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“Untermieter” in Kaninchenhöhlen


Höhlen vermitteln Sicherheit und Geborgenheit, und deshalb leben vielen Tiere in Höhlen, Säugetiere in selbstgegrabenen oder Vögel in gezimmerten, die zunächst von Spechten, später dann von anderen Arten (Hohltaube, Waldkauz, Kleinvögel u.a.) bewohnt bzw. für die Brut genutzt werden.
Im Amrumer Inselwald gibt es solche Bruthöhlen mangels alter Bäume und Spechte nicht. Dafür wimmelt es auf der Insel von Erdhöhlen, gebuddelt von Tausenden von Wildkaninchen, die seit König Waldemars Zeiten Mitte des 13. Jahrhunderts auf Amrum leben. Diese Kaninchenhöhlen sind die Brutplätze mehrerer Vogelarten.

Brandgänse
Brandgänse bevölkern nahezu ganzjährig in Mengen das Watt zwischen Amrum und Föhr. Sie können sowohl (mit Vorliebe) im Salzwasser als auch an Süßwasserseen leben, bevorzugen aber das erstere Biotop. Auf Öömrang, Amrumer Friesisch, werden Brandgänse “Beraganen”, Bergenten, genannt, ebenso auf den Nachbarinseln. Die Bergente ist aber eine eigenständige Art, deren Brutheimat der Norden Europas ist. Hier ist sie sowohl zur Brutzeit an binnenländischen Süßwasserseen zu finden als auch während des Winterhalbjahres an Meeresküsten. Auf Amrum ist sie eher selten und wird nur gelegentlich, oft zusammen mit anderen Wildentenscharen notiert.

Die jungen Brandgäsne verlassen als “Nestflüchter” bald nach dem Schlüpfen die Bruthöhle

Statt Brandgans darf auch Brandente gesagt und geschrieben werden, weil diese Art Eigenschaften von beiden Vogelarten hat. Um sich wegen des auffälligen Federkleides zu tarnen, suchen Brandgänse für ihre Brut das Dunkel einer Höhle auf. Aber auch unter den Fußböden von Strandschuppen, ja auch in Stroh- und Heuhaufen sind ihre Gelege mit den weissen Eiern zu finden. Andernorts werden künstliche Höhlen angelegt, so früher auf Sylt und auf Föhr, als es hier noch keine Wildkaninchen und deren Höhlen gab. Solche Kunsthöhlen, die sich am Nistkessel öffnen lassen, um die Eier zu entnehmen und die Brandgans über eine längere Zeit zum Nachgelege zu animieren, sollen auch noch in jüngster Zeit auf den Halligen praktiziert worden sein, während sich auf Sylt und Föhr das Höhlenproblem nach Einbürgerung von Wildkaninchen erledigt hat. Es wurden aber, um die Brandgänse nicht zu vertreiben, nie sämtliche Eier eines Geleges entnommen. Ein halbes Dutzend Eier ließ man der Brandgans zum Ausbrüten und stellte dadurch sicher, dass diese auch im kommenden Jahr die Kunsthöhle wieder benutzte. Auf Amrum war die Anlage solcher Brutstätten dank der vielen Wildkaninchen und deren Höhlen, vor allem in den Dünen, überflüssig. Trotzdem gab es Insulaner, die solche Kunsthöhlen nahe an Wasserstellen (Vogelkoje Meerum) oder am Watt anlegten und wegen der Lage auch einigen Erfolg hatten. Z. B. hatte in den Jahren des 2. Weltkriegs und danach der Norddorfer Karl Jensen (allerdings mit Sylter Eiersammlerblut in den Adern) solche Höhlen in den Ackerwällen auf der Geest am Wattufer zwischen Norddorf und Nebel angelegt. Auch der Norddorfer Kojenmann (Entenfänger von 1866 – 1890 in der Vogelkoje Meerum), der sich, wie alle Insulaner, seinerzeit in den Sommermonaten auch mit dem Eiersammeln geschäftigte, hat in seinem Tagebuch nach der Auswertung von M. Reinheimer während seiner Kojenzeit insgesamt 1523 “Bergenten”-Eier notiert, reichlich die Hälfte seines Gesamtertrages an Eiern.

Amrum in alter Zeit. Ein Eiersammler “angelt” mit einem “Beraganstook” ein Brandgans-Gelege aus der Kaninchenhöhle.

Diese Menge konnte Cornelius Peters aber nicht durch das Suchen in den Inseldünen erlangen, sondern ausschließlich aus den zahlreichen Kunsthöhlen, die er in dem mächtigen Wall des Kojenteiches und in dem Grabenwall rings um das Kojengelände angelegt hatte. Etliche Insulaner waren ihrerzeit aber mit dem “Beraganstook” beim Eiersuchen bewaffnet, ein bis zu 3 Meter langer, biegsamer Rattanstab, der mit zwei zusammengedrehten, kräftigen Drähten, am Ende zu einer Eiform gebogen, verlängert war. Das entsprach in etwa der Maximaltiefe einer Kaninchenhöhle von 4 Metern. Die “Eierernte” aus einer Kaninchenhöhle konnte manchmal erheblich sein, über 20, ja in einem Fall einmal 27 Eier, fast unmöglich, dass es sich hier um das Gelege nur einer Brandgans handelte. Wahrscheinlich hatte hier eine weitere Gans ihre Eier mangels einer Höhle dazugelegt. Es konnte nämlich nie nachgewiesen werden, dass Brandgänse Wildkaninchen aus ihren bewohnten Höhlen “herausgeeekelt” haben.
Abgesehen von den obigen Vorfällen war das Gelege in einer Kaninchenhöhle relativ sicher. Die Gefahr für die Brut beginnt erst, wenn die Gänse geschlüpft und als “Nestflüchter” wenig später von Gans und Ganter durch das Gelände zum Wattenmeer geführt werden. Überall lauern Krähen und Möwen, und nicht selten erreicht das Paar, das 10-12 Küken ausgebrütet hat, mit nur wenigen Jungen das Wattufer. Oft gehen auch alle verloren!

Eine Hohltaube vor der Kaninchenhöhle

Hohltaube
Im Jahre 1975 beobachtete der Vogelkundler Hans Dieter Martens in den Dünen nahe dem Quermarkenfeuer eine aus einer Kaninchenhöhe herausfliegende Hohltaube und vermutete hier eine Brut, richtigerweise, wie sich dann bald herausstellte. Schon früher hatten sich Amrumer Möweneiersammler über die “Wildtauben” in Kaninchenhöhlen gewundert, und 1979 konnte mit Bruten und ausfliegenden Jungen auf der Odde und in den Amrumer Dünen der letzte Beweis erbracht werden. Fast gleichzeitig wurden Hohltaubenbruten auch von der ostfriesischen Düneninsel Norderney gemeldet, wo es, wie auf Amrum, von Wildkaninchen wimmelt und an Höhlen kein Mangel herrscht.

Heute sind die beiden Naturschutzgebiete Odde und Amrumer Dünen mit einer Menge von schwer zu zählenden, aber etwa geschätzten 80 Brutpaaren bevölkert, und neben den Rufen der Möwen und der Austernfischer gehört das “Hu-ruck Hu-ruck” der balzenden Hohltauber zu den normalen Vogellauten in den obigen Landschaften – zum Erstaunen von Ornithologen. Denn der ursprüngliche Lebensraum dieser Wildtaube waren Wälder und Parkanlagen mit alten Bäumen, in deren natürlichen oder von Spechten gezimmerten Höhlen die Hohltauben Brutplätze fanden. Dort aber sind sie sehr selten geworden und stehen auf der “Roten Liste” der vom Aussterben bedrohten Vogelarten. Schwerpunkte des derzeitigen Vorkommens sind also Norderney und Amrum. Dagegen kommt die Hohltaube auf Sylt und Föhr nur vereinzelt vor, obwohl es auch dort Wildkaninchen bzw. deren Höhlen gibt. Wie alle Haus- und Wildtauben legt auch die Hohltaube im kompletten Gelege nur zwei weiße Eier, brütet im Laufe des Sommers bis in den Herbst hinein einige Male, so dass man im Herbst, wenn die Amrumer Dünen schon von allen Brutvögeln verlassen sind, noch etliche Hohltauben herumfliegen sieht, die Jungvögel in Kaninchenhöhlen füttern. In milden Wintern bleiben einige Vögel auch hier.

Steinschmätzer
Geologisch gesehen sind Dünen Wüsten mit einer entsprechenden Tierwelt. Infolgedessen ist insbesondere die Artenvielfalt der Kleinvögel in den Dünen begrenzt. Auf Amrum kommen nur Wiesenpieper (als Wirtsvogel des Kuckucks), im Graudünenbereich die Feldlerche, un

Der Steinschmätzer füttert seine Jungen am Eingang der Bruthöhle.

ter überhängenden Althalmen des Strandhafers die Bachstelze und in Heidelagen merkwürdigerweise auch der Hänfling, der eigentlich ein Gebüschbrüter ist, vor. Aber charakteristisch für die Dünen (Wüstenlandschaften) ist der Steinschmätzer, einer der wenigen Kleinvögel, die einen friesischen Namen haben und deshalb schon seit jeher zur Inselornis gehören. Auf Öömrang heißt der Steinschmätzer “Dieker”, von Clement 1845 auch “Diekschmiat” genannt.

Auch der Steinschmätzer ist Brutvogel in Kaninchenhöhlen, in der Regel in solchen, die von Kaninchen verlassen und am Verfallen sind. Hier liegen die Nester etwa in zwei Metern Tiefe und enthalten 5-6 blaue Eier. Der Steinschmätzer brütet aber – im Gegensatz zu vielen Kleinvögeln, die im Sommer zwei Bruten anlegen – nur einmal. Der Brutplatz in den Amrumer Dünen würde aber wohl kaum bemerkt, wenn beide Vögel im Brutgebiet nicht so auffällig wären und Wanderer mit aufgeregtem “Töck-jiv” empfangen und begleiten würden.

Georg Quedens

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