Fast keine Singvögel mehr auf Amrum
Wald und Vogelgesang werden vielfach im deutschen Liedgut thematisiert – z. B. im alten Volkslied “Ich ging durch einen grasgrünen Wald, da hört ich die Vögelein singen…” – die alten deutschen Lieder, die oft die verschiedenen Landschaften besingen, vom Allgäu bis nach Amrum und vom Schwarzwald bis nach Ostpreußen (“Land der dunklen Wälder”) sind ein überaus reicher Schatz. Aber auch in anderen Ländern wird dieses Naturbild beschworen, wie in “Jeg gik mig ud en sommerdag at høre fuglesang, som hjertet kunne røre,…” (Grundtvig, Nr. 464 im Buch der dänischen Lieder).
Amrum ist die Nordseeinsel mit dem größten Waldbestand, einem fast geschlossenen Wald zwischen dem Leuchtturm und Norddorf sowie etlichen Einzelgehölzen, insgesamt fast 200 Hektar.
Aber im Inselwald herrscht weitgehend das große Schweigen. Man kann fast behaupten, dass dieser die an Brutvögeln ärmste aller Insellandschaften ist. Auswärtige Kenner des Vogellebens beklagten schon in der Vergangenheit die Armut des Amrumer Inselwaldes an Vogelstimmen und Vogelarten und vermuteten, dass dies an der Entfernung zum Festland lag (25 km), so dass die Verbindung zur dortigen Vogelwelt fehlte und sich immer nur einzelnen Arten während der Zugzeit auf die Insel verirrten.
Nur in den Jahren der jungen Aufforstung von etwa 1970 bis 1990, als die Kiefern und Fichten etwa mannshoch waren und als “Gebüsche” eine gute Möglichkeit für den Nestbau etlicher Vogelarten boten, konnten nach intensiver Beobachtung einige Waldvogelarten notiert werden (Dorngrasmücke, Klappergrasmücke, Fitis, Heckenbraunelle, Rotkehlchen, Gelbspötter, Wintergoldhähnchen und andere) sowie in Nistkästen Blau- und Kohlmeisen registriert werden. Einige Arten, wie Gartenrotschwanz, Misteldrossel oder Baumläufer, ließen sich nur in einem einzigen oder wenigen Jahren bestätigen. Nur Zaunkönig und Buchfink konnten sich über Jahrzehnte bis dato behaupten. Aber die Behauptung einiger studierter Ornithologen, dass die auf Amrum immer wieder beklagten Zustände und Probleme mit Rabenkrähen und Elstern durch das Übermaß der Aufforstung und der damit verbundenen Übervermehrung dieser Rabenvögel selbst verursacht seien, trifft nicht zu. Denn – merkwürdig genug – beide Rabenvogelarten wurden durch die umfangreiche Aufforstung nicht begünstigt. Sie meiden beide den großen Inselwald als Brutplatz und nutzen vielmehr kleine Einzelgehölze, Bäume und Büsche in der Landschaft für die Anlage ihrer kunstvollen Nester.

Elstern siedeln sich sogar mit Vorliebe im unmittelbaren Bereich menschlicher Siedlungen an. Beispielsweise sah man nach dem herbstlichen Laubfall in Nebel in kleinen und größeren Bäumen mindestens ein halbes Dutzend der großen, überdachten “Nestburgen”.
Die Elster hat keinen friesischen Namen, weil sie erst nach Kriegsende auf Amrum heimisch wurde, und zwar nicht auf natürlichem Wege, da sie sich kaum die weite Entfernung über das Meer zu fliegen getraut hätte. Als sogenannter “Flatterflieger” ist die Elster immer nur auf kurze Strecken programmiert. Die Elstern wurden also von Menschen, nach heutiger Kenntnis von jugendlichen “Tierfreunden” als Nestlinge vom Festland nach Amrum gebracht, wo sie gleich verwilderten und sich schnell vermehrten. Als der Verein Jordsand das Naturschutzgebiet Amrum-Odde wieder besetzte, ließ einer der ersten Vogelwärter, Dr. Hans Kumerloeve um 1950 Jugendliche in Wittdün die Gelege von Elstern absammeln, um die Vermehrung zu verhindern. Gesammelt wurden 33 Eier, was etwas den Gelegen aus sieben Nestern entsprach. Das Ziel von Dr. Kumerloeve war der Schutz der damals sehr dürftigen Kleinvogelwelt. Und damals waren die Vertreter des Naturschutzes und die Vorstände von Vogelschutzvereinen noch nicht so ideologisch unterwegs wie heute und wussten, dass man Rabenvögel kurzhalten muss, um anderen Vogelarten eine Daseinschance zu ermöglichen. Denn wo ein Elsternpaar ganzjährig ein Revier besiedelt hat, wird man kleinere Singvogelarten vergeblich suchen.
Elstern beherrschen ein Biotop allein

Das Wirken von Elstern konnte und kann der Verfasser seit Jahrzehnten aus eigener Beobachtung in unmittelbarer Gartenumgebung eindrucksvoll erleben. Vor etwa vierzig Jahren wurde in der Marsch am Rande von Norddorf ein spezieller Brut- und Lebensraum für Kleinvögel eingerichtet. Dazu gehörten ein Teich mit Randvegetation, ein durchlaufender Wassergraben, Büsche und Bäume von Laub- und Nadelbäumen sowie Nistkästen für Höhlenbrüter. Der Erfolg war durchschlagend. Schon im ersten Jahr besiedelte der damals häufigste Amrumer “Waldvogel”, der Buchfink, das Gelände, gefolgt von einem Grünfinkenpaar. Ebenso war der Gelbspötter mit einer Brut zur Stelle, und von den anderen Laubsängern der Fitis und sogar der seltene Zilpzalp (benannt nach seinem unmelodischen Gesang “Zilp-zalp”). Die Grasmücken waren mit der Dorngrasmücke vertreten, und natürlich bauten auch einige Amselpaare in den Gebüschen ihre Nester. Ebenso wurden einige Nester der Ringeltaube sowie der Gesang der Heckenbraunelle notiert. In den Nistkästen brüteten Blau- und Kohlmeisen. In Reisighaufen fand der Zaunkönig eine geeignete Einrichtung für sein Kugelnest, und in einem Stapel abgesägter Baumstämme sogar eine Brandgans eine Unterhöhlung für ihre Brut.
Von Ideologen zu heiligen Vögeln erklärt
Aber dann entdeckte ein Elsternpaar diese landschaftliche Idylle und siedelte sich in einer hohen Fichte mit einer der bei Elstern üblichen Nestburgen an. Und sofort wurden alle der oben genannten Brutvögel ihrer Bruten beraubt. Nur das Zaunkönignest lag in einem derart dichten Reisighaufen, dass die Elstern es nicht erreichen und ausrauben konnten. Alle anderen, auch die Ringeltaube, immerhin so groß wie eine Elster und eigentlich gegen diese verteidigungsfähig, verloren ihre Brut. Binnen eines Jahres war die genannte Vielfalt der anderen Vögel verschwunden und bis heute von keiner anderen Art wieder besiedelt. Es blieb bis dato ein ausschließliches Elstern-Revier.

Ein anderes Beispiel über das Wirken dieser klugen Rabenvögel erlebt der Verfasser ebenfalls seit Jahrzehnten direkt vor seinem Stubenfenster. Hier steht eine Birke, deren Astgabeln in etwa 4 Metern Höhe eigentlich ein idealer Nistplatz für Ringeltauben sind und ungeachtet der Verluste durch Elstern auch jedes Jahr genutzt werden. Bekanntlich legen Tauben immer nur zwei Eier, brüten dafür aber zwei- bis viermal im Laufe des Sommerhalbjahres. Für die Ringeltauben in der Birke – vermutlich immer dasselbe Paar – wurden in etwa zwanzig Jahren ungefähr 45 Bruten bzw. Brutversuche notiert, aber nur ein einziges Mal gelang es, Nachwuchs bis zum Flüggewerden großzuziehen – nur einmal in all den Jahren! Ansonsten hörte man, meist schon frühmorgens, das laute “Schäckern” der Elstern und wusste: das Nest ist wieder leer. Sowohl Eier als auch die gerade geschlüpften Jungen wurden von den Elstern geraubt.
Wir haben gelesen, dass vor knapp 80 Jahren der Vogelwart des Vereins Jordsand, Dr. Kumerloeve, aus Sorge um die Amrumer Singvogelwelt die Vermehrung der Elstern durch das Absammeln der Gelege behinderte. Ein Übriges besorgten wir Dorfbuben durch das Sammeln von Krähen- und Elstereiern, denn beide Arten galten als Bedrohung der übrigen Vogelwelt und mussten durch Naturschutz und Bejagung kurzgehalten werden. Das war damals ein entsprechend der Naturkenntnis und der praktischen Beobachtungen ungeschriebenes Gesetz.

Aber ab den 1960er Jahren verbreiteten sich zunehmend Ideologen im Lande, insbesondere im Naturschutz. Die Rolle der Rabenvögel wurde nun ganz anders beurteilt, praktische Beobachtungen und Erkenntnisse über den Einfluss von Krähen und Elstern bestritten und diese Arten faktisch, wie bei den alten Germanen, zu heiligen Vögeln erklärt und unter Naturschutz gestellt. Später mussten dann aufgrund der Verluste in der übrigen Vogelwelt die Rabenkrähen wieder mit einer Jagdzeit ab 1. August bis Jahresende reguliert werden, aber die Elstern bewahrten sich ihren Vollschutz, zumal sie draußen in der Feldmark immer seltener wurden, weil sie zunehmend in Dörfer und Städte zogen. Aber nichts wäre mit Rücksicht auf die übrige Vogelwelt wichtiger, als die Elster wieder mit einer Jagdzeit zu regulieren!
Der Absturz der Singvögel
Das Jahr 2025 war für die Amrumer Kleinvogelwelt ein trauriges Jahr. Nicht nur die Vielzahl an Elstern verhinderte den Bruterfolg, sondern auch das vom Menschen verursachte Massensterben der Insekten durch Vergiftung der Landschaft. Und dazu kommen noch die Unbilden des Klimas bzw. der Wetterlagen. Denn ungeachtet der Klimaveränderung in den letzten Jahrzehnten ist eine Konstante geblieben: die “Eisheiligen” mit ihrem Kälteeinbruch gerade zur Brutzeit vieler Vogelarten und dem damit verbundenen Hungertod durch Insektenmangel oder durch die niedrigen Temperaturen selbst. Sehr ausgeprägt war diese Wetterlage auch im Frühjahr 2025.
Zu den wenigen etwas positiveren Beobachtungen gehört die allerdings mittlerweile ebenfalls klein gewordene Kolonie der Mehlschwalben am Tonnenhaus des Seezeichenhafens bei Wittdün, während sich am Norddorfer “Vogelberg” – Hotel Seeblick – früher umschwärmt von Rauch- und Mehlschwalben, nur eine einzige erfolgreiche Brut notieren ließ. Der Star, früher ein in fast allen Dorfgärten singender Vogel, wurde nur noch mit einer erfolgreichen Brut am Hause Gerrets in Süddorf gemeldet. Ein treuer Star, der dort schon etliche Jahre brütet. Alle anderen Stare sind von Amrum verschwunden, weil die Hauptnahrung zur Brutzeit, die Tipula oleracea (Larve der Wiesenschnake, fries. “grä würam”) fehlt.

Verstummt, bis auf einzelne Ausnahmen, sind auch die wunderbaren Morgen- und Abendlieder der Amsel. Dieser früher häufigste Dorfvogel leidet natürlich auch unter dem Insektenmangel, ist aber seit einigen Jahren zusätzlich betroffen durch eine Seuche, die durch das aus Afrika stammende und von Mücken übertragene Usutu-Virus verursacht wird. Die infizierten Vögel sitzen mit aufgeplustertem Gefieder apathisch am Boden und sterben oder werden von Katzen erbeutet.
Zum Verschwinden einiger Kleinvögel trägt natürlich auch der Umstand bei, dass es kaum noch Geflügelhaltung an Privathäusern gibt. Dafür haben sich aber die landwirtschaftlichen Aussiedlungen von Schult und Andresen bei Norddorf in kleine Vogelparadiese verwandelt. Hier sind noch nennenswerte Bruten von Haussperlingen (Spatzen) zu finden, ebenso einige Rauchschwalben.
Am dramatischsten aber ist das Verschwinden der Feldlerche (fries. “laask”) von Amrum. Feldlerchen gehören immer zu den Erstbesiedlern, wenn Inseln oder Halligen entstehen und sich erste Vegetation gebildet hat.
In den Jahren um 1973-75 schätzte der Dortmunder Ornithologe Reinhold Neugebauer die Zahl der Feldlerchensänger auf der nördlichen Inselhälfte auf 250, für die gesamte Insel auf 600-1000 Brutpaare! In der Brutzeit im Mai 2025 konnten auf der Feldmark zwischen Nebel und Norddorf nur zwei fliegende Feldlerchen, aber kein Gesang notiert werden. Der Himmel blieb leer! Und ebenso still und schweigend steht der Inselwald. Ein Himmel ohne Lerchenlieder, ein Wald ohne Vogelgesang – was genau sind die Ursachen für diese Zustände und wer ist dafür verantwortlich???
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AmrumNews Online-Zeitung der Insel Amrum


Also, dass der Bestand der Singvögel im Wald zurückgeht ist offensichtlich und sich die Amseln nach dem Usutu Virus nur langsam erholen auch. Aber ich kann keine völlige Stille im Inselwald bestätigen.
Zilpzalp und Fitis, Mönchsgrasmücke und Kohlmeise, Blaumeise und Singdrossel sind deutlich zu hören.
Wintergoldhähnchen vermehren sich stetig, haben aber wahrscheinlich unter den Eisheiligen gelitten.
Der Zaunkönig hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und lässt sich Winter wie Sommer beobachten. Die Rauchschwalbe vermehrt sich ebenfalls und ist in Wittdün gut zu hören und zu sehen.
Heckenbraunellen nisten bei mir im Garten.
Der Klimawandel hat deutliche Auswirkungen auf die Singvögel, aber noch ist es im Wald nicht zu völliger Stille gekommen. :)!
Sorgen macht mir allerdings der fortschreitende Zuwachs von Dohlen, in Wittdün hat sich eine große Gruppe Richtung Südspitze angesiedelt!
Sonnige Grüße
Kathrin Spranzel
(Passionierte Vogelbeobachterin, kommuniziere täglich mit ihnen;-)!)