Notizen über die Inselnatur seit 1975


Im Archiv des Verfassers befinden sich drei dicke Notizbücher, beginnend im Jahr 1975 bis 2020, also über eine Zeit von 45 Jahren mit Daten und Fakten aus der Amrumer Natur. Dabei beziehen sich die Notizen vor allem auf die Vogelwelt, insbesondere auf die Brutvögel, die ja wie in kaum einer anderen Insellandschaft die Natur auf Amrum prägen. Aber auch wichtige Fakten und seltene Daten von Föhr und anderen Nordseeinseln sind notiert, z. B. aus jüngster Zeit die Verbreitung des Löfflers (Platalea leucorodia) oder die explosionsartige Vermehrung der Wildgänse, insbesondere der Weißwangengans (Nonnengans) (Branta leucopsis). Daneben kennzeichnen besondere Ereignisse den Inhalt der Notizbücher, so das Leben der neu entstandenen Grauganspopulation in der Vogelkoje Meerum mit “treuen” und “untreuen” Gantern (1979), die heute kaum noch zu begreifende Vermehrung der Eiderenten mit “Kindergärten” von bis zu 1000 Jungen in der Hafenbucht Wittdün-Steenodde (1977-80 u.w.), aber auch die Tragödie im Gefolge einer Ölpest im September 1983 mit etwa 500 toten Eider- und Trauerenten.

Eine, verglichen mit der heutigen Situation, bemerkenswerte Nachricht aus dem Jahr 1980: Der Fitis, ein unscheinbarer, spatzengroßer Vogel aus der Laubsängerfamilie, war einer der häufigsten Singvögel auf Amrum, an Dorfrändern, in der Vogelkoje, überall dort, wo junge Birken stehen, die für das Vorhandensein dieses Vogels mit seinem lieblichen, zwitschernden Gesang offenbar notwendig sind. Aber so, wie die Birken größer wurden, wurde der Fitis immer seltener und ist heute bis auf Einzelbruten verschwunden. Andere Singvögel sind ebenfalls seltener geworden.

Der Fitis, ein Laubsänger, vor Jahrzehnten noch häufig auf Amrum

Auch das Auftauchen der aus China stammenden Wollhandkrabbe ist natürlich notiert. Fritz Paulsen aus Norddorf meldete im Mai 1979 diesen Neubürger an deutschen Küsten erstmals in den Reusen seines Fischgartens im Watt an der Odde. Aber auch Berichte aus der Amrumer Säugetierwelt sind nicht vergessen. Am 20. November 1991 zog ein Rothirsch, ein Achtender (klassifiziert nach den Sprossen des Geweihs), seine Fährte durch Amrum und wurde noch bis zum 8. Dezember bestätigt, ehe er über Föhr wieder zum Festland entschwand oder jener Hirsch war, den die Besatzung einer W.D.R.-Fähre in Richtung Hallig Langeneß schwimmend meldete. Und dort war schnell jemand mit einer Büchse zur Stelle, um seine Tiefkühltruhe für Monate mit Wildbret zu füllen.

Aus der Inselnatur 2020

Die Inselnatur wird vor allem von See- und Wasservögeln dominiert. Sie sind zahlreich, groß und ruffreudig (Möwen, Austernfischer) und fallen im Fluge am hohen Himmel über der Insellandschaft auf. So beziehen sich auch die Naturnotizen für das Jahr 2020 fast ausschließlich auf die Vogelwelt.

Schon zu Beginn des Jahres wurden rund 1000 Nonnen-/Weißwangengänse, aufgeteilt in kleinen und großen Scharen, auf der Insel notiert. Überall, wo auf der schneefreien Insel Gras war, auf der Geest und in den Marschen bei Wittdün, Steenodde und Norddorf, traf man diese Vögel an, von denen es heißt, dass sie sehr gezielt auf Wiesen einfallen und diese nur in gewissen Zeitabständen aufsuchen, damit neues Gras nachwachsen kann.

In den folgenden Monaten steigerte sich die Zahl der Nonnengänse dann bis zu 5000 – für die wenigen Amrumer Landwirte eine Katastrophe! Erst um den 18. Mai verschwanden sie in Richtung Norden zu ihren Brutplätzen auf Spitzbergen und am sibirischen Eismeer. Aber schon am 12. September waren die ersten Scharen in der Norddorfer Marsch zurück und zählten wieder zu Tausenden.

Unverändert zahlreich sind auch die Ringelgänse, und dann natürlich als Brutvögel und fast ganzjährig anwesend die Graugänse. Insgesamt sind seit einigen Jahren die drei Wildgansarten nunmehr die “Charaktervögel” der Amrumer Vogelwelt.

Die weltweite Vermehrung der Wildgänse ist ein ungeklärtes Phänomen. Andere, früher auch auf Amrum häufige Vögel, kämpfen ums Überleben. Der Kiebitz wurde in der Norddorfer Marsch mit nur noch 4 Brutpaaren notiert (1983 noch 50-60 BP). Und nur zwei Jungvögel wurden flügge. Später, Mitte Juni, wurden dann noch einige Paare mit fast flüggen Jungen auf den Wattwiesen am “Anland” entdeckt, aber alle anderen wenigen Paare in der Norddorfer Marsch und auf der Geest südlich vom Anland haben ihre Gelege verloren, vermutlich an die überall anwesenden, häufig aber unauffälligen Rabenkrähen, die unverändert auf Amrum zu zahlreich sind, weil sie sich nur noch lokal und bedingt vor Bejagung hüten müssen.

Schlechtes Brutjahr

Wo bleibt eigentlich die lautstark beschworene “Erwärmung des Erdklimas”? Seit Jahren weisen meine Naturnotizen im Frühsommer auf anhaltende und von Nordwinden beeinflusste Kälteperioden hin, die z. B. auch im Jahr 2020 etliche Möwen veranlassten, auf eine Brut zu verzichten. So wurden die großen Sturmmöwenkolonien am Minigolfplatz und an der Aussichtsdüne von Norddorf im Frühsommer zwar besetzt, aber eine Brut fiel aus. Nur einige kümmerliche Nester wurden gebaut. Ebenso erging es der Sturmmöwenkolonie an der Dünenschule der Satteldüne, eine Erscheinung wie in den “Fuchsjahren” Mitte der 1990er Jahre.

Aber es gab auch “normale” Möwenbruten, allerdings deutlich weniger als in den Vorjahren. Auch die Dalben an der Seglerbrücke Steenodde wurden wieder von einem Sturmmöwenpaar besetzt, ebenso eine Dalbenaushöhlung von einem Austernfischerpaar. Aber Nachwuchs war dank der kalten Witterung nicht zu verzeichnen. Auch die vier Austernfischerpaare auf der Berme der Strandpromenade der Südspitze Wittdün und ebenso der W.D.R.-Austernfischer, für dessen Brutplatz Peter Voss wieder alles vorbildlich hergerichtet hatte, verloren wetterbedingt ihren Nachwuchs. Schlimm erging es auch dem Eiderentennachwuchs. Nur für wenige Tage wimmelte es in der Kniepsandbucht und in den Prielen an der Wittdüner Südspitze von den pechschwarzen Jungen – und dann waren sie alle weg. Karsten Schult beobachtete, dass Silbermöwen jeden Tag etliche Jungenten raubten, bis keine mehr da waren.

Am 5. und 6. Juli machte eine Springtide bei Sturm und Hochwasser als “Kükenflut” in der Presse Schlagzeilen, weil überall an der Nordseeküste, auf den Salzwiesen, Deichvorländern und Halligen die jungen Seevögel ertranken oder wegen des Sturms und der Unfähigkeit der Seeschwalben zu fischen, verhungerten. Für Amrum mussten keine Verluste gemeldet werden, denn die Salzwiesen an der Ostküste sind dank der Parole “Natur Natur sein lassen” so hoch von invasiven Salzgräsern bewachsen, dass hier ohnehin keine Austernfischer, Säbler u. a. mehr brüten können. Ganz überraschend wurde dann das Vorland am Norddorfer Asphaltdeich durch das LKN (Landesamt Küsten- und Naturschutz) für die Schafbeweidung freigegeben.

Das Vorland am Wattufer darf wieder von Schafen beweidet werden

Eine Schäferin aus Struckum, Janine Jochimsen, war mit etwa 50 Schafen auf die Insel gekommen, um die zunehmende Begrünung des Asphaltdeiches, das Vorland und die Heideflächen zu beweiden. Aber es wird natürlich Jahre dauern, bis die Salzwiesen wieder in einem Zustand sind, der Bruten hier einst typischer Seevögel und auch das Äsen durch Wildgänse ermöglicht, um landwirtschaftliche Flächen zu entlasten.

Nachwuchs ohne Begrenzung

Eine Amrumer Vogelart hat hinsichtlich des Nachwuchses allerdings keine Probleme: die Graugans. Als Wasservögel werden die Jungen kaum durch anhaltendes Regenwetter bedroht. Und als Pflanzenfresser geraten sie auch nicht in Nahrungsnot. Hinzu kommt die intensive Bewachung und Betreuung durch beide Eltern, Gans und Ganter. Dennoch beobachtete Marco Grothe am Wattufer zwischen Nebel und Norddorf Ende April, dass ein dort eintreffendes Grauganspaar seine Jungen in kurzer Zeit an Silbermöwen verlor – ein seltener Vorgang.

Zu den unsteten Brutvögeln des Jahres 2020 gehören die Säbelschnäbler. Zuerst bildete sich eine kleine Kolonie auf der kahlen Fläche am Rande des Prieles, der aus der Norddorfer Marsch unter dem Asphaltdeich in das Wattenmeer entwässert. Aber bald wurde die Kolonie aus unbekannten Gründen aufgegeben, und es bildete sich eine neue auf den Salzwiesen “Eer”. Aber auch diese war nicht von Bestand. Zuletzt wurde im Mai eine Kolonie auf einer sandigen Erhöhung am Wattufer südlich vom Anland entdeckt, mit etlichen noch brütenden Vögeln, aber auch mit fast flüggen Jungen.

Der seltsame, den Reihern ähnliche Löffler, eigentlich ein Vogel des Südens, hat nun schon zum dritten Male auf Amrum gebrütet, und zwar wie vorher im Langtal der Odde und in einem kleinen Dünental der sogenannten “Sahara” im NSG Odde. Alle drei Paare hatten mit jeweils drei Jungen Bruterfolg.

Erfolgreich war auch wieder ein Rohrweihenpaar mit einer Brut im Schilf direkt am Watt zwischen Norddorf und Haus Burg. Ihre Brut überstand auch die erwähnte Springflut am 5./6. Juni, als die Flut etwa einen halben Meter hoch das Schilf überflutete. Ein Rettungsversuch war vergeblich, weil der Horst im dichten Schilf nicht gefunden wurde. Aber als die Flut sich wieder verlaufen hatte, wurden die Altvögel mit Beuteanflug notiert, und wenige Tage später machten zwei ausgewachsene Jungvögel die ersten Flugversuche. Es bleibt dahingestellt, ob der Schilfhorst bei der Überflutung mit den Jungen aufgeschwommen war oder diese auf höhere Schilfhalme geklettert waren.

Ansonsten wurden kaum andere Greifvögel auf Amrum beobachtet. Es gibt ja seit etlichen Jahren keine Ostschermäuse mehr, die frühere Hauptbeute für Greifvögel und Eulen. Aber wenigstens eine Mäusebussard-Brut war erfolgreich. Gerhard (Geke) Gerrets notierte diese im Inselwald bei Süddorf. Einige Male wurden Bussarde beim Aufsammeln von Kaninchen und Wildtauben auf der Inselstraße notiert.

Die Feldlerche – in den 1960/70er Jahre noch mit bis zu 800 Sängern notiert, ist heut fast verschwunden

Ganz schlimm aber steht es um die Kleinvogelwelt. Infolge der Kälte im Frühsommer fehlte es – wie neuerdings generell – an Insekten. Und Rauch- und Mehlschwalben, ohnehin nur noch mit wenigen Exemplaren vertreten, konnten ihre Jungen nicht ernähren. Feldlerchen – früher Massenvögel auf Amrum – wurden nur einige Male im Fluge notiert, aber kein einziges Mal mit Reviergesang. Und der Inselwald stand schwarz und schweigend!

2020 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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