Kapriolen des Kniepsandes


 

“Die Amrumer haben Glück, dass hier auf Sylt so viele Millionen für die Sandvorspülung ausgegeben werden, damit kriegen sie laufend genug Nachschub für ihren Kniepsand” – so hört man immer wieder von der Nachbarinsel, sogar von Einheimischen, wie kürzlich in dem Bestseller der Sylterin Susanne Matthiessen “Ozelot und Friesennerz”. Und natürlich wird diese falsche Parole auch immer wieder in den Medien kundgetan, vor allem im Fernsehen, das ja dafür bekannt ist, es mit den Fakten nicht immer so genau zu nehmen. Denn im Amrumer Kniep befindet sich kein einziges Sylter Sandkorn! Der Sandtransport bzw. die Sandzufuhr kommt mit dem Gezeitenstrom von Südwesten, so wie sich die Flutwelle über die britische Ostküste, die Niederlande, die Ostfriesischen Inseln und Helgoland auf die nordfriesischen Inseln und Halligen zubewegt. Ein Sandtransport von Sylt nach Amrum gegen den Gezeitenstrom und über das mächtige Vortrapptief hinweg ist gänzlich unmöglich. Darüber hinaus wäre der Sylter Sand auch an der viel gröberen Körnung zu erkennen, wie er Kilometer vor Sylt von Hopperbaggern aus der tieferen Nordsee aufgesaugt wird. Weil die Behauptung nun aber hartnäckig in der Welt war, wurden vor längeren Zeit einmal dem aufgespülten Sylter Sand radioaktive Stoffe beigemischt, die dann später mittels Geigerzähler o. ä. auf dem Amrumer Kniep gemessen werden sollten. Man hat nie wieder davon gehört!

Der Kniepsand in den 1930er Jahren

Und gleich soll auch noch eine andere, nicht zutreffende Behauptung korrigiert werden. Der Kniep ist kein einmaliges Gebilde. Seit Jahrtausenden baut der in der Nordsee von Westen nach Osten kreisende Gezeitenstrom durch Strömung, Wellen und Wind Sandbänke auf, die unter oder über dem Meeresspiegel liegen. In Ostfriesland werden diese Seesände Platen (nicht Platten) genannt. Und wenn sie hoch genug liegen und sich Pflanzen ansiedeln, entwickeln sich hohe und höhere, sturmflutfreie Dünen und regelrechte Inseln. Fast alle West- und Ostfriesischen Inseln sind so entstanden. Aber auch Mellum, Scharhörn und Knechtsand vor Weser und Elbe sowie die Seesände vor den Halligen und vor Amrum sind Seesände. Und in einigen Fällen haben sich diese Meeresgebilde der Küste oder den Inseln fest angeschlossen, wie die Sandbank vor Eiderstedt (St. Peter-Ording) oder den dänischen Inseln Römö und Fanö – und eben als Kniepsand der Insel Amrum.

Kniepsand – Landschaft ewigen Wandels

Die älteste Karte des nordfriesischen Küstenraumes zeichnete im Jahre 1585 der Holländer Lucas Wagehnars. Seewärts von Amrum liegt ein weit in die Nordsee greifendes Gebilde, die “Amren born”, identisch mit der heutigen “Amrum Bank”, eine Untiefe nordwestlich von Amrum oder der Vorläufer des Kniepsandes?

Um die gleiche Zeit vermittelt der Reiseschriftsteller Braun-Hogenberg in einem kurzen Bericht über Amrum, “dass die Insel einen sandigen Strich, zwei Meilen weit hinauswirft …”. Die geografische Meile hatte eine Länge von 7,420 Kilometer, so dass dieser Sand rund 15km lang gewesen wäre. In dieser Form hatte der Kniepsand aber nur an der Südwestküste, etwa von Wriakhörn bis in Höhe der Satteldüne, Verbindung mit Amrum, wanderte aber allmählich auf die Insel zu und lag hier bogenförmig vor der Insel. So zeigen es auch die ersten genaueren Karten aus der Zeit um Anno 1800. Dazwischen breitete sich über Jahrhunderte kilometerbreit und nach Norden ganz offen der legendäre Kniephafen aus, so tief, dass hier noch Anfang-Mitte des 19. Jahrhunderts Austernbänke befischt wurden und Handelssegler im Winterquartier vor Anker lagen. An der Küste selbst lagen noch im 16. Jahrhundert die Kutter der Amrumer Heringsfischer, die beim Auftauchen der Heringsschwärme zum Fischen nach Helgoland segelten. In Steuerlisten über sogenannte “Riemengelder” werden zwei Fischer von Amrum genannt (von Föhr und besonders von Sylt allerdings etliche mehr). Auch soll sich der Name “Satteldüne”, ursprünglich auf Öömrang “Saterdün” genannt, auf das Setzen, das Trocknen der Fischernetze bezogen haben.

Auf der Flucht vor der Versandung

Als im Jahre 1865 in Kiel die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) gegründet und von Bremen aus die deutsche Küste mit Rettungsstationen versehen wurde, erhielt auch Amrum sehr bald eine Rettungsstation, und zwar an der Westküste im Schutze des Kniephafens. Die Station lag etwa dort, wo sich heute die Strandhalle von Nebel (“Strandpirat”) befindet. Aber dann machte sich eine gewaltige Sandzufuhr von Südwesten bemerkbar, und nur wenige Jahre später, 1867, musste die Station um einen Kilometer nach Norden verlegt werden, an die “Batjes Stieg” genannte Stelle. Hier wurde mit großem Kostenaufwand ein geräumiger Schuppen aus Ziegelsteinen mit heizbarer Räumlichkeit für die rasche Betreuung der oft halbtoten Schiffbrüchigen aufgemauert. Aber die Nordsee gab immer noch keine Ruhe. 1889 hatte die Versandung des Kniephafens auch die Station “Batjes Stieg” erreicht, und es erfolgte eine abermalige Verlagerung bis in Höhe des Norddorfer Strandüberganges, wieder mit einem Schuppen mit festen Steinmauern. Hier stand noch bis Kriegsende 1945 das Ruderrettungsboot “Emile Robin”, nachdem das Rettungswesen der DGzRS längst mit Motorrettungsbooten zum Seezeichenhafen Wittdün umgezogen war.

Seebrücke am Norddorfer Strand um 1930

Ein gleiches Schicksal wie die DGzRS-Stationen am Kniephafen erlitten aber auch die Seebrücken am Norddorfer Strand. Im Jahre 1901 war eine Zwischenlinie nach Hörnum für den Anschluss an die Hamburger Seebäderdampfer eingerichtet worden. Und die erste Brücke mit Inselbahnanschluss lag einen halben Kilometer südlich des heutigen Norddorfer Strandüberganges. Aber im Jahre 1909 konnte hier keiner der kleinen Raddampfer der “Sylter Dampfschiffs-Gesellschaft” mehr anlegen, und die Brücke musste um reichlich einen Kilometer nach Norden in Höhe des damaligen Seehospizes I verlegt werden. Aber Nordsee und Kniepsandwanderung kannten keine Gnade. 1937 war auch hier das Fahrwasser weg, und die Brücke wich ein weiteres Mal nach Norden aus. Zuletzt behalf man sich damit, die Brücke mit einem kleinen Steg zu verlängern, ehe dann 1939 der 2. Weltkrieg ausbrach und es mit Fremdenverkehr und Bäderlinie über Hörnum nach Hamburg zu Ende war.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bahnte sich nach einer Reihe von Sturmfluten, angefangen schon mit der in unserer Region bisher höchstgemessenen Flut im Februar 1825 und dem Abbau eines Dünenwalles vor Risum (Flurname der Marsch vor dem Norddorfer Strand), ein totaler Durchbruch von der Nordsee bis zum Watt und damit die Abtrennung des nördlichen Inselteils an, so dass hier durch das Küstenschutzamt ein umfangreicher Bau von stabilen Buhnen erfolgte. Aber nur wenige Jahre später wanderte der Kniepsand darüber hin. Erst in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts kamen die Buhnen nebst den Balkenresten der früheren Seebrücken für den Hörnum-Hamburg-Verkehr wieder zum Vorschein, als der Kniepsand durch die Nordsee in einer fast dramatischen Strömungsveränderung in wenigen Jahren fast ganz bis zur Inselküste abgebaut wurde, ehe die Heranwanderung neuer Sandmassen den Kniepsand wieder verbreiterte. Die Buhnen wurden durch die Gemeinde Norddorf aus dem Boden gehoben und als Begrenzung des Parkplatzes am Norddorfer Strand an der hoch aufgesandeten Binnenseite aufgereiht. Und erstaunlich! Die Buhnen, die über 120 Jahre im salzigen Sand und von der Brandung umbraust am Strande gestanden haben, glänzen wie neu, als wären sie erst gestern zum Einsatz gekommen.

Buhnen und Brückenreste am Norddorfer strand, 2017

In dänischer Zeit, also bis 1864, war auf Amrum keinerlei Küstenschutz durch den Staat betrieben worden, dank des vorgelagerten Kniepsandes war dies auch nur bedingt nötig gewesen. Aber nun war ein umfangreicher Buhnenbau doch notwendig geworden, und als Gegenleistung reklamierte der Staat jeglichen “Anwachs”, ob Sandstrände, Dünen oder Salzwiesen. Dazu lautete ein Übereinkommen zwischen dem Staat und der Gemeinde Amrum am 21. April 1890: “1) Der Staat erkennt das Eigentumsrecht der Gemeinde Amrum an dem Dünenterrain der Insel Amrum an. 2) Die Gemeinde Amrum erkennt das Eigentumsrecht des Staates an dem Strand unter Eintragung in das Grundbuch an”.

Das heisst, dass der Kniepsand ab eigentlicher Inselküste nicht den anliegenden Gemeinden Wittdün, Nebel und Norddorf, sondern dem Staat gehört, mitsamt den darauf inzwischen entstandenen Dünen, aber auch dem Strandsee bei Wittdün-Wriakhörn, der sich über eine frühere Kniepsandfläche gebildet hat.

Ungeachtet dieser Eigentumsverhältnisse aber setzt der Kniep auch in jüngster Zeit seine Nordwärtswanderung fort und erreichte eben nach der Jahrtausendwende um 2000 die äußerste Amrumer Nordspitze. Der frühere, auch bei Niedrigwasser tiefe und strömungsmächtige Priel an der Nordspitze verflachte, und die sich nördlich von Amrum gebildete Sandbank, der sogenannte “Kormoransand”, dürfte im Wesentlichen aus den Sandmassen des Knieps entstanden sein.

Generell nimmt der Kniepsand an Breite vor der Insel etwas ab. Aber fast unfassbar ist die Menge der Sandzufuhr auf dem Wittdüner Kniep, wo sich nicht nur ein stabiler, jeder Sturmflut trotzender Dünenwall direkt an der See gebildet hat, sondern sich auch ab Wriakhörn eine neue Dünennehrung entwickelt, ähnlich jener, die einmal den heutigen Stranddünensee umschloss. Und Dünen bildeten sich auch direkt an der Wittdüner Strandpromenade.

Am Kniepsand geht es hin und her. In den Jahren nach der Jahrtausendwende wurde der Kniep vor dem Norddorfer Strand zügig, fast bis an die Inselküste heran, durch die Nordsee abgebaut, und vor Ban Horn entwickelte sich eine das ADS Schullandheim gefährdender Abbruch, der einige Male kostspielige Schutzmassnahmen erforderte. Lastwagen brachten Fuhre um Fuhre Sand aus dem Kniep in Höhe des Quermarkenfeuers vor Ban Horn, um die Sandverluste auszugleichen. Dann wandte sich die vom Meer und von der Gezeitenströmung bestimmte Gefahr wieder ab, und von Süden wanderten neue Sandmassen heran und bauten eine neue Strandzone auf.

Jahrhundertelang bestand in der Mitte des Kniepsandes, am Hörn querab vom kleinen Leuchtturm, auch eine Unterbrechung der geschlossenen Fläche, eine Öffnung mit einem Priel namens “Randel”. Über diese Öffnung wurde bei jedem Hochwasser ein Teil des Kniepsandes überflutet. Und erst in der Gegenwart versandet auch diese Lücke.

2020 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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One comment

  1. Moin Herr Quedens,
    ein wirklich toller und sehr informativer Artikel ist Ihnen da wieder gelungen. Auch nach 25 Jahren Amrum-Urlaub kann man bei Ihnen immer wieder etwas Neues über die schönste Insel erfahren!
    Danke dafür!
    Monika und Roger Burkard

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