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Amrums Weltmeisterin im Line Dance: Britta Lindner

So geht Lächeln!
©Jan Dettmering

Es ist paradox: Da wird jemand Weltmeisterin und sagt: „Ich muss noch ganz viel lernen“. Britta Lindner, 39, Lehrerin an der Öömrang Skuul hat Anfang des Jahres den Weltmeistertitel im Line Dance geholt – in der Kategorie Modern Basic. Ein Jahr zuvor ertanzte sie sich bei den Europameisterschaften in zwei Sparten den ersten und zweiten Platz und 2016 war sie Vize-Weltmeisterin in der Klasse Classic Crystal. Und jetzt dieser Kommentar. Sie lacht. „Ich steige jetzt auf zu den Intermediate – und jetzt wird’s eben ganz schön anspruchsvoll.“

Britta Lindner in Action!
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Line Dance, diese Sportart, die sich ein bisschen nach starr auf Linie getrimmt anhört ist es mitnichten. Und schuckeln mit Cowboyhut ist auch nur eine Seite. Wer kennt sie nicht, die Tanzeinlagen bei John Travoltas Saturday Night Fever?! Das ist die andere Seite des Sports. Es gibt die Sparten Classic und Modern. Auf die Newcomer, die bis zu sechs Tänze beherrschen müssen, folgen die Novicen, in denen Lindner jetzt den WM-Titel gewann. Der Schritt zum Intermediate und Advance braucht noch mal mehr Disziplin und viel mehr Schrittfolgen. Und ganz oben an der Spitze der sieben Rangstufen, die man hier Dimensionen nennt, leuchtet der Showcase und der Megastar.

„Aber mein Job als Lehrerin geht vor. Außerdem habe ich noch ein Ehrenamt und einen Partner.“ Britta Lindner unterrichtet derzeit die zehnten Klassen mit einer Fächerbreite von Chemie bis Friesisch, sie leitete ehrenamtlich das Aufnahmeteam von Amrums erstem genossenschaftlichen Wohnprojekt und trainiert die Inselkinder im Line Dance. Rund drei bis sechs Mal im Jahr ist sie in Wettkampfdingen unterwegs, quer durch Deutschland und Europa. „Das ist ein bisschen wie früher Interrail.“ Genau das ist es, was die Tanzbegeisterte an dem Sport fasziniert: „Er bringt Menschen zusammen – von überall her. Wir sind fast wie eine Familie, wir helfen einander, ziehen uns die Kostüme zurecht, kaufen sie einander ab und steigen bei den Trainern der anderen mit ein.“ Und wie man an Britta Lindner sieht, kann in dem Sport auch jemand Karriere machen, der auf einer eher mäßig angeschlossenen Insel lebt.

Die Weltmeisterin
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Der WCDF (World Country Dance Federation), ein Weltverband der Line Dancer stellt im Internet alles bereit, was die Tänzer brauchen: Schrittfolgen, Musik und Videos für alle Levels lassen sich bequem von überall her herunterladen. Zig neue Choreographien entstehen jede Woche weltweit und werden für alle zugänglich gemacht. Ein Sport, scheinbar immer am Puls der Zeit.

„Wenn ich probe, habe ich immer meinen Laptop dabei“, sagt Lindner. Zweimal die Woche eine Stunde kann sie für sich freischaufeln. Am liebsten tanzt sie im Gymnastikraum des Amrumer Schwimmbades. „Das ist der einzige Raum auf der Insel mit drei Spiegeln.“ Manchmal steht sie auch einfach nur vor der Spüle und trainiert. „Mache ich die Armbewegung jetzt rund oder lieber gerade?“ Sie lacht und bewegt ihre Arme über dem Kopf. „Das kann man überall üben, auch beim Wäsche aufhängen.“ Apropos Arme: Lindner ist zierlich und nur 1,57 Meter hoch. Aber bei den Wettkämpfen tanzen bis zu acht Personen gleichzeitig. Die Kampfrichter am Rand stehen schon mal auf, um besser sehen zu können. „Wenn ich in der Mitte tanze, dann versuche ich natürlich, mich so zu bewegen, dass die Jury mich auch sieht“, sagt sie und wedelt gekonnt mit den Armen. „Und Gottseidank kann ich lachen, wenn ich merke, dass ich mich vertanzt habe“. Man sei so konzentriert auf die Schrittfolgen, müsse ja zu jeder Seite hin tanzen, da passiere es schon mal, dass man aus einer wunderschönen Bewegung herauskommt, beseelt die Augen aufmacht und sieht, dass alle anderen in eine ganz andere Richtung tanzen. „Ich lache dann – und tanze mich irgendwie wieder in die Gruppe zurück“, sagt sie.

Lindner betont immer wieder, wie ihr das Miteinander an dem Sport gefällt. „Ich kann auch einer Konkurrentin einfach sagen, dass sie toll getanzt hat. Und beim Kaffee oder Klamottentausch reden wir alle miteinander.“ Sechs Kostüme hat Lindner, alle gebraucht. „Wegen der Nachhaltigkeit und des Portemonnaies.“ Ihre Cowboystiefelchen und Schühchen (Größe 34/35) sind unglaublich biegsam und haben angeraute Ledersohlen. Der Glitzer an den Kleidern sei ein Synonym für „Du bist drin“, sagt sie. „Man darf erst ab dem dritten Level glitzern. Im Breitensport und als Newcomer trägt man einfach noch normale Tanzsachen.“

Britta Lindner in Action! © Picturelifestyle.nl

Von Polka über Walzer, Westcoast Swing bis zum hiphop ähnlichen Funky und Choreographien zu aktuellen Hits wird alles getanzt. Und das Coole an dem Sport offenbart sich beim Anschauen der Youtube-Videos von diversen Meisterschaften: Da bewegen sich – auf WM-Niveau! – Menschen übers Parkett in Gewichtsklassen von XS bis XXL. Gibt es noch einen anderen Leistungssport, der seine Anhänger dergestalt eint? Das betont auch Lindner: „Jeder, der Lust hat, Wettkampf zu erleben, kann da mitmachen. Und so eine WM mit 400 Teilnehmern ist sogar noch überschaubar.“

Lindner, die in Bremerhaven geboren und dann nach Hamburg mitverzogen wurde, war immer schon tanzverliebt: von Eiskunstlauf über Bronze, Gold bis Turniertanz, Jazz und Aerobic. „Diese TV-Serie Anna und dann noch Dirty Dancing, da waren wir alle hin und weg.“ Es folgten tanzkarge Jahre während des Lehramtstudiums in Flensburg, ehe 2008 eine Stelle als Lehrerin auf Amrum frei wurde. Im gleichen Jahr begann sie mit Line Dance. Im Hinterzimmer der alten Strandhalle in Nebel bei einem Kurs, den zwei Amrumer anboten, die den Sport auf dem Festland ausgeübt hatten Aus der kleinen Gruppe wurde schnell eine große mit viel Spaß. Man zog mal hier, mal dort hin zum Mittanzen. „Das schöne ist eben, dass jeder, der drei bestimmte Tänze kann, auf dem untersten Level gleich mittanzen darf.“ Man tourte also rum und Britta Lindners Erfolg begann. „Irgendwann sagte jemand: Schön, dass du so gut bist, aber nun steig mal richtig ein.“

Wenn sie unterwegs ist, übt sie schon mal bei dem Trainer einer Vereinsmannschaft mit. Und was für ein Glück, dass sich einige Line Dance-Profis in Amrum verliebt haben. Wenn der ehemalige Weltmeister Udo Drescher wieder abreist, ist Lindners Übungsplan voll. „Daran hab ich drei Monate zu tun.“

Die Tanzbegeisterte hat viele ihrer Erfolge zusammen mit Leene Motzke erlangt. Auch sie lebt auf Amrum. „Leene verbindet ihr Talent jetzt sogar und macht eine Ausbildung zur Tanzpädagogin“, freut sich die Weltmeisterin über den Weg der 17-Jährigen.

Vergangenes Wochenende tanzten die beiden bei den Deutschen Meisterschaften, die in Berlin stattfanden. Sie sei aufgeregter gewesen als sonst, sagte Britta Lindner nach dem Turnier. „Ich war die Woche vorher krank und daher auch sehr unkonzentriert. Hat aber scheinbar alles nicht genützt. Bei den Intermediate, ihrer neuen Aufstiegsklasse, belegte sie den ersten Platz und wurde Deutsche Meisterin. Das Schwerste sei, sich hinterher in den Aufnahmen selbst tanzen zu sehen. „Das muss ich immer sacken lassen und gucke es mir erst Wochen später an.“

Leene Motzke konnte sich in ihrer Altersklasse über zwei sechste Plätze freuen. Die junge Lady reiste noch in der Nacht zurück nach Hamburg, wo sie ihre Ausbildung macht.

 

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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