SONNE, LICHT, SKAGEN – derzeit auf Föhr


 

 

Vor Anna Anchers Meisterwerk aus Skagen „Sonnenschein in der blauen Stube“ von 1891 (Kunstmuseum Skagen) Foto: MKdW

Bekennende Amrumfans sehen selten einen Grund, der Nachbarinsel Föhr einen Besuch abzustatten. Hier ist definitiv einer: die großartige Ausstellung „Sonne, Licht, Skagen“ im Museum Kunst der Westküste in Alkersum.

Noch bis zum 30. Juni werden in drei Sälen und zwei Kabinetten des Museums 80 Gemälde und Ölstudien der berühmten dänischen Malerin Anna Ancher gezeigt. Die Skagener Künstlerin war schon zu Lebzeiten (1859 – 1935) eine vielfach ausgezeichnete, international ausstellende Künstlerin und hatte maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung realistischer und impressionistischer Strömungen in der Malerei Skandinaviens um 1900.

Hierzulande ist Anna Ancher weit weniger bekannt als bei unseren nordischen Nachbarn. Nach fast dreißig Jahren ist diese große Einzelausstellung ihrer Werke erst die zweite in Deutschland überhaupt. Umso größer die Freude, dass diese wirklich spannende Schau, die vorher bereits in Skagen, Kopenhagen und Lillehammer zu sehen war, nun ganz in unserer Nähe präsentiert wird. Zufall ist das nicht, denn das Museum Kunst der Westküste verfügt selbst wohl über den größten Bestand an Werken von Skagen-KünstlerInnen in Deutschland. (60 Werke sind im Web-Katalog des Museums seit Corona sogar online verfügbar.)

In dem kleinen dänischen Ort Skagen, wo Nord- und Ostsee aufeinandertreffen und die karge, sandige Landschaft Nordjütlands von einem ganz besonderen Licht erfüllt ist, entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Kolonie von KünstlerInnen. Sie kamen aus Dänemark, Skandinavien und Deutschland, um im Sommer als Freilichtkünstler die rauen Arbeits- und Lebensbedingungen der Skagener Fischer darzustellen und die eindrucksvollen Stimmungen dieser einzigartigen Landschaft zu malen. Viele von ihnen hatten in Paris die neuesten realistischen und impressionistischen Kunstströmungen kennengelernt – unter ihnen Anna Ancher.

Anna Ancher. Spielende Kinder am Strand von Skagen. Um 1905. (Kunstmuseum Skagen)

Anna Ancher war die einzige Künstlerin der Kolonie, die aus Skagen stammte. Ihren Eltern gehörte Brøndums Gasthof, wo viele der KünstlerInnen ihr Quartier nahmen. Hier hatte sich die an Kunst interessierte junge Anna Brøndum mit 15 Jahren in den zehn Jahre älteren Maler Michael Ancher verliebt, den sie ein paar Jahre später heiratete. Hier lernte sie den Maler und Kunsthistoriker Karl Madsen kennen, der ihren Eltern geraten hatte, die talentierte Tochter im Alter von nur 16 Jahren nach Kopenhagen auf eine private Kunstschule zu schicken. (An der Kunstakademie waren Frauen damals noch nicht zugelassen.)

Zeitlebens hat die Mutter (Ane Hedvig Brøndum, die sehr religiös war und an Annas künstlerische Bestimmung glaubte) ihre Tochter Anna in der vollen Berufsausübung als Künstlerin unterstützt und dem Künstler-Ehepaar Ancher auch nach der Geburt von Tochter Helga (später selbst Künstlerin) ermöglicht, mehrere Monate im Jahr zu reisen. Ungewöhnlich für Frauen ihrer Zeit, hatte Anna Ancher ihr eigenes Atelier im Hause Ancher und Ermutigung durch ihren Ehemann. „Wenn sie so viel Energie wie Talent gehabt hätte, hätte sie uns alle in Grund und Boden gemalt“, sagte Laurits Tuxen, ihr Freund und einer der bekanntesten Skagen-Maler.

Anna AncherAnna Ancher. Drei alte Frauen beim Nähen eines blauen Kleides für ein Kostümfest. 1910. (Kunstmuseum Skagen)

Im Unterschied zu den männlichen Skagen-Malern malte Anna Ancher vorwiegend Interieurs und Szenen aus dem Leben der Frauen in Skagen. Sie kannte die Sprache und das Leben der Menschen in dem kleinen Ort, der sich in dieser Zeit dem einsetzenden Badetourismus zu öffnen begann, und fokussierte in ihrem Werk auf die innovative Darstellung von Licht und Farbe in Innenräumen.  Vielleicht, weil nur sie mit dem besonderen Licht dieser Landschaft aufgewachsen war und um dessen Wirkung von klein auf wusste? In ihren Bildern macht sie das Licht bewusst für uns sichtbar und holt das Außen herein. „Sie war in der dänischen Kunst die erste, die es richtig verstand, einen Sonnenstrahl einzufangen“, so Karl Madsen, selbst ja Skagen-Maler und später Direktor der dänischen Nationalgalerie.

Warum Anna Anchers Bilder bei uns nicht so bekannt sind wie die ihrer männlichen Kollegen der Skagener Künstlerkolonie, etwa die von Peder Severin Krøyer, Laurits Tuxen oder ihrem Ehemann Michael Ancher, beantwortet Museumsdirektorin Prof. Dr. Ulrike Wolff-Thomsen damit, dass die Werke von Frauen in der Kunstgeschichte und auf dem Kunstmarkt bis heute noch unterschätzt werden.

Fahren Sie nach Föhr, besuchen Sie diese Ausstellung – dann Sie können an den beeindruckenden Studien und Gemälden nachvollziehen, wie Anna Ancher den Aufbruch in die moderne Malerei gewagt hat – mehr als alle anderen Skagen-Maler. Einige der ausgestellten Werke wurden erst nach 1964 in Schränken und Schubladen des Ancher-Hauses entdeckt und waren vor dieser Ausstellungstournee öffentlich noch nicht zu sehen. Das Leben und das Werk der bedeutenden Malerin bergen noch so manches Geheimnis, das es zu erforschen gilt.

Einen guten Einblick gibt hier auch der wunderbare Katalog „Sonne, Licht, Skagen – Anna Ancher“, den das Museum Kunst der Westküste im Wienand Verlag herausgegeben hat. Er enthält nicht nur alle reproduzierten Bilder der Ausstellung und manche darüber hinaus, sondern auch viele Fotos und Informationen über die Skagener KünstlerInnen-Kolonie und das Leben Anna Anchers. In internationalen Textbeiträgen werden in verständlicher Sprache (auf Deutsch und Englisch) grundlegende Erkenntnisse und neue Ansätze in der Erforschung des Werks von Anna Ancher vorgestellt und aktuelle, spannende Fragen aufgeworfen.
Selbst wenn Sie es nicht schaffen, die Ausstellung auf Föhr zu besuchen, lohnt es sich, den Katalog zu kaufen. Er kostet im Museumsshop 35,- Euro, ist aber für 38,- Euro auch im Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-86832-654-3.

Die Öffnungszeiten des Museums Kunst der Westküste sind dienstags bis sonntags 10 – 17 Uhr. (Pfingstmontag ist geöffnet.) Wenn Sie von Amrum mit der Fähre um 9:30 Uhr hin- und mit der Fähre um 16:00 zurückfahren, haben Sie einen Busanschluss nach/von Alkersum. Informationen über Führungen und alles Weitere finden Sie auf der Webseite des Museums: www.mkdw.de

Wie gesagt, es gibt für Amrumfans selten einen Grund nach Föhr zu fahren. Diese Ausstellung ist definitiv einer!

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Über Astrid Thomas-Niemann

Astrid Thomas-Niemann ist gelernte Schifffahrtskauffrau sowie studierte Sprach- und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre als Schifffahrtsanalystin gearbeitet und lebt seit 2015 in Wittdün. Als junge Frau kam Astrid 1981 das erste Mal auf die Insel und besuchte auf Zeltplatz II die Niemanns aus Hamburg, die Amrum seit 1962 urlaubsmäßig die Treue halten, inzwischen bereits in der 4. Generation.

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