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In Memoriam – “Tin Hanje” – ein Amrumer Inseloriginal


Das Gästehaus Breckwoldt mitten in Wittdün

Es gibt fast keine “Originale” mehr auf den Inseln – ältere oder alte Leute, die in einer traditionellen Familiendynastie aufwuchsen und – oft als Seefahrer – auf ein reiches und oft aufregendes Berufsleben zurückschauten oder ganz einfach mit “Mutterwitz” begabt, in anekdotenartiger Weise zu erzählen wussten und im besten Sinne des Wortes Heimatkunde vermittelten. Sie sind von den jüngeren und ganz jungen Generationen auch nicht mehr nachgefragt, die vor den Bildschirmen des Internets sitzen oder Facebook und andere elektronische Kommunikationsmittel bedienen und SMSen mit brandwichtigen Nachrichten in die Welt versenden und – sogar in Konzerten und Vorträgen sitzend – in schöner Regelmäßigkeit ihre Smartphones aufleuchten lassen.Auf Föhr gab es solche Originale auf der längst verwaisten “Schifferbank” auf dem Sandwall von Wyk und zuletzt noch in Gestalt des überlangen Egon Knudtsen. Auch auf den Halligen und auf Amrum hat es noch solche Originale gegeben.
Auf Amrum war es der in Wittdün lebende Martin Johannes Breckwoldt, genannt “Tin Hanje”.

“Tin Hanje”, immer mit Zigarette

Martin Johannes’ Vorfahren stammten aus Blankenese. Der Großvater Hans kam – wie andere um die Mitte des 19. Jahrhunderts – als Fischer nach Amrum, heiratete hier Valena Martinen aus Süddorf und betätigte sich als Bauer auf der dortigen Feldmark. Der Vater Hannes Breckwoldt, geboren 1860 in Süddorf, war Zimmermann und Landwirt, verheiratet mit Ida Flor. Und der Sohn Martin wurde 1891 ebenfalls in Süddorf geboren, erlernte das Bäckerhandwerk und zog mit seiner Frau Hanna Maria Jacobsen im Jahre 1912 nach Wittdün, wo das Ehepaar an der Hauptstraße eine Bäckerei erbaute. Wittdün befand sich noch in der Aufbauphase und zählte im Winter kaum 50 Einwohner. Und der Kundenstamm wurde noch geringer, weil aus Nebel zwei dort miteinander konkurrierende Bäcker täglich mit ihren Brotwagen nach Wittdün kamen, um auf der Straße Brot und Kuchen zu verkaufen (Nautilius Schmidt und Bernhard Hansen).

1928 musste die Bäckerei an den aus Flensburg stammenden Georg Reeps verkauft werden, und das Ehepaar Breckwoldt errichtete an der Mittelstraße mitten in Wittdün eine geräumige Ferienpension. Drei Kinder wurden dem Ehepaar geboren, aber der 1914 geborene Sohn Christian fiel als Soldat im 2. Weltkrieg, während die beiden Töchter wohnhaft in Wittdün blieben. Bei der Tochter Hilde, die ihren Mann Karl-Heinz Lucke ebenfalls im Krieg verloren hatte, hat Tin Hanje, seit 1949 Witwer, seinen Lebensabend verbracht. Man sah ihn am Fenster einer Stube am Straßenrand, immer eine Zigarette in der Hand. Er rauchte wie Altbundeskanzler Helmut Schmidt und konservierte wie dieser – ohne krank zu werden – seine geräucherte Lunge. Wie damals nur noch Otto Kramer, personifizierte er das alte Wittdün von der Gründung (1889) bis in die Gegenwart und kannte zu fast jedem Haus die Namen und die Daten, nicht selten ausgeschmückt und angereichert mit Anekdoten. Als er am 14. Juni 1977 starb, rief er seine Familie zu sich ans Bett, sagte Tschüss, drehte sich um und war tot.

Ein König auf Kaninchenjagd
Zeit seines Lebens war Tin Hanje ein eifriger Jäger gewesen und als solcher auch Jagdpächter in der Gemeinde Wittdün, die über wenig Marschenland, aber über ein großes Dünenareal fast bis hinauf zu den Süddorfer Dünen verfügte. Hauptsächlich ging es um Kaninchenjagd, und hier hatte er einige Jahre lang einen bemerkenswerten Jagdkollegen, den abgesetzten König Friedrich August von Sachsen.

Friedrich Augsut III. als er noch König war

Derselbe, geboren 1865 in Dresden, folgte 1904 seinem Vater, König Georg von Sachsen, auf den Thron und gewann bald durch seinen leutseligen Umgang und seine deftige Sprache mit sächsischem Dialekt die Zuneigung der Bevölkerung, die sein Vater verspielt hatte. Friedrich August heiratete 1891 die Erzherzogin Luise von Österreich-Toskana, mit der er sieben Kinder hatte und die allerdings noch während der letzten Schwangerschaft mit dem Sprachlehrer des Dresdener Hofes Richtung Schweiz “durchbrannte”. Die Kinder aber blieben alle beim König, der als vorbildlicher Vater bekannt war.Mit dem Ende des 1. Weltkrieges kam auch das Ende der Monarchie im Deutschen Reich, das nun eine Republik geworden war und den Adel entsprechend zurückstufte. Auch Friedrich August verlor seine Krone und soll dabei gesagt haben: “Nu, da machd doch eiern Drägg allene”.
Wie andere Adlige aber behielt er doch einen kleinen Hofstaat und ausreichend Einkünfte, so dass er seiner Leidenschaft “Jagd” weiterhin frönen konnte.
Mitte der 1920er Jahre war Friedrich August einige Male Kurgast auf Amrum im Hotel “Vierjahreszeiten” bei Pine und Carl Quedens. Bald entdeckte er in den Dünen die Mengen an Wildkaninchen und schickte den Hotelwirt los, um Jagdmöglichkeiten zu erkunden. Wie erwähnt, war Martin Johannes Breckwoldt seinerzeit Jagdpächter und als solcher zuständig für den Wunsch des anwesenden Königs. Bald entwickelte sich bei der gemeinsamen Kaninchenjagd ein herzliches Verhältnis zwischen Friedrich August und dem urwüchsigen Amrumer Tin Hanje. Und der Enkel Volkert Lucke erinnert sich aus den Erzählungen des Großvaters, dass beide oft in einem sonnenwarmen Dünental saßen und dabei manches “Prost” aussprachen. Denn beide waren dem Alkohol nicht abgeneigt.

Majestät geruhen zu rudern und lässt sich, begleitet von Hofschranzen, vom Strandwärter Ferdinand Albertsen in die Nordsee schieben

Natürlich hat sich auch der gewesene König durch Anekdoten in der Inselgeschichte verewigt. Einmal saßen seine Knaben in der großen Meeresblick-Veranda am Cafétisch, während der Vater noch auf sich warten ließ. Da meinten die kleinen Prinzen, die ihren eigenen Kuchen schon gegessen hatten, beim Anblick des väterlichen Tellers: “Ik globe, mer fressen unserm Vader sein Guchen uff”. Die Gouvernanten aber mahnte: “So etwas tut man nicht und so spricht man nicht”. Aber die Prinzen ließen sich nicht beirren und “fraßen” Vaters Kuchen auf. Als dieser nun erschien und seinen leeren Teller mit den noch übriggebliebenen wenigen Krümeln erblickte, fragte er erstaunt: “Wer hadn meinen Guchen uffgefressen?”
Eine andere Anekdote ist von der Hallig Hooge überliefert. Hier wohnte der Maler Soltau, der auch die Altarbilder in der Kapelle in Wittdün gemalt hat. Dieser erhielt eines Tages Besuch von Friedrich August, der offenbar ein Landschaftsgemälde der Inselwelt kaufen wollte. Der gewesene König klopfte an die Tür des kleinen Hauses auf der Backenswarft, aber der Maler war nicht zu Hause. Seine Tochter öffnete die Tür, wies aber den Besucher ziemlich unwirsch ab. Friedrich August versuchte es ein zweites Mal und sagte nun, als die Tür wieder zugeknallt werden sollte, “Aber ich bin der König von Sachsen!”, worauf die übelgelaunte Dame antwortete: “Nun wollen Sie mich auch noch auf den Arm nehmen!” Dann eilte der Maler Soltau herbei, der den Vorgang vom Nachbarhaus beobachtet hatte. “Entschuldigen Sie, Hoheit!” Aber da wurde die Tochter noch wütender. “Nun willst Du mich auch noch auf den Arm nehmen!”
Friedrich August von Sachsen wurde nicht alt. Am 18. Februar 1932 erlitt er einen Schlaganfall und starb auf Schloss Sibyllenort. Obwohl der Adel in Deutschland keine Rolle mehr spielte, wurde er mit einem Riesengefolge von fast 50.000 Menschen zu Grabe gebracht, in der katholischen Hofkirche in Dresden.

Georg Quedens

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