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Vor 50 Jahren – Odyssee einer Neubausektion endet auf dem Kniepsand


Mittelstück auf dem Kniepsand

Was für ein Koloss, der eines Morgens auf dem Kniepsand in Höhe des Amrumer Quermarkenfeuers lag, und dabei handelte es sich „nur“ um das Mittelstück für den Neubau eines Massengutfrachters. Eine griechische Reederei hatte den Bau des Schiffes in Auftrag gegeben, und in Bremerhaven – dort lagen Bug und Heck – wartete man auf das Mittelstück (Wert ca. 1,75 Millionen Euro), um daraus eine Einheit zu bilden. Mit zwei Schleppern machte man sich am 15. November 1969 auf den Weg.

Bei stürmischem Wind brach auf dem Weg von Rotterdam nach Bremerhaven in Höhe der niederländischen Insel Texel die Schlepptrosse zwischen Schlepper und Sektion. Der Schlepperbesatzung gelang es, die Verbindung wiederherzustellen, die aber nicht lange hielt, denn auf der Höhe von Helgoland brach die Schleppverbindung erneut, doch diesmal konnte keine Verbindung mehr hergestellt werden. Fritz Scharlinski, ein Crewmitglied von einem der Schlepper, war zuvor auf den Havaristen gelangt und musste nun – nicht ganz freiwillig – eine stürmische Nacht auf dem Stahlmonstrum verbringen. Der 70 Meter lange Koloss bot dem Sturm bei einem Tiefgang von nur einem Meter eine riesige Angriffsfläche. Es trieb bis nach Hörnum, die beiden Schlepper konnten nur tatenlos folgen. Schließlich wurde das „Teilstück“ vom Nordweststurm in Richtung Amrum getrieben, wo es bei Hochwasser auf einer Sandbank liegenblieb. Am Folgetag frischte der Sturm auf Orkanstärke auf und drückte das ungesicherte Mittelstück bei einem Wasserstand von zwei Meter über Normal noch höher auf den Amrumer Strand, wo es sich am Dienstagmorgen des 18. November 1969 hoch auf dem Kniep einen „Ruheplatz“ suchte.

Freigebaggertes Mittelstück

Der Seenotrettungskreuzer „Ruhrstahl“ war alarmiert worden und machte sich auf den Weg zum Unglücksort, um den „blinden Passagier“ von Bord zu holen. Da man nicht an den Strandungsort herankam, konnte auch er nicht helfen, was aber weiter nicht tragisch war, denn das Mittelstück lag bei Ebbe auf dem Trockenen. So gelang Fritz wieder an Land.

Viele Schaulustige pilgerten an den Strandungsort, und die Schüler, die gleich nach der Schule loszogen, hatten einen neuen Spielplatz entdeckt, der unbedingt erkundet werden musste, obwohl das Betreten strikt verboten war! Die Bordwände ragten weit nach oben, im Inneren ging es tief abwärts – dennoch war keinem etwas passiert.

Aber wie bekommt man den Strandungsfall wieder vom Kniepsand ins Wasser zurück?

Was wäre wenn? Auf Amrum machte man sich schon Gedanken darüber, was man mit dem „Strandgut“ anfängt, sollte es nicht geborgen werden können. Vielleicht ein Cafè? Oder ein Schwimmbad? Oder etwas ganz anderes?

Es kam großes Gerät zum Einsatz. Vier Schlepper versuchten den Koloss vom Kniepsand zu ziehen, allerdings ohne den erwarteten Erfolg, denn es herrschte über Wochen starker Ostwind, der das Wasser der Nordsee bei Ebbe noch weiter zurückdrückte und die Pegel stärker unter den normalen Niedrigwasserstand sinken ließ. So kam ein Schaufelbagger zum Einsatz, der eine Fahrrinne schaffen sollte, aber auch hier blieb das gewünschte Resultat aus. Zwei Wochen nach der Strandung kamen schließlich drei Magnus-Schwimmkräne zum Einsatz, aber das Mittelstück dachte nicht daran, sich in Richtung Nordsee zu bewegen.

Schwimmkräne vor Amrum

Ab dem 10. Dezember 1969 wurde es laut an der Strandungsstelle: Sieben Planierraupen bewegten den Sand um das Mittelstück jeweils bei Ebbe, um so eine fast 170 Meter lange, 100 Meter breite und ein Meter tiefe Rinne zu schaffen. Bis zur Jahresende waren, begünstigt durch den immer noch anhaltenden Ostwind, Tag und Nacht im Einsatz und räumten rund 40.000 Kubikmeter Sand zur Seite.

Ein erster Versuch, das Stahlmonstrum in die Nordsee zu bewegen, blieb erfolglos, doch am Neujahrstag 1970 drehte schließlich der zunehmende Wind auf West, und eine Springtide tat ihr Übriges. Damit sollte das Wasser für einen zweiten Bergungsversuch reichen, der endlich von Erfolg gekrönt war. Am späten Nachmittag war das „Mittelstück“ wieder schwimmfähig und wurde von den Schleppern an den Haken genommen. Mit 45-tägiger Verspätung traf der Konvoi in Bremerhaven ein.

Die hügelige Landschaft um die geschaffene Fahrrinne war noch den Sommer über zu sehen und diente so manch einem als Möglichkeit zu baden. Dank des Windes und der Wellen sah der Kniepsand im Folgejahr wie vor der Strandung aus.

Wo das Teilstück eingebaut wurde, ist leider nicht bekannt, aber alle Insulaner waren froh, als es auf Nimmerwiedersehen vom Kniepsand verschwunden war.

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About Gerd Arnold

Gerd Arnold ist ein „echter“ Nordfriese, 1957 in Nebel auf Amrum geboren und der friesischen Sprache (öömrang) mächtig. Nach dem Schulabschluss erlernte er in Wittdün den Beruf des Elektroinstallateurs. 1976 zog es ihn nach “Deutschland”, Wohnorte waren u.a. Wuppertal, Owschlag, Koblenz und Pinneberg. 33 Jahre war er bei der Bundeswehr, u.a. als Flugzeugelektriker und Ladungsmeister auf der Transall C-160. Ende Oktober 2010 – ging es altersbedingt – in den Ruhestand. Als Hobby ist da zum einen das Angeln, seit 40 Jahren ist er im Amrumer Angelverein aktives Mitglied und zum anderen der Handball, da allerdings nur passiv bei den Damen der HG Owschlag-Kropp-Tetenhusen als Hallensprecher in der 3.Liga Nord. Von 1980-1995 und seit 2005 ist Gerd in Owschlag beheimatet, sein zuhause ist aber immer Amrum geblieben. Gerne würde er dauerhaft auf die Insel zurück, es fehlt bisher aber noch ein passendes Wohnungsangebot.

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