Mit Jenny Peters verliert die Insel ihre einzige Hebamme. Persönliche Gründe zwingen die dreifache Mutter zum Umzug. Welche Versorgung nun auf Amrum fehlt und wie Jenny dennoch erreichbar bleiben möchte …
“Der Storch zieht weiter”, titelte Amrum News vor knapp zwei Jahren, als der Staffelstab der damaligen Inselhebamme Antje Hinrichsen an Jenny Peters weitergegeben wurde. Nun zieht er erneut – allerdings gemeinsam mit Jenny aufs Festland. Eine Nachfolge gibt es nicht.

Ein Umzug, der schwerfällt
Ziemlich betrübt steht Jenny Peters zwei Tage vor dem Umzug in ihrer Wohnung in Norddorf. Um sie herum stapeln sich zahlreiche gepackte Umzugskartons, nur das Nötigste befindet sich noch unverstaut in den Zimmern. „Die Entscheidung zu gehen, fällt mir keineswegs leicht“, sagt Jenny Peters. „Ich bin wirklich innerlich zerrissen.“ Zwei Jahre lang hat sie nebenberuflich als Hebamme auf Amrum gearbeitet und dabei überdurchschnittlich vielen werdenden Eltern mit Beratung und Unterstützung nahezu rund um die Uhr zur Seite gestanden. „Allein in diesem Jahr habe ich 14 Babys betreut!“, freut sich Jenny. Selbst ihre Vorgängerin hatte meist nur maximal zehn Geburten jährlich. „Das war wirklich ein außerordentlich geburtenstarkes Jahr auf der Insel – und natürlich auch viel Arbeit für mich!“, gibt sie zu.
Wohnungsnot statt Inselidylle
Der Grund für den Wegzug ist rein privater Natur: „Als ich damals auf der Insel anfing, war gerade erst meine zweite Tochter Clara geboren. Mittlerweile haben wir allerdings drei Kinder – und die Wohnung wird einfach zu klein. Und etwas Größeres können wir uns hier einfach nicht leisten“, bedauert Jenny Peters. Ihr Blick fällt dabei aus dem Küchenfenster auf das Nachbarhaus. „Wir schauen seit einem Jahr auf heruntergelassene Jalousien. Der Besitzer lebt auf dem Festland und ist mittlerweile zu alt, um das Haus selbst zu bewohnen. Nun steht es seit einem Jahr leer. Ein komplettes Haus mit Garten! Das ist einfach ärgerlich.“ Dabei träumt die fünfköpfige Familie von genau so einem Eigenheim. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich so ‘spießig’ werde“, lacht Jenny. „Eigentlich bin ich ein WG-Typ, wollte immer in großer Gemeinschaft leben. Aber inzwischen merke ich, wie gern ich auch einfach allein mit meiner Familie zusammen bin.“

Zurück zu den Wurzeln – und zur Familie
Den Traum vom eigenen Haus mit Garten erfüllt sich Familie Peters nun auf dem Festland. In einem kleinen Dorf bei Gelting an der Ostsee ist Jenny groß geworden, dort werden sie ihr Elternhaus umbauen und übernehmen. „Meine Geschwister wohnen auch da. Und mein Vater, der mittlerweile pflegebedürftig ist und Unterstützung braucht. Daher werde ich erstmal nur Mutter sein und mich um meinen Vater kümmern, bevor ich hauptberuflich als Hebamme weiterarbeite“, erzählt Peters.
Dankbar für ein starkes Netzwerk
Vermissen wird sie einerseits die vielfältige Natur und ganz besonders die Steenodder Mole im Sommer. „Das ist so ein richtiger Einheimischentreff, das mag ich sehr“, schwärmt sie. Vor allem aber wird ihr das soziale Netzwerk fehlen. „Ich habe hier so wahnsinnig liebe und hilfsbereite Menschen kennengelernt, wie selten zuvor in meinem Leben. Ich bin niemand, der sich leicht tut, nach Hilfe zu fragen. Hier auf der Insel musste ich das gar nicht – wenn die Kinder oder ich krank waren, stand plötzlich ein Korb mit Lebensmitteln vor der Tür!“, berichtet sie voller Dankbarkeit.
Die ungefragte Unterstützung konnte Jenny auch gut gebrauchen. Ihr Mann Norman Peters arbeitet bei den Seenotrettern – im zweiwöchentlichen Schichtdienst. So war die dreifache Mutter regelmäßig 14 Tage lang alleinerziehend. „Norman wird auch in Zukunft seinen Job weitermachen und pendeln. Einmal im Monat werde ich dann auch wieder mit auf die Insel kommen“, erzählt Jenny. Denn: So ganz aufgeben kann sie ihre Tätigkeit nicht. „Es gibt keine Nachfolge für mich. Wenn ich gehe, sind die werdenden Eltern hier auf der Insel komplett alleingelassen. Das ist schwer zu ertragen für mich“, gibt Peters traurig zu. „Ich werde versuchen, ehrenamtlich eine Hebammensprechstunde anzubieten, bei Bedarf mit CTG-Kontrolle und ausführlichen Geburtsvorbereitungskursen. Im Wochenbett möchte ich mit Telefonie und Videocalls beratend zur Seite stehen.“
Im Vergleich zu vorher ist das eine deutliche Reduzierung ihrer Tätigkeit. „Im Wochenbett habe ich die Eltern vier Wochen lang intensiv betreut – in der ersten Woche war ich täglich da, später alle zwei Tage. Und natürlich rund um die Uhr erreichbar.“ Da kam es dann auch schon mal vor, dass sie noch nachts um 23 Uhr einem frischgebackenen Vater beim Füttern half oder Fotos von vollen Windeln analysieren durfte. „Ich habe das immer gern gemacht, zumal die Eltern sehr dankbar waren. Aber am Wochenende jetzt einfach mal das Handy ausschalten zu können, ist auch eine Sache, auf die ich mich freue“, gibt Jenny schmunzelnd zu.
Eine Versorgungslücke, die Sorgen macht
Für die werdenden Eltern auf der Insel ist Jennys Wegzug ein herber Schlag. Auf Föhr gibt es bislang noch zwei Hebammen. Wie lange die beiden ihrem Job allerdings noch nachgehen, ist unklar. Aufgrund der angespannten Situation auf unserer Nachbarinsel raten viele Föhrer Vermieter Touristinnen mittlerweile davon ab, noch während der Schwangerschaft Urlaub dort zu machen. Die nicht vorhandene Notfallversorgung und das Reizklima, das vorzeitige Wehen auslösen kann, stellen ein erhöhtes Sicherheitsrisiko für die Mütter dar. Ein Szenario, das nun auch auf Amrum Realität werden könnte.
Jennys Weggang zeigt, wie verletzlich die Infrastruktur kleiner Inselgemeinden geworden ist. Amrum verliert nicht nur eine Hebamme, sondern ein Stück Sicherheit. Doch Jennys Engagement und ihre Bereitschaft, weiter zu unterstützen, geben Hoffnung. Vielleicht ist ihr Abschied auch ein Weckruf, Lösungen zu finden, bevor noch mehr fehlen wird.
AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum

