Die Rabenvögel von Amrum-Teil 2: Elstern, Dohlen und Häher


 

Krähen waren und sind die eine Heimsuchung für die übrige Amrumer Vogelwelt – eine andere sind die Elstern, denn beide haben in der Amrumer Natur keine Regulatoren, keine Feinde.

Elster – ein schöner und kluger Vogel

Elstern (Pica pica) hat es in früheren Jahrhunderten auf Amrum nicht gegeben, weshalb sie auch keinen inselfriesischen Namen haben. Als sogenannte “Flatterflieger” scheuten sich die Elstern, wegen der mangelnden Flugfähigkeit größere Strecken über das Meer zu fliegen. Daher waren auch fast alle Nordseeinseln von der Besiedlung durch Elstern frei. So heißt es z. B. von Sylt, dass sich erst in den 1960er Jahren “in den hohen Bäumen von Keitum Elstern ansiedelten” (G. Pfeifer, 2003). Und von Norderney meldet Manfred Temme, “dass erst mit Beginn der 1980er Jahre a l l e Ostfriesischen Inseln von Elstern besiedelt wurden, vereinzelte frühere Brutversuche aber durch Menschen abgebrochen wurden”. Für Föhr setzt Reinhard Arfsten in seinem “Föhrer Vogelbuch” 1957 (1969) die Elster als Brutvogel um das Jahr 1910 fest und notiert dazu: “Heute ist sie unser schlimmster Eier- und Kükenräuber und plündert Kleinvogelnester…” Eine derartige vollkommen zutreffende Beobachtung eines Naturkenners und Naturschützers wird man heute aber in keiner ornithologischen Publikation finden – am wenigsten in den Mitteilungen der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein und Hamburg.

Über das Wirken eines Elsternpaares hat der Verfasser aus unmittelbarer Nähe Beobachtungen gemacht, die die Aufzeichnungen des vorgenannten Föhrers bestätigen. Zwecks Ansiedlungen verschiedener Singvogelarten habe ich in den 1990-2000er Jahren in der Marsch am Rande von Norddorf eine Naturlandschaft angelegt, mit größeren und kleineren Nadel- und Laubbäumen sowie Dornenhecken, mit einem aktiven Wassergraben und einem kleinen Teich sowie mit Nistkästen für Höhlenbrüter. Der Erfolg ließ nicht auf sich warten. In den ersten Jahren brüteten Buchfink, Grünfink, Klappergrasmücke, Gelbspötter und Zilpzalp, Amsel, Zaunkönig und in den Nistkästen Blau- und Kohlmeise. Auch das Zwitschern der Heckenbraunelle war zu hören. Dann aber erschien ein Elsternpaar, baute in einer höheren Fichte sein kunstvolles Dachnest und machte eine erfolgreiche Brut mit drei ausfliegenden Jungen. Von den vorgenannten Kleinvögeln aber hatte keine Art mehr einen Bruterfolg aufzuweisen, auch nicht die Höhlenbrüter, deren Jungen sofort nach dem Ausfliegen und noch etwas unbeholfen von den Elstern erbeutet und in Sekundenschnelle auseinander gehackt wurden. Im folgenden Jahr versuchte nur noch der Zaunkönig mit einem im dichten Reisighaufen verborgenen Nest eine Brut – und dann war das Brutvorkommen der oben genannten Arten erloschen!

Ein weiteres Beispiel über das Wirken von Elstern spielt sich seit Jahren vor meinem Wohnstubenfenster ab. Hier steht eine Birke mit einer Astgabelung auf halber Höhe. Diese Gabelung ist ein prädestinierter Platz für die Anlage eines Nestes und wird auch als solches seit etwa 20 Jahren genutzt. Aber im Laufe dieser Zeit ist es einem hier heimischen Ringeltaubenpaar nur zweimal gelungen, für Nachwuchs zu sorgen. Bekanntlich legen Tauben (alle Arten) für jede Brut nur zwei Eier, brüten aber zwei- bis dreimal im Sommerhalbjahr. Aus den insgesamt 40 Brutversuchen der letzten 20 Jahre sind nur zweimal Jungvögel flügge geworden. In allen anderen Fällen wurden die Gelege, teilweise auch die gerade geschlüpften Jungtauben geraubt. Es war jedesmal dasselbe: Am frühen Morgen lautes “Schackern” der Elstern, dann im Gras, im Vorgarten die ausgehackten weißen Eierschalenschalen oder die Daunenreste der Jungen. Dabei hat die Ringeltaube etwa die gleiche Größe wie die Elster, ist ihr aber trotzdem völlig hilflos unterlegen und kann den Raub ihrer Brut nicht verhindern. In diesem Jahr hatte sich dann ein Türkentaubenpaar die Astgabel als Brutplatz erwählt. Aber nach nur drei, vier Tagen hatten die Elstern wieder die Taubenbrut entdeckt und vernichtet!

Elstern – auf Amrum ausgesetzt

Wir haben gelesen, dass Elstern als “Flatterflieger” den Flug über Wasserflächen scheuen, und deshalb stellt sich die Frage, wie sie überhaupt nach Amrum kamen. Von Föhr aus sollte dies, zumindest bei Ebbe, möglich gewesen sein. Aber es gibt glaubhafte Berichte, dass diese Rabenvogelart durch menschliches Wirken auf die Insel gekommen ist, wiederum durch Jugendliche der in anderen Fällen erwähnten tierfreundlichen Familie in Norddorf. Es heißt, dass diese Jugendlichen bei Kriegsende oder bald danach, also um 1945/46 die Elstern als Jungvögel von Föhr oder vom Festlande mitgebracht und zuerst im Nebeler Wald an der Satteldüne ausgesetzt haben. Weitere Jungvögel wurden in Norddorf gehalten und ausgewildert. Jedenfalls gab es in den ersten Nachkriegsjahren, spätestens um 1948 nach Erinnerungen des Verfassers erste Elsternnester in den hohen Bäumen im kleinen Park am “Seeheim” und gegenüber im Garten des Hauses Rickmers (damals mit Friesenhaus Diedrichsen), bald auch in einem hohen Birnbaum am Haus des Landwirts Köster. Die Elstern waren zunächst noch relativ zutraulich, verwilderten dann aber in den nachfolgenden Jahren und breiteten sich über die ganze Insel aus. Und wie schon bei den Krähen versuchte auch hier der erwähnte Vogelwärter auf der Amrumer Odde, Dr. Kumerloeve, die Elsternvermehrung durch einige Jugendliche aus Wittdün zu verhindern. In den Gehölzen zwischen Wittdün und der Satteldüne wurden 1952 33 Elsterneier gesammelt, was einer Menge von etwa 6 Bruten entsprach. Aber die Elster ließ sich – mit der Absicht, die ohnehin nicht üppige Klein- bzw. Singvogelwelt Amrums zu schützen – nicht mehr einfangen und wurde ein Teil der Inselornis.

Merkwürdigerweise aber nutzt sie nur in wenigen Fällen den ausgedehnten Inselwald als Brutgebiet, sondern bewohnt kleine Baumgruppen in Dorfnähe oder sogar in den Inseldörfern und – ebenso wie die Rabenkrähe – die nur meterhohen Dornen- und Fichtenbüsche in den Inseldünen. Ein großer Dornenbusch nahe am Quermarkenfeuer brach schließlich unter der Last der hier Jahr um Jahr (für jede Brut immer neu) gebauten Nester regelrecht zusammen! Ein Elsternnest ist ein wahres Kunstwerk. Die umfangreiche, aus Reisig, Erde und Viehwolle gebaute Nestmulde wird mit Zweigen überdacht, so dass der Einlass gegen nahezu sämtliche Feinde gesichert ist. Auch eine Rabenkrähe würde niemals ihren Kopf durch den schmalen Eingang stecken, um das Gelege zu rauben.

Dennoch war es auffällig, dass Elstern gebietsweise verschwanden, wo sich Rabenkrähen übermäßig vermehrt hatten. Eine ähnliche Erscheinung ist auch in der Beziehung zwischen Herings- und Silbermöwen zu verzeichnen. Letztere weichen ohne erkennbaren Brut aus den Brutgebieten. Aber der Süddorfer Naturkenner und Jäger Gerhard Gerrets weist darauf hin, dass die Elster zumindest auf der Südhälfte von Amrum überaus häufig ist und hier sogar in “clanartigen” Scharen auftritt. Eine konzentrierte Bejagung zum Schutz der Artenvielfalt wäre dringend geboten, aber seit etlichen Jahren steht die Elster unter völligem Jagdschutz.

Dohlen und Häher

Dohlen brüten auf Amrum neuerdings in Kaninchenhöhlen

Als weiterer Rabenvogel, der nunmehr einen festen Platz in der Amrumer Vogelwelt hat, zählt die Dohle (Corvus monedula). Über diesen fast immer gesellig auftretenden Vogel wurde bereits auf “Amrumnews” (“Dohlen brüten in Kaninchenhöhlen”, 05.06.2023) berichtet.

Dohlen machen besonders abends, wenn sie zu ihren Schlafbäumen fliegen, einigen Krach, sind aber ansonsten liebenswerte und harmlose Gesellen. Sie sind nicht – oder nur in Ausnahmefällen – als Gelege- und Jungvogelräuber bei anderen Arten bekannt. Hinsichtlich der Anzahl und des Bruterfolges leidet die Dohle auf Amrum aber offensichtlich wie andere Vogelarten unter Insektenmangel.

Eichelhäher – seltener Irrgast im Inselwald

Ein anderer Vertreter der Rabenvögel, aber nicht mit einfarbig dunklem, sondern mit einem teils farbenfrohen Gefieder, ist der Eichelhäher (Garrulus glandarius). Aber trotz des umfangreichen Waldbestandes auf Amrum (rund 200 Hektar) hat sich bis dato kein Eichelhäher eingefunden. Er mag, wie die anderen Rabenvögel auch, nicht über Wasser fliegen und wurde deshalb nur einige wenige Male bei anhaltenden Ostwind-Orkanen vom Festland nach Amrum geweht, kehrte aber jedesmal nach wenigen Tagen dorthin zurück. Nach Untersuchungen in England und lt. “Danmarks Dyreverden” (P.-H. Mortensen) ist der Eichelhäher in der Brutzeit “ein schlimmer Nesträuber”, ist aber vor allem bekannt als Vertilger von Eicheln, die er auch in großer Zahl als Wintervorrat im Boden versteckt und dadurch – weil er nicht alle Eicheln wiederfindet – einen nicht unwesentlichen Anteil an der Verbreitung von Eichenwäldern hat.

Sibirischer Tannenhäher

Noch seltener als der Vorgenannte ist ein weiterer Rabenvogel, der Tannenhäger (Nucifraga caryocatactes), der ebenfalls nur als gelegentlicher Gast auf Amrum verzeichnet wurde. Nur im Sommerhalbjahr 1968 gab es eine Invasion der sibirischen Rasse – offenbar bedingt durch Nahrungsmangel im dortigen Lebensraum. In ganz Norddeutschland und auch auf Amrum wimmelte es von den relativ zutraulichen Hähern. Auch Dorfgärten und Dorfstraßen waren bevölkert. Aber eine Brut ließ sich nicht notieren. Und plötzlich waren die Häher wieder weg! Eine kleinere Invasion konnte noch einmal im September 1977 registriert werden, seither nicht mehr.

2024 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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One comment

  1. Der Nucifraga caryocatactes hägt natürlich keine Tannen und andere Pflanzen sondern ist ein TannenhäHer! 😉

    https://de.wikipedia.org/wiki/Tannenhäher

    Mit freundlichen Grüßen
    L. Schulte

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