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Der kleine Leuchtturm


“Kleiner Leuchtturm”, letj ialtürn, wird das Quermarkenfeuer am Strand zwischen Nebel und Norddorf am Inselbogen Hörn genannt, das zu den besonderen Merkzeichen in einer sonst unberührten Dünenlandschaft gehört. Es wurde im Jahre 1906 errichtet, als das Deutsche Reich noch einen Kaiser hatte und gemütliche Formen beliebt waren. Heute würde dort vermutlich nur eine kahle rotweiße Eisenstange stehen. Aber damals achtete man auf die Form, und Leuchttürme dieser Art wurden auch andernorts an deutschen Küsten aufgestellt, beispielsweise auf der Insel Hiddensee bei Rügen.
Als Begründung für ein Seezeichen an dieser Stelle mag die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass im Jahre 1901 die Sylter Südspitze Hörnum für den Seebäderverkehr erschlossen war, der Hamburger Reeder Albert Ballin mit seiner “Nordsee-Linie” in der Sommersaison von Hamburg aus über Helgoland seine stolzen Bäderdampfer (“Sylvana”, “Cobra”, später “Prinzessin Heinrich” und “Königen Luise”) nach Hörnum sandte und von dort die Fahrgäste mit der eigens dazu erbauten Dampfspurbahn durch die Dünenwildnis der langen Sylten Nehrung Hörnum nach Westerland beförderte.
Der Staat tat ein übriges und errichtete im gleichen Jahre 1906 auf Hörnum einen Leuchtturm 1. Ordnung. Und damit war der Anfang für die Besiedelung der bis dahin unbewohnten Sylter Südspitze gemacht. Gleichzeitig wurde im Jahre 1906 aber auch noch ein zusätzliches Feuerschiff auf der Amrum-Bank ausgelegt und damit die Einfahrt nach Hörnum mit nahezu unfassbarer Perfektion gesichert. Ob die Drohbriefe von Albert Ballin, den Staat für mögliche Strandungsfälle von Bäderdampfern und den Tod von Passagieren verantwortlich zu machen, Anlass für dieses überbordende Seezeichenwesen waren, sei dahingestellt. Wahrscheinlich spielten flottenstrategische Überlegungen, die Sicherung küstennaher Seewege für die Kriegsschiffe Seiner Majestät, ein größere Rolle.
Es wurden aber erstaunlicherweise im Seebereich von Amrum auch noch unverändert zahlreiche Strandungsfälle registriert, ungeachtet der Tatsache, dass 1875 der Amrumer Leuchtturm in Betrieb gegangen und die Seefahrt von Segelschiffen auf Dampfer umgestellt wurde, die sich leichter von den Untiefen und Sandbänken bei Amrum freihalten konnten.

Heringsmöwen vor dem Quermarkenfeuer

Für den Bau des Quermarkenfeuers gab die Firma Julius Pintsch aus Berlin ein Angebot über 9.540 Mark ab. Der Bauer und Fuhrunternehmer Johannes Jensen in Nebel machte den Vorschlag, das Baumaterial für das Quermarkenfeuer im Kniephafen direkt am Standort anzulanden, aber offenbar wurde das Material dann doch über die Mole von Steenodde mittels Pferdefuhrwerken von Martin Köster aus Süddorf und Simon Lorenzen aus Nebel zur Baustelle befördert. Die Maurerarbeiten für den Turmsockel und für den Gaskeller besorgte der Maurermeister Philipp Ahrend. Die Turmhöhe betrug 7,50 Meter, und zunächst war der Turm einfarbig grau. Die Flamme wurde mit Gas betrieben, aus einem Kessel, der am Fuß der Leuchtfeuerdüne in einem Keller deponiert war, dessen Reste noch heute sichtbar sind.

Am 12. Mai 1906 meldeten die “Nachrichten für Seefahrer”, dass das Feuer angezündet sei. Aber von Anfang an gab es Schwierigkeiten, erst mit der Gasleitung, dann mit dem Selenapparat, der mit einer Zeituhr die Flamme abends zündete und morgens löschte. Die Firma Pintsch musste immer wieder Techniker nach Amrum schicken, um die Schäden zu beheben. Erst als im Oktober 1909 eine neue Zünd- und Löschuhr eingebaut wurde, funktionierte das Feuer einwandfrei.

Wege durch die Dünen

Der Betrieb des Quermarkenfeuers war wie erwähnt durch einen Selenapparat mit Zeituhr gesichert, aber es wurde dann doch nötig, aufgrund wiederkehrender Betriebsmängel einen Wärter für die tägliche Kontrolle einzustellen. Die Anstellung im Staatsdienst war seinerzeit auf Amrum aufs höchste begehrt, denn es gab nicht viele Berufe auf der Insel, die ein festes Einkommen sicherten. Das gesamte Jahresgehalt für den Leuchtfeuerwärter betrug allerdings nur 350 Mark, also weniger als eine Mark täglich. Trotzdem war die Stelle begehrt, und es meldeten sich auch sofort mehrere Bewerber.
Hugo Jannen aus Süddorf konnte auf seinen Militärdienst beim 31. Regiment in Altona und auf seinen Schwager Richard Krietsch verweisen. Die Absolvierung des Militärdienstes war seinerzeit eine sehr wichtige Voraussetzung für einen “Zivilversorgungsschein”, ohne den es keine staatliche Anstellung gab. Und Richard Krietsch war der erste Hauptwärter des 1875 in Betrieb genommenen großen Amrumer Leuchturms auf Großdün bei Süddorf, 1888 von der Kgl. Regierung als Hafenmeister nach Tönning versetzt.
Auch der Schuhmacher und Standesbeamte Hinrich Jessen in Nebel konnte auf eine Militärzeit verweisen und dass er “zum Gefreiten befördert worden…” sei. Und der frühere Kapitän Nickels Gerret Ricklefs meldete sich “als alter, aber noch rüstiger Seemann” und verwies auf seine nautisch-seemännischen Erfahrungen als Schiffsführer Großer Fahrt. Er war 65 Jahre alt und als eifriger Wildkaninchenjäger bekannt. Aber der tägliche kilometerlange Weg von Nebel über die Heide und durch die Dünen wäre wohl doch etwas zuviel geworden.

Aber die Entscheidung war schon anderweitig gefallen. Der für die Düneninspektion Keitum-Sylt auf Amrum tätige Dünenaufseher Hans Christian Hansen schlug dem Wasserbauinspektor Hessler den in Norddorf wohnenden Dünenvorarbeiter Gustav Nahmens (1873-1936) als Hilfswärter vor, “da derselbe stets pünklich, fleißig und nüchtern gewesen ist…”
Der Leuchtfeuerwärter Gustav Nahmens hatte für die geringe Bezahlung einen aufwendigen Nebenjob (neben seinem Beruf als Dünenhalmpflanzer für den Küstenschutz) übernommen. Zwar musste er nur abends und morgens auf die hohen Dünen westlich von Norddorf laufen und beobachten, ob das Leuchtfeuer brannte bzw. erloschen war. Aber der Selenapparat erwies sich als derart störungsanfällig, dass Gustav jeden Tag zweimal bis zum Quermarkenfeuer laufen musste. So entstand in den Heidetälern und in den Dünen ein ausgetretener Pfad, der teilweise noch heute, hundert Jahre nach Gustav Nahmens Belauf, sichtbar ist!
Auch die Blaugasanlage am Fuße des Quermarkenfeuers war nicht ohne Fehl und musste 1913 mit hohem Kostenaufwand erneuert werden. Zwei Jahre später aber wurde das Feuer gelöscht. Weltkrieg! Alle Leuchtfeuer wurden gelöscht, um feindlichen Invasionsflotten keine Markierungspunkte zu bieten. Aber noch ehe der 1. Weltkrieg zu Ende war, im August 1917, erhielt Gustav Nahmens den Befehl, das Quermarkenfeuer wieder in Betrieb zu setzen.
1927 erhielt der kleine Leuchtturm mit Hängeglühlichtbrenner und Kugelspiel ein neues Lichtsystem. Und am 1. April, als Gustav Nahmens 60 Jahre alt und in Ruhestand verabschiedet wurde, wurde als neuer Wärter der Norddorfer Dünenpflanzer Friedrich Wilhelm Peters (Fitje Wimme) eingestellt. Fitje Wimme war auch der erste Jagdpächter der Gemeinde Norddorf, nachdem im Jahre 1934 das Reichsjagdgesetz erlassen und die Wildkaninchen als “Jagdwild” deklariert wurden. Vorher waren sie zeitweilig als “Schädlinge” angesehen worden und durften von jedermann bejagt werden.

Die Gemeindegrenze zwischen Norddorf und Nebel lag eben südlich des kleinen Leuchtturms, der also auf Norddorfer Gebiet stand. Als Jagdpächter entsprechend den neuen Gesetzen über Wildhege und Naturschutz war Fietje Wimme auch verantwortlich für das bisher frei und gesetzlos betriebene Möweneiersammeln – damals ein wichtiger Beitrag zur Ernährung der Bevölkerung. Dazu schrieb der Jagdpächter gegen eine geringe Gebühr eine “Sammelerlaubnis” aus, und für die Norddorfer war nun der kleine Leuchtturm die Markierung für das Sammelerlaubnisgebiet.
Friedrich Wilhelm Peters hatte aber keine große Gelegenheit mehr, auch von seinem Haus am westlichen Dünenrand von Norddorf noch einen Weg in das Gelände bis zum Leuchtturm “einzulaufen”, denn 1937 erhielt der kleine Turm elektrisches Licht über eine 6km lange Leitung vom großen Leuchtturm, für eine Summe von 7.440 Mark eingegraben vom Bauunternehmer Heinrich Behrens aus Wittdün. Von der ursprünglichen Gasversorgungsanlage sind heute nur noch Mauerruinen vorhanden, die bei Inselgästen mancherlei Spekulation hervorrufen.

Erst Ende der 1970er Jahre erhielt der Turm seinen rotweißen Anstrich. Und um dieselbe Zeit wurde der Weg zum Leuchtturm von der Vogelkoje Meerum aus durch einen Bohlenweg erschlossen und auf der Düne selbst eine Aussichtsplattform errichtet, von der aus man einen Überblick nach Westen und Nordwesten hat, über das Vortrapptief und über die Seesände mit ihren ewigen Brandungskränzen draußen vor Amrum.
Der kleine Turm erfüllt auch in einer Zeit, wo andere, größere Leuchttürme abgeschaltet werden, unverändert seine Funktion als Quermarkenfeuer mit seinem Sektor nach Westen über das Vortrapptief und nach Norden mit einem Leitsektor in Richtung des Hörnumer Leuchtturmes.
Als Kuriosum sei noch vermerkt, dass das kleine Eisengitter rund um das Kuppeldach seit mindestens einem halben Jahrhundert Generationen von Rabenkrähenpaaren eine Gelegenheit für die Anlage eines umfangreichen Nestbaus bietet, der Wind und Wetter und den vielen Besuchern der Leuchtturmdüne trotzt.

Georg Quedens

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One comment

  1. Jetzt weiß ich endlich, was das für eine kleine Ruine am Fuße ist!

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