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Im Watt lauert der Tod!


Wattenwanderungen gehören zu den größten Attraktionen der Sommersaison an der Nordseeküste. Vom Festlande aus und von Insel zu Insel sind bei günstiger Tide Tausende von Badegästen unterwegs, fast alle in der Obhut eines Wattenführers, der seine Wanderungen nach Ebbe- und Flutzeiten plant und für Notfälle mit den nötigsten Gerätschaften ausgerüstet ist. Etliche Wanderer sind aber auch – sich auf die eigenen Kenntnisse verlassend – auf eigene Faust unterwegs.

Der Wattenweg zwischen Amrum und Föhr dürfte zum meistbelaufenen Wanderweg an der Nordseeküste gehören, markiert mit Reisigbüscheln oder Stöcken und benutzt nicht nur von Gästen auf beiden Inseln, sondern auch von Einheimischen. Früher konnte man noch vom Ausgang Amrumer Odde direkt nach Utersum/Föhr laufen. Nach der Orkanflut 1962 wurden allerdings mittels eines Spülbaggers riesige Sandmengen zur Verstärkung des Föhrer Deiches aus einem vorher flachen Priel aufgespült, so dass dieser sich dermaßen vertiefte, dass heute ein Umweg bis hinauf nach Dunsum gemacht werden muss und sich der früher kaum 2km lange Weg auf etwa 5km verlängerte.

Die Sage erzählt, dass Föhr und Amrum sich noch im Mittelalter so nahe waren, dass nur ein Priel die beiden Inseln trennte. Im Priel lag ein Pferdeschädel als Übertritt zwischen den beiden Inseln. Aber als eines Tages ein Mädchen aus Bequemlichkeit einen Brotlaib in den Priel warf, um darauf zu treten, erzürnte sich der Himmel über diesen Frevel und riss mit einer Sturmflut die Inseln auseinander. Und nicht immer erreichten seitdem Wanderer die sicheren Ufer. Die Chronik weiß von etwa 20 Todesfällen in den letzten beiden Jahrhunderten. Beispielsweise kam am 6. Februar 1834 der Föhrer Tierarzt Volkert R. Volkerts ums Leben, als er mit zwei Landsleuten zu Pferde auf dem Rückweg von Amrum war, aber die Flut schon zu hoch aufgelaufen war und die Reiter bei Nacht auf den Rücken ihrer Pferde versuchten, das Hochwasser zu überstehen. Dies gelang auch zwei Reitern, aber als der Morgen graute, war das kleinere Pferd mit dem Tierarzt verschwunden.

Am 30. Juni 1863 machte sich die 45jährige Helene Brodersen aus Nebel auf den Weg nach Nieblum, wo sie bei der Birkvogtei die Scheidung von ihrem gewalttätigen Mann einklagen wollte. Sie hatte jedoch die Ebbe- und Flutzeiten nicht beachtet und kam im Watt um.

Am 23. Juli 1912 ertranken zwei junge Damen aus Wyk, die als Zeitungsverkäuferinnen nach Amrum wollten, sich aber nicht um die Tidezeiten gekümmert hatten.

Auch nach dem 2. Weltkrieg forderte der Wattenweg zwischen Föhr und Amrum einige Opfer. 1945/46 waren zahlreiche Flüchtlinge und Vertriebene aus dem deutschen Osten nach Amrum gekommen und hier zwangseinquartiert worden. Die Nahrungsnot war groß, und etliche der Flüchtlinge wanderten bei Ebbe über das Watt nach Föhr, um dort bei den Bauern zu arbeiten oder mit Waren zu “hamstern”. Aber die Gezeitenlandschaft war ihnen nicht vertraut, und manche wanderten munter “drauflos”. Diesen Leichtsinn mussten am 18. September 1946 der 34jährige Ernst Nickel und am 25. Oktober 1947 der erst 15jährige Arnold Roland mit dem Leben bezahlen. Von beiden liegen noch die Grabplatten auf dem Neuen Friedhof.

Durch glückliche Umstände gerettet

Die Chronik des Wattenweges berichtet aber auch über einige Vorfälle, bei denen die Betroffenen mit dem Leben davonkamen. Der Amrumer Lehrer Johann Martensen berichtet in seinem Tagebuch am 31. Juli 1870, dass ein Hamburger Handelsmann und seine fünf Begleiter, insgesamt 3 Männer und 3 Frauen, sich auf dem Wattenweg Föhr-Amrum verfahren hatten und von der Flut überrascht im Wasser die Flutzeit übernachten mussten, aber mitsamt den Pferden am nächsten Tag glücklich an Land kamen. Sie hatten Glück, auf einer Wattenfläche zu stehen, die bei Hochwasser nur etwa anderthalb Meter überflutet ist, wie an vielen Stellen im Watt zwischen den beiden Inseln!

Um 1900 war ein Krämer aus Utersum auf Amrum gewesen und war auf dem Weg zurück nach Föhr. Aber dann kam Nebel auf alle Orientierung ging verloren. Die Flut kroch schon aus den Prielen, da spannte der Krämer die Pferde vom Fuhrwerk, setzte seine Frau und eine mitreisende Nachbarin und sich selbst auf den Rücken der Pferde, und diese gelangten watend und schwimmend ungeachtet des Nebels an das sichere Ufer der Insel.

Nervenstärke bewies auch ein junger Mann aus Wittdün, Helmut Pioch, am 6. Februar 1948. Er hatten seinen kranken Vater im Kurhaus Utersum besucht und sich zu diesem Zweck vom Schiffer Detlev Boyens die langschäftigen Stiefel geliehen, um die winterlichkalten Priele zu durchwaten. Nachdem er mit dem Fahrrad bis zur Odde geradelt war, machte er sich auf den Weg und wollte nach dem Besuch gerne nach Amrum zurück. Es wurde schon dunkel, aber die Leuchttürme von Hörnum und Amrum zeigten die Richtung. Und dann kam plötzlich dicker Seenebel auf und alle Orientierung war verloren. Helmut Pioch hatte als Fallschirmspringer den Weltkrieg überlebt und nicht die Absicht, im Watt zwischen Föhr und Amrum zu ertrinken. Er suchte zunächst eine höhere Wattenfläche, erkennbar an hellerem Sand. Hier trug er Tang und Miesmuscheln und Sand zu einem Hügel zusammen und stellte sich darauf, als die Flut herankam und langsam an den Stiefeln hochkroch. Aber nicht nur die steigende Flut, auch die Kälte zehrte an der Verfassung des stillstehenden Mannes. “Jetzt kam die Angst auf”, erzählte Helmut Pioch später. “Ich dachte an meine Frau, meine Tochter und meine Eltern.”

Helmut Pioch mit Ehefrau Erika

Möwen schrien durch die Finsternis, und einige Male glaubte der in der steigenden Flut stehende Mann Stimmen zu hören, so dass er laut um Hilfe rief. Vielleicht hatte man ja auf Föhr das Unglück bemerkt und ein Ruderboot ausgeschickt? Plötzlich kam ein leichter Wind auf und der Nebel begann, sich zu verflüchtigen. Die Leuchttürme kamen nun wieder in Sicht, und Helmut konnte seinen Standort erkennen. Die Amrumer Odde lag noch ein Stück entfernt. Nun kam es nur noch darauf an, in der steigenden und eisigen Flut das Leben zu verlieren oder die Odde zu erreichen. Helmut stieg von seinem Hügel, und sofort liefen die Stiefel voll Wasser. Einer ging schnell verloren, aber der zweite blieb stecken und war nun hinderlich beim Schwimmen. “Ich schwamm um mein Leben”, erzählt Helmut Pioch weiter, “und plötzlich erschien eine dunkle Wand vor mir, die Bordwand des Schiffes “Graf Luckner”.

Motorschiff “Graf Luckner”. Hier konnte Helmut Pioch seine Leben retten.

Der erste Versuch, aus dem Wasser heraus und an Deck zu kommen, misslang, aber dann konnte ein außerhalb der Bordwand hängender Reifen erfasst werden, über den ich auf das Schiff kletterte. Hier konnte ich die Kajütentür öffnen, meine nassen Kleider ausziehen und mich unter die Decke der kleinen Bettstelle legen. Dann schlief ich ein und wurde erst am nächsten Morgen geweckt, als einige Leute nach mir suchten…”. Auf Amrum war Helmut Pioch als überfällig gemeldet worden, und als am Strand an der Odde das Fahrrad gefunden wurde, musste das Schlimmste befürchtet werden. Umso größer war die Erleichterung, als der Eigentümer des Schiffes, Detlev Boyens, den glücklich Geretteten in der Kajüte entdeckte, der dann mit dem Auto zurück nach Wittdün gebracht wurde.

Ein Vater verlor seine Familie

Dramatische Vorfälle hat es nicht nur auf dem Wattenweg Föhr-Amrum gegeben. Am 23. Dezember 1866 wollte der Seefahrtschüler Tjark Evers nach dem Besuch der Navigationsschule über Weihnachten zu seinen Eltern nach Baltrum reisen und ließ sich von Westaccumersiel mit einem Boot zur Heimatinsel bringen. Bei dichtem Nebel wurde er am Ufer abgesetzt. Es war aber nicht das Ufer von Baltrum, sondern eine Sandbank im Wattenmeer! Als der junge Seefahrer den Irrtum bemerkte, war das Boot aber schon längst im Nebel entschwunden. Hilflos musste nun Tjark Evers in der steigenden Flut den nahenden Tod erleben, schrieb aber noch einen Abschiedsgruß an die Familie und legte den Brief in eine Zigarrenkiste, die am 3. Januar auf Wangerooge antrieb und sich noch heute im Heimatmuseum in Esens (Ostfriesland) befindet. “Liebe Eltern, Gebrüder und Schwestern. Ich stehe hier auf einer Plate und muss ertrinken. Ich werde Euch nicht wiedersehen und Ihr mich nicht… Ich grüße Euch zum letzten Mal… Gott vergebe mir meine Sünden und nehme mich zu sich in sein Himmelreich…”, schrieb der 21jährige Jüngling angesichts des nahenden Todes. Die kleine Kiste mit dem Brief wurde gefunden, die Leiche von Tjark Evers aber trieb nirgends an.

Tragisch war auch der 16. April 1968. Eine Familie aus Essen machte Urlaub in Cuxhaven, von wo aus sich eine Mutter mit ihren drei Kindern, sieben, zehn und zwölf Jahre alt, auf den Wattenweg zur Insel Neuwerk machte. Aber sie hatte nicht die Tidezeit beachtet, und alle wurden von der auflaufenden Flut überrascht und kamen um.

Auf dem vielbelaufenen und mit Pferdekutschen befahrenen Wattenweg zwischen Cuxhaven und Neuwerk sind heute für den Notfall Stellagen aufgebaut, auf die sich Wattenwanderer retten können. Eine ähnliche Konstruktion plante auch die Gemeinde Amrum anlässlich einer Gemeinderatssitzung am 25. März 1914. “Der Amtsvorsteher Bendixen wird ermächtigt, mit dem Amtsvorsteher von Westerland-Föhr Verbindung aufzunehmen, ob das dortige Amt bereit ist, zu den Kosten eines Rettungsgerüstes zwischen Amrum und Föhr beizutragen”. Aber die Föhrer waren nicht bereit, denn der Fremdenverkehr und Wattenwanderungen von Kurgästen spielten in den Dörfern von Westerland-Föhr noch überhaupt keine Rolle. Am 6. April 1914 hieß es dann auch auf einer Gemeinderatssitzung von Amrum: “Amt Westerland-Föhr nicht bereit, zu den Kosten eines Rettungsgerüstes im Watt beizutragen. Dagegen wird die Aufstellung von Warntafeln an den Übergangswegen auf Föhr und Amrum erfolgen”.

Georg Quedens

 

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