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Ab zu den Nackten in die Burg…

Auf die Idee für diese kleine Mini-Serie hat uns ein Gespräch mit Amrums Pastorin Thurid Pörksen gebracht, die ihre Vakanzvertretung auch dazu nutzt, mit möglichst vielen Insulanern über früher zu klönen. Das gefiel uns. Also sind wir losgezogen. Erzähl’ doch mal! Deine Lieblingsgeschichte von früher … Dritter Teil: Jens Quedens.

Johannes Quedens vor seinem Laden in Norddorf in den 1930er Jahren

Quedens’ Vater Johannes war ein Tüftler. Sein Motorrad hatte er so umgebaut, dass er es auf dem Beiwagen heraus steuern konnte. Da war alles drin: Steuer, Kompressionsriemen, Bremsen, Kupplung. Da der nicht sehr große Mann fast im Beiwagen verschwand, sahen ahnungslose Gäste nur ein herrenloses Motorrad über den Strand und durchs Dorf brettern. „Das fährt alleine, haben die gedacht“. „Und wenn abends nach dem Tanzen in Nebel ein Mädchen mitkam, dann saß die im Wind und er geschützt im Beiwagen“, erzählt Jens Quedens grinsend. Das alles war vor dem Krieg, den schließlich hat Vater Johannes 1933 geheiratet.

Über dem Fotogeschäft, was es auch damals schon in Norddorf an bekannter Stelle gab, wehte oft ein Reklamedrachen, der aussah wie ein Adler. Bei guten Wind stand er über dem Strand, denn er hatte 600 Meter Leine. Die wurde über eine vom Vater umfunktionierte Nähmaschine mit Rolle und Fußpedal betrieben, die unter dem Fahnenmast stand. Bei Westwind flog der Vogel übers Dorf und hatte – während dort abendliche Kurkonzerte stattfanden – eine Taschenlampe untergeschnallt. Das ewig hin und her gleitende Licht, was den Drachen dahinter unsichtbar werden ließ, irritierte die Zuhörer sehr. Und Vatter Quedens amüsierte sich köstlich.

Hat ganz schön getüftelt, der Mann!

So richtig lustig war es allerdings bei Quedens zuhause nicht. „Ich hatte drei Geschwister und noch drei Halbgeschwister. Wir wurden alle verteilt, und streng war’s auch“, sagt Jens Quedens. Unvorstellbar heute, dass der Vater, der eine Lehre zum Maler machte – und zwar bei seinem eigenen Vater– selbst dort Lehrgeld bezahlen musste. Jens Quedens Großvater war – wie damals und heute viele andere auch auf der Insel, berufsmäßig ein Multitalent: Maler, Seemann und Fotoladen-Besitzer.

Bisschen Krawall (oder Werbung?) aus dem Beiwagen machen …

Manchmal hatte Jens Quedens Kindheit durchaus Charme. Vor allem dann, „wenn wir als Kinder am FKK-Strand in die Sandburgen der Nackten reingehüpft sind und nach der Uhrzeit gefragt haben.“ Jens Quedens lacht. Und natürlich war er nur ein Anhängsel. „Ich war ja noch sehr klein.“ Damals gab es in Norddorf zwischen FKK und Textil noch eine 300 Meter breite Schutzzone, ein Niemandsland, „Ohne Korb und ohne alles“. Zu beiden Seiten standen Schilder: bis hierhin Kleider tragen, und ab hier Kleider tragen. Mit Quedens, noch keine 10, im Schlepptau marschierte die Dorfjugend durch den FKK-Bereich, schaute sich ein Opfer aus, bei dem es geschlossen in die Burg sprang und unschuldig nach der Uhrzeit fragte. Die sonnenbadenden nackten Frauen mussten sich in ihrer Hilfsbereitschaft ja erst mal zur Seite drehen und gereckten Armes in ihre Taschen greifen. Das selbstarrangierte Aufklärungsprogramm wurde intensiver, je länger die Suchaktion dauerte. Wenn einer von den Pubertierchen dann blöd prusten musste, wurde die Frauen hellhörig und anschließend sauer. „Dann sind wir raus aus der Burg und zum Strandabschnitt, wo die Nackten nicht hinterher kamen“, erzählt Jens Quedens grinsend. „Das konnte man natürlich nicht dauernd machen. Also haben wir den nächsten Kurwechsel abgewartet.“ Damals, 1950, musste man das als Aufklärungsarbeit begreifen, findet Quedens. “Bilder von Nackten in Zeitungen oder so gab’s ja nicht für uns.“

Pragmatisch und aufs eigene Wohl bedacht, ging auch Pastor Pörksen jedes Jahr im Februar bei der Ankündigung seiner Konfirmandenbesuche vor: „Jens, frag bitte deine Eltern, ob ich zum Mittag oder zum Abendbrot kommen soll“, hieß das Gesuch, das ganz offensichtlich (und in vielen Fällen erfolgreich) auf eine warme Mahlzeit und noch eine Flasche Cognac oder Brote als Wegzehrung hinzielte, erzählt Quedens. Nicht jeder hatte den Schneid, den Gottesmann in seine Schranken zu weisen. Der damalige Reederei-Chef hatte ihn. Sein Sohn, vom Pastor am Tag zuvor vor die Wahl gestellt, quetsche am nächsten Morgen ein „Mein Vater hat gesagt, sie können zum Frühstück kommen“ heraus. Da kann Jens Quedens heute noch drüber lachen.

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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