21. Amrumer Mukolauf – Ein Erfahrungsbericht …


3, 2, 1 – Los! Beim Start der kleinen Runde von 4,5 km sprinten die vorderen Läufer*innen ordentlich los.
© Peter Totzauer

Eigentlich wollte ich nur ganz entspannt mitlaufen. Also ganz entspannt vielleicht auch nicht. Ich hatte schon Ansprüche an mich. Aber mit Arbeit sollte der diesjährige Mukolauf nichts zu tun haben. Allerdings hatte ich diese Rechnung ohne Amrum News gemacht – und ohne meine unbelehrbare Ehrlichkeit. Denn in der letzten Redaktionssitzung kam natürlich die Frage auf, wer über den Mukolauf berichtet. Schweigen. Naiv im Glauben, als Beteiligte natürlich raus aus der Liste potentieller Berichterstatter zu sein, gebe ich freimütig zu, mitzulaufen. “Na das ist doch wunderbar”, ruft der Redaktionsleiter. “Dann kannst du ja gleich darüber schreiben!” Motiviert erklärt sich Peter zum Fotografieren bereit und so ist es beschlossene Sache.

Der Mukolauf findet in diesem Jahr bereits zum 21. Mal auf Amrum statt. Initiiert von der Amrumer Regionalgruppe, eine der kleinsten Gruppen des Mukoviszidose e.V., sammelt sie mit dem Lauf jedes Jahr Spenden zugunsten der Mukoviszidose-Behandlung auf der Insel. Auf diese Weise konnten seit 2003 verschiedene Therapiegeräte, Freizeitgegenstände, Fortbildungen, Einzelklinikmaßnahmen oder Ausflüge für die Patienten finanziert werden. Eine großartige Sache, die auf Amrum zu den Highlights des Jahres gehört.

Es ist soweit. Samstag, 18. Mai. Ich lasse es gemächlich angehen. Der Lauf startet erst am späten Mittag. Also erstmal Kaffee, Zeitung lesen, Haare waschen.

11:30 Uhr. Ich ziehe mich um. Shorts oder ¾-Legging? Ist schon warm draußen… aber die Fachklinik Satteldüne, auf deren Gelände das ganze Fest rund um den Mukolauf stattfindet, liegt auch etwas schattig im Wald, denke ich. Und dann der ständige Wind auf Amrum – nicht, dass ich friere. Also die längere Legging.

11:45 Uhr. Ich radele los. Die Sonne brennt. Mist. Hätte ich doch die Shorts genommen. Meine Nachbarin, mit der ich gemeinsam fahre, hat sich richtig entschieden. Ich hoffe, sobald wir aus dem Dorf raus sind, wird der Wind schon auffrischen.

An der Klinik angekommen, müssen wir noch unsere Startnummern und T-Shirts abholen. Nummer 71. Die T-Shirts sind leuchtend gelb mit pinker Schrift. Eigentlich ganz schick. Ich denke dabei allerdings nur an die Gewitterfliegen, die von strahlendem Gelb immer so herrlich angezogen werden und halte die Farbwahl somit nicht für durchdacht. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon in einer schwarzen Fliegenwolke laufen.

12 Uhr. Die Registrierung ist abgeschlossen. Das ging fix. Und nun? Start für mich ist erst 12:45 Uhr. Ich laufe nur die kleine Runde von 4,5 km. Angesichts des rund 1km langen Strandabschnitts darin und der Hitze am heutigen Tag reicht mir das ja völlig. Die kleinen Seitenhiebe einiger Bekannter, die “Kinderrunde” mitzulaufen, schiebe ich beiseite – und führe meine gerade abgeklungene Erkältung als zusätzliche Begründung an. Denn am Ego kratzt es schon, schließlich laufe ich regelmäßig. Allerdings meist nur so sechs oder sieben Kilometer. Längere Strecken sind seltene Zufälle.

Da mir genügend Zeit bis zum Start bleibt, radele ich nochmal fix heim und wechsele die Hose. Shorts sind doch besser.

12:40 Uhr. Beim Lauf vor zwei Jahren bin ich als siebte ins Ziel gekommen – und ich hatte wirklich viele Kinder beim Start vor mir, also will ich mich dieses Jahr ganz weit nach vorne stellen. Das erhöht die Chancen auf einen vorderen Platz. Mir ist schummrig. Hätte ich mal doch was gegessen. Oder noch was getrunken! Herrje, ich habe viel zu wenig getrunken. Und die Sonne scheint erbarmungslos auf den Kopf. Ich kippe bestimmt gleich um. Ein Bekannter bietet mir noch einen Traubenzucker an. Meine Rettung, damit wird mir schon nichts passieren.

12:45 Uhr. Der Veranstalter zählt den Countdown von 10 herunter. 3, 2, 1… Ich renne los. Vor mir, na klar, Kinder. Und wie die lospesen! Wahnsinn! Aber – nur die Ruhe, denke ich. Das Tempo halten die nicht lange.

Nun ja, bei einigen werde ich mich geirrt haben…

Das erste Stück geht noch durch den Wald. Links und rechts stehen viele Zuschauer, die einem zujubeln, anfeuern, klatschen. Eine richtig schöne Stimmung. Ich bin aber noch damit beschäftigt, einerseits mein Tempo zu finden, andererseits nicht über die Füße der anderen zu stolpern und mich gleichzeitig von den Schritten und dem Atmen der anderen Läufer aus dem Konzept bringen zu lassen.

Nach der Kurve Richtung Strandübergang Süddorf wird es lichter. Jetzt überholt man lediglich ein paar Spaziergänger auf dem Weg zum Strand und einige der Walker, die bereits eine Viertelstunde vor uns losgelaufen sind. Mit denen kommt es nochmal zu kleinen Konflikten direkt am Strandüberweg: Die Walker biegen nach links ab, um die halbe Insel zu umrunden, für uns geht es nach rechts. Nur keinen Knoten verursachen.

Die Sonne brennt, kein Lüftchen weht, der Strand will nicht enden. Der Abschnitt zwischen Süddorf und Nebel ist der härteste.
© Peter Totzauer

Nach rechts. Rauf auf den endlosen Strand. Jetzt scheint die Sonne erbarmungslos. Der seichte Ostwind kommt hier nicht an. Hätte ich eine Mütze aufsetzen sollen? Egal. Wir sind nicht in der Wüste, wir sind auf einer Nordseeinsel! Die ersten werden langsamer, verfallen ins Gehen. Ich stolpere tapfer weiter durch den feinen Sand. Mal hat man festen Tritt, dann kommt wieder ein Zuckersandberg. So in Gedanken versunken, fällt mir der breite Streifen festen Sandes etwa 5 Meter links von mir erst nach fast der Hälfte der Strandstrecke auf. Ich verfluche mich ein wenig selbst und schwenke nach links. Viel besser!

Der Strand will kein Ende nehmen. Und nicht wenige gelbe T-Shirts rennen wirklich weit vor mir! Die kriege ich niemals mehr.

Für die Läufer*innen der längeren Strecken ging es auch am Watt entlang.
©Peter Totzauer

Jetzt sehe ich die freiwilligen Helfer des Events, die den Strandübergang Nebel markieren. Sie jubeln und klatschen, rufen einem Motivation zu, verteilen Wasser und… Käsewürfel? Interessante Idee. Aber wieso nicht. Eiweiß, denke ich, ist gut für die Muskeln. Bloß nicht zu viele Kohlenhydrate. Dass das in der Situation, wo der Körper schnelle Energie braucht, totaler Quatsch ist, fällt mir dabei nicht ein. Ich passiere das kalte Buffet ohne zuzugreifen. Bloß keine Zeit verlieren.

Jetzt kommt wieder Wald, endlich. Erlösung. Allerdings steht die Sonne noch voll im Zenit, weswegen die Straße bis zum Waldweg ebenfalls nahezu keinen Schatten bietet. Wieso um alles in der Welt lässt man so einen Lauf in der Mittagshitze starten? So ganz erschließt sich mir die Logik nicht. Aber wahrscheinlich gibt es triftige Gründe.

Knapp vor mir läuft ein junges Mädchen. In deren Alter hasste ich joggen. Zum Ausdauerlauf musste man mich prügeln. Ich verstehe nicht, wie Kinder daran Spaß haben können. Und darin auch noch so gut sein können.

Auf dem Waldweg, dem letzten Stück, gebe ich die Verfolgung meiner Vorläuferin schließlich auf. Das langbeinige Fliegengewicht kriege ich nicht mehr. Egal. Ich merke, dass auch mich niemand mehr überholt – der Platz (welcher auch immer es sein wird), ist mir sicher, die Zeit egal.

Nun kann ich bereits ZIEL auf dem roten Banner lesen. Ein wenig verlängere ich die Schritte noch, aber nicht zu doll. Ich bin schon echt fertig. Viele Zuschauer stehen am Zieleinlauf, jubeln, pfeifen, rufen etwas. Der Organisator sagt meine Nummer und den Namen, mehr höre ich nicht. Die Anzeigetafel mit meiner Zeit sehe ich ebenfalls nicht. Bloß noch ankommen.

Geschafft! Ich trabe langsam weiter vor zur Versorgungsstation. Endlich Wasser. Herrlich! Nun sehe ich den “Käseteller” wieder und realisiere – es waren Bananenscheiben!…

Nachdem ich mich erholt habe, genieße ich den Rest des Festes, das bei dem fantastischen Wetter besonders gut besucht ist. An die 1500 Besucher sind es bestimmt, schätze ich.

Das Kuchenbuffet gehört definitiv zu den besten der Insel, absolut empfehlenswert. Ganz viele engagierte Bürgerinnen und Bürger haben fleißig gebacken, sodass an die 30 verschiedenen Kreationen, darunter vegane und glutenfreie Varianten, zur Auswahl stehen. Alle Erlöse gehen selbstverständlich an den Mukoviszidose-Verein. Außerdem gibt es Popcorn, erfrischende Obstschalen mit Melone, Ananas und Gurke, die üblichen Verdächtigen wie Pommes, Currywurst und Crêpes und – ganz neu dabei – der Genussanhänger vom Hotel Seeblick, der gesunde Bowls mit unterschiedlichen Toppings anbietet. Gesunde Ernährung war den Veranstaltern des Festes ein Anliegen, zu dem einige Angebote wirklich beitragen.

Ansonsten gibt es ein buntes Bühnenprogramm, das von einer gemeinsamen Zumba-Einheit, über einen Zauberkünstler für Kinder bis hin zur Live-Band am Abend reicht. Interessierte können außerdem verschiedene Gesundheits-Checkups gratis machen lassen.

Siegerehrung: Die ersten drei Plätze erhalten neben der Urkunde auch noch eine Medaille für ihre Leistungen.

Um 16 Uhr findet die Siegerehrung statt. Leider hatte das Zeitmessgerät Aussetzer bei den vorderen Plätzen, sodass die Laufzeiten teilweise noch nicht bekannt sind. Die ersten drei jeder Kategorie werden dennoch ausgezeichnet. Mit Urkunde, Medaille und Handschlag. Wobei – nicht JEDER Kategorie. Ausgerechnet bei den Frauen der kleinen Runde wird nur die Erstplatzierte aufgerufen. Moment – ist das nicht das sportliche Mädchen, das direkt vor mir ins Ziel kam? Hm. Klar, es geht um die gute Sache. Aber nun bin ich doch etwas enttäuscht, dass ich mein Ergebnis nicht kenne und eventuell gerade um die Medaille gebracht werde! Bin ich tatsächlich Zweite geworden?

Die viel größere Ehre gebührt am Ende jedoch anderen: Zum einen natürlich den vielen Helfenden, die den wesentlichen Teil zum Gelingen des Tages beigetragen haben. Zum anderen den 30 Mukoviszidose-Patienten, die selbst den Lauf trotz der schweren Erkrankung mitgemacht haben. Respekt! Organisator Uwe Köller, Vorsitzender des Vereins und selbst Betroffener, spricht ihnen allen seinen größten Dank aus. Am Ende darf natürlich auch nicht der diesjährige Spendenkönig unerwähnt bleiben. Alexander Riebe hat sagenhafte 4.928,96 € gesammelt. Dafür erhält er ein Jahr lang den Wanderpokal.

Mukoviszidose und trotzdem aktiv: Auch dank der vielen Spenden, die in Therapien und Technik fließen, können Betroffene als Organisator*innen und Läufer*innen beim Event dabei sein.
© Uwe Köller

Insgesamt haben am 21. Amrumer Mukolauf 692 Läuferinnen und Läufer teilgenommen. Die Gesamtspendensumme beläuft sich auf 55.000 Euro. Von dem Geld wird u.a. die Sportabteilung mit speziellen Geräten unterstützt. Ein weiterer Teil fließt in therapeutische Klimamaßnahmen, die sich vorrangig an Betroffene richten, denen es aus finanziellen und sonstigen nachvollziehbaren Gründen nicht möglich ist, an einer kompletten Reha-Kur teilzunehmen.

Und ich? Am nächsten Tag erfuhr ich, dass ich tatsächlich Zweite unter den Frauen geworden. Ein wenig stolz bin ich schon, da es mein ganz persönlicher Geschwindigkeitsrekord war. Fürs nächste Jahr habe ich mir dann die halbe Inselrunde vorgenommen. Selbst, wenn ich dann als Letzte ins Ziel taumeln sollte 😉

Die Ergebnisliste finden Sie hier! https://my.raceresult.com/274204/

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Über Nina Löschner

Nina Löschner kam 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin zur Welt. Aufgewachsen auf dem Brandenburger Land zog es sie nach der Schule zurück in die Hauptstadt. In Berlin studierte sie Kunstgeschichte und Englisch, arbeite anschließend im Projektmanagement eines Auktionshauses und schließlich sieben Jahre lang als Redakteurin für Funk und Fernsehen. 2022 nahm sie sich eine berufliche Auszeit und absolvierte einen Freiwilligendienst im Naturschutz auf Amrum. Doch die Insel ließ sie nicht mehr los - und so brach sie alle Zelte in der Hauptstadt ab. Heute arbeitet Nina als Leiterin der Schutzstation Wattenmeer in Wittdün.

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