitung über Europa erreichten die Wildkaninchen erst um 1900 den deutsch-dänischen Grenzraum, wobei sie gebietsweise aber auch durch Menschenhand einge­bürgert wurden.
Jagdbares Wild war früher fast immer den „hohen Herrschaften“ als Regal vorbehalten. So die Hasen auf Sylt und die Kaninchen, die im 16. Jahrhundert auf den Ostfriesischen Inseln ausgesetzt wurden. Und hier wie dort war den Insulanern das Laufen mit Flinten in den Dünen streng verboten, und den Hunden mußte eine Vorderpfote ab­gehauen und den Katzen die Ohren beschnitten werden, damit sie nicht im Gelände wilderten und den Hoheiten die Beute und den Jagderfolg schmälerten. Auf Amrum sind solche hochfürstlichen bzw. königlichen Anordnungen aber nicht bekannt.

Freie Kaninchenjagd bis 1935
Auf Amrum haben Landesherren keine Ansprüche an die alleinige Kaninchenjagd gestellt. Das war auch ganz unmöglich, weil diese Tiere dank ihrer Massenvermehrung in der ohnehin dürftigen Landwirtschaft der Insel Amrum – die zur Hälfte von Dünen und deren ganze Inselmitte mit Heide bedeckt war – unvorstellbare Schäden angerichtet hätten. Die Obrigkeit verlangte zunächst auch keine Abgaben für die freie Kaninchenjagd. Das änderte sich allerdings im Jahre 1797, als ein Ein­wohner von Föhr einen Antrag an die Regierung um die “Konzession” der alleinigen Kaninchenjagd auf Amrum stellte. jäger_karnickelDie Repräsentanten der In­sel konnten diesen Antrag zwar abwehren, mussten nun aber eine “Contribution” von immerhin 12 Reichstalern jährlich zahlen. Erst im Jahre 1857 wurde die Zahlung eingestellt, ob von der Obrigkeit erlassen oder von den Amrumern “vergessen”, ist nicht mehr zu ermitteln. Aber in der Nazizeit, als Naturschutz und Wildhege einen hohen Rang erhielten und 1934/35 die Reichsnaturschutz- und Jagdgesetze verkün­det wurden, das Reviersystem erlassen und Jagdpächter eingesetzt wurden, erfolgte die Aufteilung der Insel Amrum in drei Bezirke der Gemeinden Wittdün, Nebel und Norddorf, und die Jagdpächter waren zur alleinigen Jagdausübung berechtigt. Sie durften aber an Insulaner, die eine Jägerprüfung abgelegt und einen Jagdschein erworben hatten, Er­laubnisscheine für die Kaninchenjagd ausstellen, und davon wurde auch reichlich Gebrauch gemacht. Anders hätten sich die Jagdpächter vor Wildschadenszahlungen nicht mehr retten können. Nach diesem Prinzip wird die Kaninchenjagd noch heute betrieben.

Georg Quedens

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