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Neues Amrum-Kochbuch

Marianne Martinen freut sich über ihr erstes Buch

Monatelang der gleiche Zinnober: Marianne Martinens Familie saß hungrig am Esstisch – und durfte nicht loslegen. „Ich musste ja erst das Essen fotografieren“, sagt die 70-Jährige und lacht so ein ganz süßes Lachen.

Die Amrumerin hat ein Kochbuch geschrieben mit alten Rezepten der Insel. Das war immer so ein Traum von ihr. „Wir sind eine große Familie, da wurde immer viel gekocht, und ich wusste auch, dass viele Amrumer noch so richtig schöne Rezeptbücher von früher zuhause haben.“ Sie zog also los über die Insel , setzte sich an die Tische der Alten und erfuhr nicht nur deren Familienrezepte, sondern auch gleich noch jede Menge Geschichten. Manchmal blitzt ein Stück davon in ihrem Buch auf. Wenn es etwa unter der Weinsuppe mit Schinken und Weißbrot heißt: Sie wurde sonntags gegessen, wenn die Frauen zur Kirche gingen.

Schöne Erinnerung: alte Rezeptbücher

Die 90 Rezepte sind – wie man sich das in Nordfriesland denken kann – entweder handfest oder voll süß. „Viel Sahne und viel Butter“, gesteht die kochende Autorin. „Viele hatten eben Kühe. Und viel Gemüse, da früher eigentlich alle einen Garten hatten.“ Selten ist die Zutatenliste länger als ein Ei lang ist. „Ich finde aber, dass das Delikatessen sind. Alles ist aus frischen Zutaten gemacht, und nichts ist aus dem Ausland. Alles hier gewachsen.“ Auch die Klassiker sind dabei: Omas Futtjes, Friesentorte, Pannfisch, gestofte Bohnen und Krabbensuppe.

Zwischen den Kapiteln sind Fotos vom alten Amrum eingeklinkt: die Seebrücke in Norddorf, der alte Anleger, Wittdüns Nordstrand fast häuserleer, der Seezeichenhafen voll mit Fischkuttern und die Müllerfamilie Kristensen mit ihren Gäulen bei der Ernte.

Marianne Martinen ist ein Spross dieser Familie. Ihre Mutter hatte sieben Geschwister, die fast alle im Staat New York lebten, friesisch sprachen und friesisch-amerikanische Fusion-Küche pflegten. Sie war acht Jahre, als sie mit ihren Eltern in die Staaten nachzog. Dort heiratete sie später einen Amrumer, gemeinsam hatten sie Erfolg mit einem Delikatessengeschäft und gingen 1975 mit zwei ausschließlich englisch sprechenden Kindern wieder zurück nach Amrum. „Für die beiden war das nicht einfach. Der Lehrer hatte damals wenig Verständnis.“ Man hört ihr den amerikanischen Akzent immer noch an. Erst ihr drittes Kind wuchs mit der deutschen Sprache auf.

Zu allen Rezeptideen im Buch gibt’s friesische Namen. Für den lokalen Charme hat sich Jens Quedens ins Zeug legen müssen. „Manches hab’ ich mühsam ausbaldowert“, gibt der Verleger zu. „Ich musste alle meine Wörterbücher wälzen.“ Er hat es nicht übertrieben: Der Pichelsteiner Eintopf blieb ohne Untertitel, und auch für Bienenstich und Bullaugen hat der Friese einfach mal kein Wort. „Die Bullaugen sind ganz leckere Kekse von meiner Mutter. Sie hat die immer in einer Trommel aufbewahrt und wenn Besuch kam mit Gelee bestrichen“, sagt Marianne Martinen. Ihre Schwiegermutter, die im letzten Jahr starb, hatte noch geholfen, Rezepte aus dem Altdeutschen zu übertragen.

Hilda Scheer: Bäuerin mit Leidenschaft
© Privat

Von ihrer Mutter kommt das Rezept für Erbsensuppe. Vom ehemaligen „Teehaus Burg“-Chef Jan Ruth die Kringel mit Kümmel und Fenchelsamen. „Die sollten eigentlich ein paar Tage liegen, ehe man sie isst. Aber das hat hier leider nicht geklappt.“ Auch die Stachelbeer-Baisertorte von Hilda Scheer aus Süddorf sei nicht mehr komplett gewesen, als sie fotografiert werden sollte.

Für das Buch hat Marianne Martinen auf viele neue Fragen Antworten finden müssen: Wie fotografiere ich Essen? Wie kommt das Foto auf den PC? Wo soll ich das speichern? Und was will der Layouter schon wieder von mir? „Zu groß, zu klein, nicht druckfähig, so ging das immer hin und her“, erzählt sie lachend. Aber sie hat sich durchgebissen.

„Ich habe ganz oft neu kochen müssen.“ Gemeint ist zum Beispiel der hübsche Reiskuchen von der Schwiegermutter, der gestürzt werden muss. „Bevor der so aussah wie im Buch, war er ein paar Mal Matsch.“

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Ihr Mann hat das alles geduldig mitgemacht. Genau sagt sie: „Er ist manchmal durchgedreht und hat gesagt, komm mir nie wieder mit einem Kochbuch.“ Marianne Martinen lacht wieder dieses süße Lachen. „Ich hätte schon noch eine Idee im Kopf. Aber ich glaube, jetzt kümmere ich mich erst mal um den Garten.“

 

Marianne Martinen: Amrumer Rezepte – Ualang Öömrang Köögin. Jens Quedens Verlag, Amrum 2018, 208 Seiten, 24,90 Euro.

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Über Undine Bischoff

Journalistin und Texterin. Fuhr mit drei Jahren zum ersten Mal über den Kniep – in einer Schubkarre. Weil ihr Vater da draußen eine Holzhütte baute, zwanzig Feriensommerjahre lang. Betextet Webseiten und Kataloge, schreibt für verschiedene Medien und natürlich für Amrum News.
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