
Es ist nicht leicht, mit dem Wenigen, was man aus seiner Kindheit erinnert, auf Spurensuche zu gehen. Oft fragen Gäste mich bei Führungen durch das Öömrang Hüs: „Ich war als Kind auf Amrum zur Kur. Das Haus lag dicht am Strand, und man konnte den Leuchtturm sehen. Kann das in Wittdün gewesen sein?“ Meist muss ich dann passen, denn vor 50 Jahren konnte man von jedem Punkt der Insel den Leuchtturm sehen, wirklich von jedem! Und es gab auf Amrum damals 23 (!) verschiedene Heime, in die Kinder zur Erholung verschickt wurden, wie die neuesten Recherchen ergeben haben. Kinder- und Jugend- Freizeiten nicht mitgerechnet. Allein in Wittdün waren es 13 Häuser – und die lagen damals alle noch dicht am Meer.

Seit den 1960/70er Jahren hat sich Amrum stark verändert: Der Wald wuchs hoch, und das Wattenmeer wandelt sich stetig. Viele Häuser und Straßen wurden gebaut, die alten Kinderheime zum Teil abgerissen oder umgebaut, überall Bäume und Sträucher gepflanzt.
Mehr Details sind von Nöten, doch kindliche Erinnerungen sind meist bildhafte Gefühle und Gerüche. Viele der damaligen Erwachsenen, die man befragen könnte, sind inzwischen leider verstorben und die Akten der Krankenkassen oder Rentenversicherer meist geschreddert.

Die Einen verbinden schöne Erinnerungen mit ihrer Kur, andere machten fern von ihrem Elternhaus traumatische Erfahrungen, aber Heimweh – das hatten alle Kinder, die verschickt wurden!
Manche sind lange Zeit nach ihrer Verschickungskur an die Nordsee das erste Mal wieder auf der Insel Amrum, aber viele erzählen, es ziehe sie seit Kindertagen immer wieder her, weil sie damals Meer und Dünen lieben lernten.

Die Bedingungen, wie Kinder ihre Kur erlebten und verarbeiten konnten, waren individuell sehr unterschiedlich und hingen von vielerlei Umständen ab. Pauschalierende Anklagen helfen wenig, aber dass Menschen ihren Gefühlen trauen können und man ihren Berichten Glauben und Gehör schenkt, ist unendlich wichtig und kann helfen, das Erlebte aufzuarbeiten.
Das Thema wurde viel zu lange ignoriert und mit der Aufarbeitung erst spät begonnen. Es ist vor allem der Initiative von Anja Röhl zu verdanken, die den Verein „Verschickungsheime e.V.“ ins Leben gerufen hat und 2019 auf Sylt einen ersten Kongress organisierte, auf dem Betroffene und Fachleute zusammenkamen, um sich auszutauschen. https://verschickungsheime.de/ueberblickskarte-kontakte/

Inzwischen gibt es Gruppen und Kontaktpersonen für fast jeden Verschickungsort und zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema, seit 2021 auch einen Gesprächskreis für ehemalige Verschickungskinder, die in schleswig-holsteinischen DRK-Heimen untergebracht wurden. „Ursprünglich als Erholungsaufenthalte für kranke oder aus traumatischen Verhältnissen stammende Kinder gedacht, entwickelten sich in den Heimen Strukturen, in denen Leid und auch Gewalt an der Tagesordnung waren“, musste das Deutsche Rote Kreuz auf Basis einer Studie feststellen, die auch das älteste institutionelle Kinderheim Wittdüns untersucht hatte.
Heute wird wohl niemand mehr ein Kind dazu nötigen (können), alles aufzuessen, was ihm zuvor ungefragt auf den Teller gelegt wurde; mittags eine oder gar zwei Stunden zu schlafen, wenn es überhaupt nicht müde ist; Pipi lange anzuhalten, obwohl es dringend muss, und vor die Gruppe zu treten, wenn‘s dann in die Hose oder ins Bett ging. Um nur vier alltägliche Beispiele zu erwähnen, die in der Erziehung viel zu lange Gang und Gäbe waren, nicht nur in Heimen, Kitas und Schulen, sondern auch in manchem Elternhaus.
Heutzutage würde hierzulande hoffentlich auch kein Arzt mehr auf die Idee kommen, Kinder zwischen einem und zwölf Jahren wegen ihres Gewichts oder einer allergischen Erkrankung, getrennt von der Familie ins Gebirge oder an die See zu verschicken und wochenlang zusammen mit fremden Kindern in einem Heim unterzubringen. Aber genau das ist rund 11 Millionen Kindern von den 1950er bis in die 1980er Jahre in Deutschland passiert. Für viele Urlaubsregionen waren die Kinder-Verschickungskuren ein großer Wirtschaftsfaktor in der Nachkriegszeit – so auch auf Amrum. (Siehe den Artikel „Kinderheime als Wirtschaftsfaktor“ auf Amrum News)
Die Zeit der „Verschickungskinder“ werfe heute viele Fragen auf, schrieb die Leitung der Klinik Satteldüne in einem Brief am Tag der Offenen Tür anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens:
„Wie können wir für alle Betroffenen einen wertschätzenden Umgang mit dieser Thematik schaffen? Wie kann diese Thematik ihren Weg aus dem Feld der Tabuisierung hin zur Transparenz finden? Wie können wir als Klinik auch bei der individuellen Aufarbeitung helfen?“
Es sei Teil ihres Bewusstseins, dass Kinder und Jugendliche in der Obhut von Mitarbeitenden der Fachklinik zum Teil großes körperliches und seelisches Leid ertragen mussten, schrieben Dr. Christian Falkenberg als ärztlicher Direktor und Saskia Louwers als Verwaltungsdirektorin.
Man stelle sich der historischen Verantwortung und biete an, in einen Austausch zu gehen. Heute beschäftige sich die Klinik aktiv mit dem Schutz und der Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Bei Grenzüberschreitungen beziehe man bewusst Position. „Unser großes Anliegen ist es, die physische und psychische Gesundheit der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Unser heutiges Handeln besteht auf Wertschätzung und Partizipation.“

Einen wichtigen Beitrag zur individuellen Aufarbeitung hat jetzt die Amrum-Gruppe des Vereins Verschickungsheime geleistet, in dem sie alle Kinderheime, die es seit 1908 auf Amrum gegeben hat, auf einer digitalen Karte der Insel erfasste und mit den aktuellen Adressen, alten Fotos und Informationen über die frühere und heutige Nutzung der Gebäude hinterlegte. Die Informationen werden fortlaufend ergänzt. Viele Ortskundige wie Georg Quedens oder Inge Sarsfield haben mit ihrem Wissen dazu beigetragen. Der Tourismus-Ausschuss in Wittdün unterstützt das Anliegen und hat einstimmig beschlossen, gemeinsam mit der Initiative an die vielen Kinderheime auf Amrum zu erinnern und an angemessener Stelle der Wattseite gut sichtbar ein künstlerisch gestaltetes Objekt mit einer Informationstafel aufzustellen, die elektronisch mit der Heim-Karte verknüpft ist, damit sich die ehemaligen Kur-Kinder auf Spurensuche begeben können.
Hier ist die Amrumer Heim-Karte zu finden: heim-weg.de/heim-wege
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum


Beide Artikel von Frau Thomas-Niemann greifen ein Thema auf, das mich mit meinen 63 Lebensjahren zunächst unterschwellig, aber dann zum Glück sehr präsent weil bearbeitbar, begleitet hat. Ich bin als 8 jähriger in das Kinderheim Dr. Ide verschickt worden und muss sagen: Die mir dort zugefügten seelischen Schäden begleiten mich ein Leben lang und äussern sich in Depressionen und Angststörungen. Insbesondere letzte machen mir zu schaffen…! Es hilft, dem auf den Grund zu gehen, die Erinnerungen fixieren und verstehen zu können und damit die Misshandlungen nicht in der eigenen Person liegend zu betrachten sondern im damaligen Umfeld zu suchen.
Dazu tragen die Artikel von Frau Thomas-Niemann bei, indem die damaligen Umstande erläutert und die Heime eine Sichtbarkeit bekommen. Das macht den Weg frei für positive Eindrücke: Ich lernt als Kind das Watt bei Amrum kennen und lieben…bis heute..!
Die Verbundenheit mit der Insel lebt so weiter, auch im Rahmen der Aufarbeitung ihrer Verschickungsgeschichte an der ich mich als HOK Amrum der Initiative Verschickungskinder beteilige. Für Interessierte sei die Homepage: https://verschickungsheime.de/ empfohlen.
Liebe Astrid, danke für die Artikel !
Michael Spiegel