Anna Susanne Jahn setzt neue Maßstäbe …


Anna Susanne Jahn in ihrem Schöninger Atelier auf Zeit.
Foto: Klaus G. Kohn

Im Wintergarten des alten Pastorats in Nebel stapelt Anna Susanne Jahn gerade die frisch eingetroffenen Kartons mit dem wunderbar gelungenen Kunst-Katalog ihrer Schöninger Aquarell-Ausstellung. Es riecht nach frischer Druckfarbe und Kaffee. „Ich bin aus Schöningen zurück, wo das erste Riesenaquarell der Kunstgeschichte entstanden ist. Hast Du Lust, darüber etwas zu schreiben?“, hatte mich die Amrumer Künstlerin gefragt und meine Neugier geweckt. So machte ich mich auf zum Ortstermin in den Smäswai 4, wo dieses außergewöhnliche Aquarell zur Zeit zu bestaunen ist: das Portrait eines Holunderbusches in Lebensgröße, 250 x115 cm. Als hätte Anna Susanne einen lichten Spätsommertag unmittelbar zurück in ihre weihnachtlich geschmückten Räume geholt, lockt einen das gelungene Spiel mit Licht und Farbverläufen, fast körperlich in das übermannsgroße, dennoch zarte Bild hinein.

Das in Schöningen entstandene Riesenaquarell eines Holunders

Ein ganzes Jahr lang hatte Anna Susanne Jahn das Kunstprojekt „Schöninger Flora“ vorbereitet, bevor sie sich im September mit einem voll gepackten Anhänger auf den 450 Kilometer langen Weg von Nebel nach Schöningen machte. Darin fast einhundert (!) gerahmte Aquarelle der letzten zehn Schaffensjahre und die komplette Einrichtung für ein vierwöchiges „Atelier auf Zeit“; denn während der Ausstellung in den Räumen des Schöninger Kunstvereins wollte die Künstlerin die Öffentlichkeit den Entstehungsprozess neuer Werke miterleben lassen und Aquarellkurse geben.

„Meine Idee war, eine Pflanze in Lebensgröße zu portraitieren, die schon vor 300.000 Jahren dort wuchs“, erzählt die Künstlerin von ihrem Projekt im Braunschweiger Land, wo sie sich bereits 2004 mit der Riesenmonotypie „Die große Wand“ mit den Erdschichtungen, die der Tagebau freigab, künstlerisch auseinandersetzte. In eben diesem, inzwischen stillgelegten Braunkohle-Tagebau hatte man in den 1990er Jahren die weltweit ältesten hölzernen Jagdwaffen der Menschheit gefunden, etwa 300.000 Jahre alte Wurfspeere aus Fichtenholz von 120 cm Länge, die als „Schöninger Speere“ in die Wissenschaft eingingen und die Vorstellungen vom Homo heidelbergensis, den Vorgängern der Neandertaler, revolutionierten. Diesen frühen  Menschen, die in der Zwischeneiszeit in Mitteleuropa lebten, hatte man zuvor nur wenig geistige Fähigkeiten zugetraut, doch die Schöninger Waffen- und Knochenfunde offenbarten eine gemeinschaftliche Jagtechnik am sumpfigen Ufer eines verlandeten Sees, das planerisches Handeln und kommunikative Fähigkeiten voraussetzt.

„Mit einem der Speere wurde das Schulterblatt eines Wildpferdes über die Jahrtausende untrennbar zusammengepresst. So sind Opfer und Täter für immer verbunden“, sagt Anna Susanne, sich in das frühgeschichtliche Geschehen hineinversetzend. „Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie die Menschen wohl gelebt haben unter nicht ganz einfachen Bedingungen, mit Waldelefanten und Säbelzahnkatzen. Wie sah die Landschaft vor 300.000 Jahren aus? Das Klima war nicht subtropisch, aber im Schnitt um 1,5 Grad wärmer als heute. Welche Pflanzen gab es?“ Die Amrumerin hat sich von zwei Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der Paläobiologie beraten lassen. Frau Prof. Dr. Urban von der Leuphania Universität Lüneburg und Frau Dr. Bigga, die in Tübingen über die „Pflanzen von Schöningen“ promovierte, standen ihrem Projekt fachlich zur Seite.

Anna Susanne Jahn mit japanischem Ziegenhaarpinsel in ihrer Nebler Galerie

„Für mich war es eine große Freude zu erfahren, dass es damals schon Holunder gab. Holunder fand ich schon immer schön. Das ist eine tolle Pflanze mit großer Heilkraft“, schwärmt die Künstlerin, die bereits mit Holundersaft als Farbe experimentiert hatte und eine passionierte Pflanzenliebhaberin ist. „Ich wollte schon seit Jahren ein Riesenaquarell malen und habe jetzt dafür die technische Meisterschaft.“ Auf dem Fußboden zu malen ist ihr seit ihrem Studienaufenthalt in Japan geläufig und auch die großen japanischen Ziegenhaarpinsel kamen der Künstlerin für die Hintergrundgestaltung des Riesenaquarells zupass. Alles wollte vorher gut durchdacht sein für dieses umfassende Projekt.

Beim Forschungsreisenden Alexander von Humboldt, der mit dem Schiff unterwegs war und keine Möglichkeit hatte, getrocknete Pflanzenexemplare mitzunehmen, entdeckte Anna Susanne Jahn den „Naturselbstdruck“. „Die frische Pflanze wird hauchdünn mit Farbe bestrichen und dann gedruckt. Man nutzt also die Pflanze selbst als Druckstock“, erklärt mir Anna Susanne, die als bildende Künstlerin nicht nur für ihre feinsinnigen Aquarelle, sondern auch für ihre Monotypien bekannt ist. Im Schöninger Kunstprojekt brachte sie nun beides zusammen, den Druck und das Aquarell. Ein Wagnis in Großformat. Denn aller Planung und Vorbereitung zum Trotz war es keineswegs sicher, ob es in vier Wochen gelingen würde, ein Aquarell in diesem Format hinzubekommen, das dem künstlerischen Anspruch der Amrumerin genügt. „Ich hätte auch krachend scheitern können“, sagt sie und ließ am „Tag der Wahrheit“, wie sie den letzten Ausstellungstag in ihrer spitzfindig-humorvollen Art taufte, auch die Gäste der Finissage abstimmen, ob das Riesenaquarell gelungen sei. 100% sagten ja, super gelungen!

Schöninger Flora schon vor 300.000 Jahren. Foto: M. Kurfürst

„Der Naturselbstdruck war auch zeitsparend. Ich hätte es in den vier Wochen gar nicht geschafft, jedes Holunderblatt im Detail so vorzuzeichnen. Die spannendste Phase begann, als die Naturselbstdrucke als „Vorzeichnung“ fertig waren,“ erinnert sich Anna Susanne. Begeisternd das Ergebnis! Im Riesenaquarell an den äußeren Verzweigungen des Holunderstrauchs zu erkennen: grau die Tiefdruckfarbe, zart detailliert wie eine Zeichnung; bläulich durch den Holundersaft, der aus den Beeren ausgetretenen ist.

„Das Drucken mit Holundersaft auf säurefreiem Büttenpapier ähnelt einem Lackmustest,“ sagt die Künstlerin. Der pure Saft gebe fantastische Rottöne; sobald er beim Aquarellieren mit Wasser in Berührung komme, verfärbe er sich blau. Gut zu sehen auf dem Zufallsaquarell eines Stillebens (Katalog Seite 6), als unbemerkt ein Malwassertopf übergeschwappt war, und der Holunder sich auf dem weißen Papier darunter „selbst malte.“

Drei besonders schöne Blätter der Ausstellung gingen als Geschenk an das Kupferstichkabinett des Herzog Anton Ulrich Museums in Braunschweig, das seit den späten 1980ern Werke von Anna Susanne Jahn sammelt: die „Johannisbeeren“ (mit einem findigen Gruß an den verehrten Stilleben-Meister Georg Schlegel), eine „Zigarrenkiste“ und eine „ziemlich große Maus“. Das Aquarell dieser wirklich hübschen Nebler Ratte, die Anna Susannes Kater ihr „stolz wie Bolle“ präsentiert hatte, entstand in einer nächtlichen Portrait-Liegung bis morgens früh um vier. „Glänzende Augen, zitternde Häärchen, Damenkrällchen – fein und rosig wie die Hände adeliger Damen, die nie arbeiteten“, beschreibt die Malerin ihr totes Modell mit einem Augenzwinkern.

Fast 100 Amrumer Aquarelle der Künstlerin waren in Schöningen zu sehen. Foto: M. Kurfürst

Fast einhundert Werke waren in den schönen Räumen des Schöninger Kunstvereins ausgestellt, die Hälfte davon findet sich auch in den prächtigen Abbildungen des Ausstellungskatalogs, darunter die „ziemlich große Maus“ als Teil eines Mäuse-Triptychons auf der Rückseite des herausklappbaren Riesenaquarells „Holunder“, das auch separat als handsignierte Reproduktion in 55×29 cm zu bekommen ist.

„Es war eine sehr intensive Zeit in Schöningen, die ich wirklich genossen habe“, zieht die Künstlerin Bilanz. „Vier Wochen von acht bis 22 Uhr im Atelier, das wäre in meinem Familienalltag auf Amrum unmöglich und konnte nur im Rahmen dieses offiziellen, wissenschaftlich unterstützten Projekts, das von der Braunschweigischen Stiftung gefördert wurde, verwirklicht werden. Dafür bin ich allen Beteiligten sehr dankbar. Dass nun auch noch der Katalog so gut geworden ist, freut mich außerordentlich. Die zarten Farbnuancen von Aquarellen in guter Qualität zu reproduzieren, ist auch für die beste Druckerei eine echte Herausforderung“, sagt Anna Susanne Jahn, deren Atelier in den kommenden Wochen wie folgt geöffnet ist: am 27. und 30. Dezember und am  3. Januar von 10 bis 12 Uhr und 15-18 Uhr, ab dem 10. Januar nur freitags vormittags von 10 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung unter Tel. 04682-968488 oder per mail kontakt@annasusannejahn.de.

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About Astrid Thomas-Niemann

Astrid Thomas-Niemann ist gelernte Schifffahrtskauffrau sowie studierte Sprach- und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre als Schifffahrtsanalystin gearbeitet und lebt seit 2015 in Wittdün. Als junge Frau kam Astrid 1981 das erste Mal auf die Insel und besuchte auf Zeltplatz II die Niemanns aus Hamburg, die Amrum seit 1962 urlaubsmäßig die Treue halten, inzwischen bereits in der 4. Generation.

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