Seegent nei juar! Silvester auf Amrum …


Ein „Flüchtlingstreck“ zog durch Ockholm, wie eine Anwohnerin es beschrieb; auf den Fähren der Wyker Dampfschiffs-Reederei fand man zeitweise nur auf dem Fußboden Platz; einige Restaurants verzeichneten die umsatzstärksten ( und härtesten) Tage des Jahres; es wurden Förtchen im Akkord gebacken bei Bäcker Schult in Norddorf, vor der Nebeler Kirche ein Megaauflauf zu Mitternacht. Und an Neujahr wird eine Karawane von Menschen mit Tieren um die Amrumer Nordspitze ziehen … Und am Ende werden alle sagen, was für eine tolle Idee das war, an Silvester dem Festlandstrubel und seiner Knallerei zu entfliehen.

Gehen wir hulken oder bleiben wir zuhause und gucken Hulken? Jedes Jahr eine Abwäg-Frage. Während gegen 20 Uhr die Straßen noch recht ruhig dalagen, wurde es zu späterer Stunde immer bunter. Die Hulken drängten sich in die Zimmer, es gab Schnaps (Genever rot oder klaren Kümmel), auch mal Sekt oder „Wasser, bitte – wir sind schon seit Stunden unterwegs.“

Einige Hulken konnten sich noch zurückerinnern an die Zeit, wo vieles Bewegliche wie Gartentore oder Masten – oft von unbeliebteren Nachbarn – verschwanden. „Bloßer Vandalismus“, sagt einer, der mal dabei war, früher – und heute lacht. Ansonsten: wunderschöne Kostüme. Viele Blumen, schönste Maskenparaden, Urviecher, Filmhelden, Kultbands, Prinzessinnen und die Themen der Zeit: Klimaschutz in all seinen Facetten. Aus den Seiten uralter Aral-Straßenatlanten entstanden ganze Roben, riesige 60er-Jahre-Brillen funkelten in der Nacht.

Diese alte Tradition ist so lebendig – und neben dem Spaß am Verkleiden dient doch auch sie letzten Endes nur wieder dazu, sich zu treffen, miteinander zu sprechen, nachdem man sich erst nur mit Schweigen der Raterei preisgab. Ein wunderbares Ritual … in den letzten Stunden des Jahres dieses Miteinander, die Freude am Gemeinsamsein.

Den ganzen Tag schon das aktive Läuten der Feuerwehrglocken – jeder Zug ein Wunsch – und um Mitternacht die Glocken von St. Clemens und der Posaunenchor. Da war der Platz vor der Kirche schon voll mit Menschen. Eine entsprechend dosierte Vatertagsbox donnerte Musik raus für die erste Stunde des neuen Jahrzehnts – es wurde getanzt.

Die Hulken tauschten sich aus über ihre Erlebnisse. Wer vom Fachwissen mancher Insulaner profitieren konnte, durfte sich glücklich schätzen, auch jenseits der großen Amrumer Hulk-Hotspots Einzelhaushalte mit älteren Mitbürgern hulkend glücklich gemacht zu haben. Dabei stieß manch Grüppchen auch auf den Club der über 270-Jährigen, der besteht, wenn zwei 90-Jährige den Geburtstag ihrer 92-jährigen Freundin feiern – an Silvester.

Böllerig blieb die Insel ruhig. Nur in den sozialen Netzwerken über Föhr knallte es ein wenig. Erst gings nur um vermeintlich zu viel Böllerei auf der Nachbarinsel (unser armer Hund!), dann um die Sinnfrage (Föhr oder Amrum) und als man die Ausgangsproblematik vergessen hatte eierten ein paar verbale Rohrkrepierer durchs Netz.

Das Wetter diese Jahr: „Eine Nacht zum Heldenzeugen“, rief ein Mann jenseits des Zeugungsalters mit Blick in den sanften, windstillen, klaren Sternenhimmel. „So was hatten wir hier die letzten Jahre nie!“

Die Menschen gingen auseinander. Mitten in der Nacht lagen auf dem Kirchplatz nur noch eine matt glänzende Hulkpappe und ein verbogener Stuhl. Weiter Richtung Meer, in der Diskothek 54∘Nord war Tanzlust hundert Prozent. „Da drehen wir heute Nacht die Fliesen um“, wie eine Insulanerin sagte.

Für Sie zusammengestellt – die schönsten Bilder unserer Nacht:

Fotos von Undine Bischoff, Susanne Jensen, Thomas Oelers und Peter Lückel

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About Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.

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