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Aus der Amrumer Vogelwelt 2019


 

Wie schon im vorigen Jahr, so bestimmte auch in diesem Sommer das Wetter zu etlichen Zeiten den Erfolg der Brutzeit in der Amrumer Vogelwelt. War der Sommer 2018 geprägt durch monatelange Trockenheit und Sonnenhitze, die insbesondere in den Möwenkolonien für hohe Todesraten bis hin zu Totalausfällen bei den Jungvögeln ursächlich waren, so war der Frühsommer 2019 gekennzeichnet von einigen regelrechten Kälteperioden. Und auch solches Wetter können die Jungvögel einiger Arten nicht vertragen. Aber schon vorher werden die Altvögel mit dem Beginn der Brutzeit gehindert.

Gräugänse haben großen Bruterfolg

Wie üblich saßen die Graugänse zuerst auf ihren Eiern, nach Ausweis meiner Notizen über die “Amrumer Vogelwelt” ab Mitte März. Und deshalb erschienen infolgedessen ab Mitte April schon überall, in der Wittdüner Marsch, im Guskölk bei Süddorf, in der Vogelkoje Meerum und in der Norddorfer Marsch die Graugänse mit ihren Jungen, einige Paare mit nur einem einzigen, weil die Jagdpächter im Zuge der Regulierung die anderen vier, fünf Eier aus dem Gelege entnommen hatten. Andere Paare aber hatten sechs bis neun Junge. Und fast alle wurden mit Erfolg großgezogen und im Juli flügge. Denn die Gössel der Wildgänse werden nicht nur von beiden Altvögeln bewacht und betreut, sondern geraten als reine Vegetarier auch nicht in Nahrungsnot, und als Wasservögel können sie auch Regen vertragen. Sogar eine “alleinerziehende” Gans, die von ihrem Partner verlassen worden war, konnte in der Norddorfer Marsch ihre Jungen großziehen.

Aber den wenigen jungen Kiebitzen bekam das kalte und nasse Maiwetter nicht. Alle Jungvögel starben, weil bei dem kaltem Wetter auch die Insekten fehlten. Ohnehin brüten auf Amrum nur noch fünf, sechs Kiebitzpaare. Einige Naturkenner fragen sich, ob die Unmengen an Wildgänsen dafür ursächlich sind. Aber brütende Kiebitze stören sich nicht daran, dass sie inmitten von Scharen äsender Wildgänse sitzen. Sie regen sich nur auf, wenn die zur gleichen Limikolen-Familie zählenden Goldregenpfeifer ihnen zu nahe kommen.

Auch das Austernfischerpaar, das – wie im Jahr zuvor – auf einem Dalben an der Steenodder Seglerbrücke brütete, bekam alle Jungvögel unbeschadet von oben hinunter in das Watt. Aber alle drei waren nach einem Unwettertag am 7. Juni tot. Das Austernfischerpaar machte dann eine zweite Brut, hatte aber auch damit keinen Erfolg. Hingegen konnte ein Paar am Steenodder Nordstrand ungeachtet der dort lagernden und badenden Kurgäste mindestens einen Jungvogel großziehen. Auch der W.D.R.-Austernfischer, der auf einem eigens mit Sand und Steinen hergerichteten Platz direkt am W.D.R.-Gebäude auf dem Fähranleger Wittdün brütete, hatte wieder Bruterfolg. Unter den Gebäudeüberstand wagen sich weder Möwen noch Krähen, und Peter Voß hatte wieder für eine gute Absperrung gesorgt.

Offenbar hatte der kalte Frühsommer auch die Löfflerpaare an einer Brut auf der Odde gehindert (im vorigen Jahr waren es zwei Paare mit Erstbruten auf Amrum). Vereinzelte Löffler wurden allerdings im Watt und auf der Insel beobachtet, und auf Föhr war die Brutkolonie auf dem Vorland bei Midlum wieder besetzt.

Möwen mit und ohne Bruterfolg

Amrum ist die Insel der Möwen. Aber in diesem Brutjahr bot sich im NSG Amrumer Dünen ein merkwürdiges Bild. Von den vorherigen, bis mehrere hundert Brutpaare umfassenden Sturmmöwen-Kolonien sind einige ganz erloschen, so die Kolonie auf der Heide nahe Klöwenhuug, eine kleine Kolonie am Dünenschulheim der Satteldüne und eine an der Strandhalle Norddorf. In den Kolonien am Minigolfplatz und nahe der Norddorfer Aussichtsdüne (jahrelang mit bis zu 150 Brutpaaren eine der größten auf Amrum) waren die Sturmmöwen wohl anwesend, hatten aber keinen Nachwuchs. Angeblich soll der kalte Mai für den Brutausfall verantwortlich gewesen sein.

Heringsmöwe mit Jungvögel

Aber es soll laut mehreren und kompetenten Meldungen auch wieder Füchse auf Amrum geben. Und dafür wäre das Verhalten der Möwen typisch, nämlich das Brutrevier zu besetzen, aber wegen Fuchsangst auf eine Brut zu verzichten!

Doch in einer großen Kolonie in einem Heidetal weiter westlich konnten durchaus einige Dutzend flügge gewordener Jungvögel notiert werden. Auch die nun schon “traditionelle” Sturmmöwe auf einem Dalben am Seglersteg Steenodde hatte – wie im vorigen Jahr – flügge gewordenen Nachwuchs. Hingegen meldete die Leitung des Sport- und Naturistenzeltplatzes (FKK-Zeltplatz) in den Dünen am Leuchtturm bei 210 gezählten Brutpaaren mit entsprechend über 600 gelegten Eiern nur eine Nachwuchsrate von höchstens zehn Jungvögeln. Hier wurde allerdings auch mehrfach der Raub von Jungen durch Silbermöwen bemerkt (auf dem FKK-Zeltplatz brüten die Sturmmöwen ohne große Scheu vor den Menschen schon seit Jahren unmittelbar an den Gebäuden. Mit über 200 Brutpaaren befindet sich hier die größte Kolonie auf Amrum).

Ganz unterschiedlich war auch die Brutzeit bei den Heringsmöwen. Überall im NSG Amrumer Dünen standen Heringsmöwen zu Hunderten im Brutrevier herum, ohne an eine Brut zu denken. Auch hier soll die Maikälte die Ursache gewesen sein. Umgekehrt wurden im Juli im NSG Amrum-Odde aber an die 900 Jungmöwen (80% Herings-, 20% Silbermöwen beringt!

Wo bleiben die Eiderentenküken?

Es ist seit Jahren eines der größten Rätsel in der Amrumer Natur. Wie früher erscheinen ab Ende Mai die Eiderenten mit ihren Jungen im Amrumer Watt, beispielsweise am 31. Jahr d. J. in der Kniepsandbucht fünf Entenmütter mit zwanzig Küken. Aber nur wenige Tage später sind die pechschwarzen Jungen, die vorher noch eifrig im Priel nach Nahrung getaucht haben, verschwunden, so, wie es nun schon seit Jahrzehnten beim Nachwuchs der Amrumer Eiderenten der Fall ist! Was ist hier los?! Noch in den 1990er Jahren war der Strand am Wittdüner Fähranleger und am Kliff zwischen Steenodde und Nebel “schwarz” von Eiderentenküken (siehe Foto) mit sogenannten “Kindergärten” von bis zu 500 und mehr Jungtieren. Aber bald nach der Jahrtausendwende begannen sie zu verschwinden.

Eiderenten-Kindergarten bei Steenodde. Ein Bild aus den 1980er Jahren

Natürlich haben Silbermöwen Jungenten erbeutet, aber immer nur die eine oder andere, ohne die Nachwuchsrate wirklich zu gefähren. Verändert hat sich aber eines in der Inselnatur: Die Seehunde haben sich stark vermehrt, das Rudel im Watt zwischen Amrum und Föhr ist auf bis zu 80 Tiere angewachsen. Es ist fraglich, ob der Fischbestand im Wattenmeer für diese Menge an Robben ausreichend ist. Aber Seehunde und Kegelrobben fressen (durch mehrfache Beobachtungen an hiesigen Küsten belegt) auch Seevögel, besonders Eiderenten. Aber kommen sie so dicht an die Küste, bis an die sich hier aufhaltenden Eiderentenmütter mit ihren Jungen heran? Für die Nationalparkverwaltung müsste es eine ganz vordringliche Aufgabe sein, hier die Ursachen zu erforschen.

… und die Brandgansfamilien

Nicht nur den Eiderenten fehlt es seit Jahren an Nachwuchs, auch bei den Amrumer Brandgänsen ist die Situation katastrophal. Dabei sind die Voraussetzungen für eine gute Brandgans-Population auf Amrum so gut wie kaum anderswo an der Küste. Auf Amrum wimmelt es von Wildkaninchen, so dass an Bruthöhlen kein Mangel herrscht. Amrum hat an der Ostseite ein ausgedehntes, nahrungsreiches Wattenmeer im Windlee der Dünen, der Deiche und der hohen Inselgeest und am Wattufer bei Nebel und Norddorf durch Lahnungsbuhnen abgeteilte Wattenflächen, so dass sich die aggressiven, Junge führenden Brandganspaare nicht ins Gehege kommen müssen. Es wimmelt auch im Amrumer Watt zu fast allen Jahreszeiten von Brandgänsen, im Sommerhalbjahr von einigen hundert Paaren. Aber die Brandganspaare, die mit Jungen am Watt erscheinen, betragen seit Jahren nur drei bis fünf. Wo sind die anderen, die vermutlich gar nicht gebrütet haben? Brandgänse, die wegen der Kaninchenhöhlen vorwiegend in den Dünen brüten, führen wie die Eiderenten ihre

Brandganspaar mit Jungen – ein ganz seltenes Bild

Jungen gleich nach dem Schlüpfen zum Watt. Dabei werden sie oft von Silbermöwen und Rabenkrähen attackiert. Die Eiderente nimmt ihre Jungen unter die Flügel und wehrt mit langem Hals die Angreifer ab. Aber das Brandganspaar fliegt hinter den Möwen bzw. Krähen her und lässt die Jungen für Minuten allein. In dieser Zeit sind aber sofort andere Räuber zur Stelle, wobei die Möwe einen Jungvogel erbeutet und wegfliegt, um ihn zu fressen. Die Krähen aber erbeuten Junge, töten und verstecken sie und kehren sofort wieder zurück, um sich den nächsten Jungvogel zu greifen – bis keine mehr vorhanden sind! Ob die dauernden Verluste die Brandganspaare davon abhalten, zur Brut zu schreiten? Es wäre auch hier für das Nationalparkamt als Betreuer des Wattenmeeres eine wichtige Aufgabe, die genauen Hintergründe zu ermitteln!

Immerhin gibt es im Brutjahr 2019 auch eine positive Nachricht. In der Schilfniederung Guskölk bei Süddorf brütete nach mehrjähriger Pause wieder ein Rohrweihenpaar, und in der letzten Juliwoche zeigten sich dort drei! flügge Jungvögel – ein erstaunlicher Erfolg! Fehlt es doch auf Amrum unverändert an den offenbar ausgestorbenen Ostschermäusen (“Wasserratten”), so dass die Rohrweihen sich vermutlich an jungen Wildkaninchen, vielleicht auch Jungmöwen, halten mussten. Leider gelang es trotz häufiger Beobachtungen nicht, einmal den Anflug eines Altvogels mit Beute zu notieren. Beide Altvögel, auch das Weibchen, waren auf Beuteflug auf der Südhälfte von Amrum unterwegs. Sonst jagt vor allem und oft nur das Männchen.

Ein seltener Bruterfolg: Drei junge Rohrweihen, fast flügge

Das Verschwinden der Ostschermäuse ist allerdings die Ursache dafür, dass der Mäusebussard mit nur noch 1-2 Brutpaaren auf Amrum vertreten ist. Vor Jahren waren es noch 5-7 Paare. Im letzten Winter zeigte sich auch mehrfach ein fast schneeweißer Bussard, von manchen Insulanern fälschlicherweise für eine Schnee-Eule gehalten.

Georg Quedens

 

 

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