
Auf Amrum begann der Fremdenverkehr, wie der Seebädertourismus einst genannt wurde, erst in den 1890er Jahren, rund 100 Jahre später als auf Norderney, 80 Jahre später als in Wyk auf Föhr und 50 Jahre später als in Westerland auf Sylt.
Schon um die Jahrhundertwende hatte die vornehme Wittdüner Badegesellschaft Kapital für einen Fonds zum Bau eines Kinderheims gesammelt, in dem sich bedürftige Kinder kostenfrei erholen sollten. Es war dann das turbulente Auf und Ab der Gründerzeit, das die Einrichtung privater Kinderheime auf Amrum als Geschäftsidee hervorbrachte, als erstes verwirklicht von Frau Elisabeth Wolff, der Gattin des Wittdüner Kur-Direktors. Fast zeitgleich eröffnete die unverheiratete Kinderkrankenschwester A. Auler in Kapitän Köhns vormaligem Strandhotel ihr Kinderheim.
Diese beiden Privat-Kinderheime (Haus Eckart und Haus Auler, später Nordfriesland) wurden schon um 1908 eingerichtet, als die Aktiengesellschaft, der die großen mondänen Hotels in Wittdün und die Satteldüne gehörten, in Konkurs ging und alle Versuche scheiterten, die Saison über die wenigen Sommerwochen hinaus zu verlängern.
Auch deshalb war auf Initiative des Vaterländischen Frauenvereins (heute DRK) unter Führung der Gattin des Kur-Direktors ein drittes Erholungsheim für Kinder aus minderbegüterten Familien hinzugekommen, das vom Vaterländischen Frauenverein dann in der Villa Seerose eingerichtet wurde.
Doch so richtig los ging es ab 1920, nach dem Ende der kaiserlichen Herrschaft in Deutschland.
Einerseits war der Bedarf groß, der sozialen Not und zunehmenden Verwahrlosung der städtischen Jugend in Folge von 1. Weltkrieg und Revolution etwas entgegenzusetzen. Andererseits standen auf Amrum viele der großen Hotels erneut zum Verkauf, weil sich die dänischen Aufkäufer verspekuliert hatten, denn die Mehrheit der Amrumer stimmte nach dem Versailler Vertrag gegen einen Wieder-Anschluss an Dänemark.
Nun schlug die Stunde der preußischen Sozialfürsorge!
In Wittdün entstanden aus den großen Hotels das „Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim“, das Schullandheim „Stadt Flensburg“, „Haus Sonnenschein“ des Gewerkschaftsbunds der Angestellten, das christliche „Lenzheim“ des gleichnamigen Heilstättenvereins und die „Satteldüne“ als Kinderheim des Molkereiverbands, ab 1928 dann TBC-Heilstätte.
In Nebel wurde Hotel „Friedrichs“ zum privaten Kinderheim. Und nachdem Sanitätsrat Dr. Johannes Ide schon 1906 in Nebel ein eigenes Sanatorium errichtet hatte (mit zwischenzeitlicher Dependance in Wittdün), kam Norddorf nun zu einem ersten privaten Kindererholungsheim unter ärztlicher Leitung: Um 1920 eröffnete der Internist Dr. Bernhard Noltenius mit seiner Frau, der Kinderärztin Dr. Hilde Noltenius-Ritter, das Nordsee-Kinderheim „Rüm Hart“ in der eigenen Villa am Stunwai.
Ein paar Häuser weiter richteten Janeta und Martin „Paulsen“ ihr Kinderheim ein. Ortsvorsteher Paulsen kaufte für den evangelischen Reichsverband der Jugenderholungs- und Heilstätten auch das darniederliegende große Pensionat „Seeheim“, und der Reichsverband deutscher Offiziere belegte das 1928 von Victor Quedens eilends hochgezogene Haus „Nordsee“. Auch einige kleinere Häuser finanzierten sich in der Zwischenkriegszeit durch die Aufnahme von Kindern. Die sollten an der guten Nordseeluft gesunden und sich fernab der Großstadt erholen, angehalten zu Freundlichkeit, Ordnung, Disziplin und Vaterlandstreue.
Insgesamt gab es zwischen 1906 und 1939 auf Amrum 18 Kindererholungsheime- und Heilstätten, davon zehn in Wittdün und je vier in Nebel und in Norddorf. Fünf der frühen Heime wurden schon vor dem 2. Weltkrieg aufgegeben, in den anderen nach 1939 meist Soldaten und Kriegsgefangene, später geflüchtete, vertriebene oder heimatlose Familien einquartiert.
Als die nach und nach auszogen, fehlte für die Sanierung der heruntergekommenen Unterkünfte das Geld, aber der Bedarf für die Unterbringung von unterernährten, erholungsbedürftigen, kranken oder verwaisten Kindern und Jugendlichen aus den zerbombten Industriestädten war noch größer als nach dem 1. Weltkrieg. Und so sprossen ab 1950 mit Fördermitteln von Jugendfürsorge und Verträgen der Kranken- und Rentenkassen die Erholungsheime für Kinder wie Pilze aus dem Boden!
In Friesenhäusern, kaum beheizbaren Luxushotels, sogar Baracken und Zelten wurden Quartiere geschaffen für die Unterbringung möglichst vieler Jugendlicher, Kinder und Kleinkinder, die sich auf Amrum erholen, gesund werden oder eine Pflegestelle finden sollten.
Zwischen 1950 und 1964 verdoppelte sich in Norddorf die Zahl der Kinder-Erholungseinrichtungen im Vergleich zur Zwischenkriegszeit, von vier auf acht. In Nebel waren es fünf, ohne die zusätzlich geförderten Sommerlager verschiedener Träger.
Vielen, insbesondere auch alleinstehenden Frauen, ermöglichten die Kinderheime in der Zeit nach dem Krieg eine berufliche Existenz, so manchem die Anschubfinanzierung eines Eigenheims und nicht zuletzt das nötige Einkommen, um die fällige Vermögenssteuer für den Lastenausgleich bezahlen zu können.
Durch die großen Hotelbauten hatten die Wittdüner Kinderheime damals deutlich mehr institutionelle Träger und deutlich mehr Betten als die Heime in Norddorf und Nebel, die Klinik Satteldüne ausgenommen. Wittdün galt als der Kinder-Kurort auf Amrum.
Ab 1947 gab es im Ort 14 verschiedene Freizeit-und Erholungsheime für Kinder und Jugendliche. Alle Heime lagen mitten in den Dünen und mehr oder weniger direkt am Strand. Von überall konnte man noch den Leuchtturm sehen, denn es gab weder hohe Bäume noch den Wald. Man sagt, in Wittdün sei nach dem Krieg fast jedes zweite Haus ein Kinderheim gewesen. „Gefühlt“ mag das ungefähr stimmen, denn Wittdün war damals noch spärlich bebaut.
In 13 Wittdüner Häuser wurden Kinder zu Erholungskuren an die Nordsee geschickt, meistens für mindestens sechs Wochen und ab 1949, wie schon vor 1939, wieder von Dr. Wilhelm Ide, dem Sohn von Sanitätsrat Dr. Johannes Ide, medizinisch betreut. Er führte die Reihen-Untersuchungen der vielen Kurkinder in den Erholungsheimen bereits früh am Morgen durch, noch vor Eröffnung seiner Praxis. Bis 1979 betreute Dr. Ide alle Kinder-Kurheime der Insel, sofern sie keine eigenen angestellten Ärzte hatten.
„Es war stets mein Hauptbestreben, die wirtschaftlichen Interessen der Inselgemeinden durch mein Amt zu fördern“, schrieb der als NS-Funktionär belastete Arzt in seinem 1948 gestellten Gesuch an den Entnazifizierungsausschuss in Niebüll auf Herabstufung zum „Mitläufer“, der Voraussetzung für seine ärztliche Wiederzulassung.*
Politisch „entlastet“ wurde er u.a. von einem Oberkonsistorialrat der evangelischen Kirche aus Karlsruhe, denn Dr. Ide hatte sich 1938 in seiner Funktion als betreuender Heim-Arzt und NSDAP-Ortsgruppenleiter für den Fortbestand der Kinderheilstätte Lenzheim eingesetzt. Das Haus war nämlich nach der Inspektion durch eine Beamtin der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt in Kiel zunächst geschlossen worden, u.a. wegen baulicher Mängel, mangelhafter Hygiene und der lieblosen Unterbringung der Kinder in freudlosen Räumen, die mit Sträflingszellen verglichen wurden.*
Im Krieg quartierte man erst das Inselkommando der Kriegsmarine und die Nachrichtenhelferinnen darin ein, ab 1943 sowjetische Kriegsgefangene, die auf Amrum Zwangsarbeit leisten mussten, und nach 1945 erneut Kurkinder. 1973 wurde das aus Holz gebaute Lenzheim, ehemals Hotel Hohenzollern, abgerissen und 1974 durch einen modernen Zweckbau für Kinderkuren mit Elternbegleitung ersetzt, der bis 2008 genutzt wurde, dann verkauft und zu Urlaubs-Apartments („Strandresidenz“) umgebaut.
Die Kinderheime zogen viele junge weibliche Arbeitskräfte im heiratsfähigen Alter vom Festland auf die Insel. Bis auf den Hausmeister war die Arbeit, für die es damals ja kaum maschinelle Unterstützung gab, meist weiblich – und nicht besonders gut bezahlt: kochen, putzen, waschen, Kinder betreuen…
Zur Boomzeit der Verschickungen in den 1960er Jahren kamen im Wittdün statistisch gesehen 16 Frauen auf einen Mann! Ein Rekord, sogar für eine alte Seefahrer-Insel wie Amrum mit einem Mann-Frau-Verhältnis von 1:4 über Jahrhunderte. Das war sogar dem NDR-Regionalfernsehen einen Sendebericht wert, denn es hat in der damaligen Bundesrepublik wohl nur einen weiteren Ort mit einem solchen Frauenüberhang gegeben. Nicht wenige der jungen Frauen blieben auf der Insel, verliebten sich und haben in Amrumer Familien eingeheiratet.
Die Kinderheime waren und sind ein Wirtschaftsfaktor auf Amrum. Noch heute sind die Fachklinik Satteldüne in Nebel und die AOK Nordseeklinik in Norddorf die größten Arbeitgeber auf der Insel. Doch mehr als 15 Jahre lang waren die Kindererholungsheime, insbesondere in Wittdün, d e r dominierende Wirtschaftszweig auf Amrum und die aus Kranken- und Rentenkassen finanzierten Verschickungskuren ein Booster für den Fremdenverkehr!
Bald jährt sich die Geschichte der Kinderheime auf Amrum zum 125. Mal. Sozialökonomisch lässt sie sich in fünf Etappen erzählen:
– Erste Kinder-Erholungsheime nach der Pleite der Hotel-Aktiengesellschaft 1907
– Aufschwung der Sozialfürsorge nach dem verlorenen 1. Weltkrieg
– Kinder-Verschickungswelle in den „Wirtschaftswunderjahren“ nach dem verlorenen 2. Weltkrieg
– Rückgang seit den 1970er Jahren durch den wachsenden Individualtourismus
(Umwandlung vieler Heime in Ferienwohnungen und Apartment-Anlagen)
– Sozialpolitische Veränderungen nach 1990
Heute gibt es auf Amrum noch sieben Freizeit- und Kureinrichtungen für Mutter-Vater-Kind-Kuren oder für Freizeiten von Schulklassen, Jugendgruppen, Familien und Senioren: zwei in Norddorf (AOK Nordseeklinik, Schullandheim Ban Horn), zwei in Nebel (Fachklinik Satteldüne, Schullandheim Honigparadies) und drei in Wittdün (DRK/Alma-Münster Haus, Berlin-Wilmersdorfer Nordseeheim, Jugendherberge).
Und nach wie vor gilt: Wem es als Kind auf Amrum gefallen hat, kommt wieder.
Bitte lesen Sie auch den Artikel „Wo war ich als Kind zur Kur?“, denn die Ambivalenz, tausende Kinder ohne ihre Eltern weit weg von zuhause auf eine karge Nordseeinsel zu verschicken, ist untrennbar mit der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte Amrums verbunden, und wir fangen gerade erst an, uns dieser Verantwortung stellen.
Die jeweilige Geschichte der 32 Kinderheime, die es von 1908 bis heute auf Amrum gegeben hat, können Sie jetzt auf einer gründlich recherchierten, interaktiven Amrum-Karte des bundesweiten Vereins Verschickungsheime e.V. im Internet finden: www.heim-weg.de
*Quellenangabe: Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abt. 460.17 Nr. 201
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum


















Zwei tolle Artikel, Frau Thomas-Niemann!
Mit Interesse habe ich den Beitrag über die Kinderheime auf Amrum gelesen. Auch ich wurde 1952 mit acht Jahren verschickt, um ein “bisschen mehr Speck auf den Rippen zu bekommen”. Ich war sechs Wochen im Kinderheim Lüding in Bad Sachsa unterbracht. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich dort irgendwelchen Misshandlungen ausgesetzt gewesen worden bin. Im Grunde ging es darum, ein bisschen mehr an Gewicht zuzulegen. Ich weiß noch, dass es an einem tag Kürbissuppe gab, die ich pertout nicht mochte. Nach ein paar Löffeln habe ich mich übergeben, alles landete auf meinem Teller. Die Kindergärtnerin forderte mich auf, den Teller mit dem Erbrochenen erneut zu essen. Irgendwie musss ich es dann wohl geschafft haben. Logischer weise esse ich heute immer noch keine Kürbissuppe. Heute sehe ich diese Maßnahme nicht als Misshandlung oder Erniedrigung an. Ich hatte immerhin nach sechs Wochen ein paar Kilo zugenommen, damit war meine Mutter voll zufrieden. Mit mir zusammen wurde übrigens noch Karen Kramer aus Süddorf nach Bad Sachsa verschickt.