Amrumer Säugetiere (Teil 7) – Kegelrobben – die größten Raubtiere Deutschlands


 

Die zweite bei uns auf Amrum vorkommende Robbenart, die Kegelrobbe (Halichoerus grypus) war laut Nachweis historischer Knochenfunde vor tausend Jahren häufiger als der Seehund. Aber dann wurden diese größten Raubtiere Deutschlands (so genannt in diesbezüglichen Publikationen) selten und starben sogar im Bereich der deutschen Nordseeküste völlig aus – ob durch übermäßige Bejagung oder durch andere Ursachen, sei dahingestellt. Jedenfalls werden in zurückliegenden Jahrhunderten keine Kegelrobben genannt. Sie erscheinen auch nicht in den Tagebüchern der einheimischen Seehundjäger und Führer zu Robbenjagden im 19./20. Jahrhundert von den Seebädern aus.

Kegelrobben sind deutlich größer als Seehunde

Kegelrobben haben sich erst Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre wieder auf den Seesänden bei Amrum etabliert, wurden als solche aber von Segelschiffern und Krabbenfischern kaum erkannt und als “Seehunde” verbucht. Bezeichnend ist auch die Meldung des Tonnenlegers Hinrich Ricklefs im Dezember 1957. Auf dem Weg nach Hörnum kam er mit seinem Tonnenlegerschiff an den Amrumer Seesänden vorbei und entdeckte dort eine Robbe mit Jungtier. Sein Kommentar: “Nun sind die Seehunde verrückt geworden und kriegen neuerdings mitten im Winter Junge”. Seehunde werden normalerweise im Juni geboren, aber Kegelrobben bekommen von Westen (Irland, Großbritannien) bis in die Ostsee vom Herbst bis Februar Nachwuchs. Aber Ricklefs und die anderen Amrumer Schiffer kannten keine Kegelrobben und verwechselten diese mit Seehunden.

In den folgenden Jahren aber wurde aus den zunächst seltenen Kegelrobben ein nicht mehr zu übersehendes Rudel von etwa 20 Tieren, zu denen sich im Sommer weitere gesellten. Und nach Sturmfluten zwischen Dezember und Februar wurden am Inselstrand erste Jungtiere, noch im weißen Geburtsfell (Lanugo) gefunden. Bei längerer Beobachtung entdeckte man auch die Mütter, die ihre Jungen begleitet hatten, um diese zu säugen. Von dieser Zeit an gehörte die Meldung von jungen Kegelrobben im weißen Geburtsfell oder schon selbständig zu den alljährlichen Meldungen in der Tageszeitung oder in der “Amrum-Chronik”. Für besondere Aufregung sorgte im Dezember 1999 ein Jungtier auf dem Wittdüner Fähranleger. Es war hier nach einer schweren Sturmflut heraufgetrieben und blieb mehrere Wochen liegen. Die Mutter erschien regelmäßig und konnte dank der Mitteltreppe das Jungtier auf dem Plateau des Anlegers erreichen und säugen. Beide, Mutter und Jungtier, hatten so gut wie keine Fluchtdistanz zu den Menschen und waren so wochenlang die Attraktion für die wenigen Wintergäste, für die Amrumer und für die Passagiere der in unmittelbarer Nähe anlegenden Fährschiffe. Am 21. Dezember, nach 18tägiger Anwesenheit, machte sich das Jungtier auf und robbte zwischen den parkenden Autos zur Westseite, um über die Schräge des Deckwerks in die Nordsee zu gelangen. Dort verfolgte es in spielerischer Absicht noch einige Eiderenten, bevor es in den Fluten verschwand.

Junge Kegelrobbe auf dem Fähranleger Wittdün

In den Wintermonaten lagen bis zu 20 Kegelrobben auf dem Jungnamensand, dank ihrer Größe von Amrum aus gut sichtbar. Im Sommer kam für etliche Jahre ein weiteres Rudel, vermutlich von britischen Küsten stammend, dazu. Für das Jahr 2010 meldet die Chronik nicht weniger als 41 Geburten auf Jungnamen, aber auch auf der Nordspitze und längs des Kniepsandes. Und es gab immer wieder eigenartige Erlebnisse mit dem Kegelrobbennachwuchs.

In 2010 gab es wieder einen der immer seltener werdenden Eiswinter mit vollständiger Eisbedeckung im Watt zwischen Amrum und Föhr. Zunächst versuchte ein Seehund, dem die in kurzer Zeit gebildeten Eismassen im Watt den Weg in die Nordsee abgeschnitten hatten, über den Asphaltdeich am Norddorfer Wattufer kommend die Nordsee zu erreichen, wurde aber von Spaziergängern entdeckt und durch die Betreuer der Amrumer Naturschutzvereine per Kiste bis zum Eisrand am Kniepsand transportiert. Wenig später ging es dann darum, eine jungen Kegelrobbe, die sich bei der Flucht aus dem vereisten Wattenmeer an der Eingangstür des Schullandheimes Ban Horn verfangen hatte, in die eisfreie Nordsee am Kniepsand zu befördern.

Aber allmählich veränderte sich der Lebensraum der Kegelrobben bei Amrum. Der Jungnamensand wurde von der Nordsee bei seiner Verlagerung nach Osten abgebaut und immer flacher, so dass er schließlich bei normaler Springtide, also alle 14 Tage, auch bei ruhigem Wetter überflutet wurde und damit als sicherer Ort für die jungen Kegelrobben immer problematischer wurde. Denn die Jungen sind in den ersten Wochen nach der Geburt in ihrem weißen Lanugofell nicht ganz “wasserfest” und benötigen einen überflutungsfreien Geburtsort.

Ab nach Helgoland
Der Abbau des großen und hohen Jungnamensandes hat die Kegelrobben genötigt, einen anderen Lebensraum zu suchen. Sie zogen nach Helgoland, genauer zu der nebenan liegenden Düneninsel. 1996 wurden dort die ersten Tiere registriert, und gegenwärtig wurden im Winter bis zu 1400 Kegelrobben gezählt – für Naturfreunde eine überwältigende Zahl – für Naturkenner eine Katastrophe. Denn welche Auswirkung hat allein der Nahrungsbedarf dieser Massen auf die übrige Tierwelt rings um Helgoland? Ebenso dramatisch ist der Zuwachs an Jungtieren. Im Jahre 2015 wurden schon über 300 Geburten gezählt, und seitdem ist die Zahl nicht geringer geworden!

Kegelrobben erkennen den Menschen nur bedingt als Feind. Ihre Fluchtdistanz beträgt am Strand nur wenige Meter, und im Wasser stupsen sie Menschen sogar neugierig und vertraut an. Angeblich soll es auch schon zu Bissen gekommen sein, die aber verschwiegen werden, um unter den Badegästen auf der Düne keine Panik zu erzeugen. Immerhin ist durch etliche Beobachtungen von Nordseeinseln, auch von Amrum, bewiesen, dass Kegelrobben Eiderenten und andere Seevögel greifen und tödlich verletzen oder sogar fressen – was für eine Robbe nicht ungewöhnlich wäre. Andernorts müssen sich z. B. Pinguine auch vor Robben hüten.

2023 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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