Der weite und beschwerliche Weg der Laborproben …


Oft schwieriges Zeitfenster durch Witterungsumstände

Auf der Insel Amrum gibt es kein medizinisches Labor, kein Krankenhaus und keine Röntgenmöglichkeit. Bezüglich möglicher Laboruntersuchungen können in den Arztpraxen und Kur- und Rehakliniken, bis auf ganz wenige Ausnahmen, lediglich sogenannte Schnelltests durchgeführt werden. Dies gilt auch für die Corona-Schnelltests in den Testzentren. Diese möglichen  Testungen als Abstriche auf bestimmte Viren oder Bakterien, Urintests, Bluttests auf Entzündungszeichen, Zuckerkrankheit, Herzinfarkt oder Thrombosezeichen sind in der Regel lediglich orientierend aussagekräftig und können zumeist nur ein „Positiv“ oder „Negativ“ darstellen und keine quantitativen Aussagen treffen. Zur Sicherstellung von Diagnosen und Krankheitsbildern sowie deren Verlauf sind weitere Untersuchungen in einem klinischen Labor notwendig. Und der Weg dorthin ist weit!

Das Labor, das nahezu den gesamten Norden Schleswig-Holsteins, und auch die medizinischen Einrichtungen der Inseln Föhr und Amrum betreut, ist das LADR Laborzentrum Nord in Flintbek südwestlich von Kiel. Und eben dorthin müssen die Laborproben erst einmal gelangen.

Zu transportierende Blutproben

Die Zusammenarbeit mit dem Laborzentrum Nord ist seit Jahren hervorragend organisiert und klappt nahezu immer reibungslos. Nach der Entnahme der Blut-, Urin-, Stuhl- oder Speichelproben werden die Untersuchungsmaterialien vom Amrumer Taxiunternehmer in den Arztpraxen und Kliniken morgens abgeholt und zur 9:30 Fähre ab Wittdün gebracht, die die Proben über Wyk nach Dagebüll transportiert, wo sie dann von einem Kurierfahrer des Laborzentrums abgeholt werden, um weiter nach Flintbek verbracht zu werden. Bei einem störungsfreien Transport können dann die Proben ab dem frühen Nachmittag analysiert werden. Abends werden bereits die meisten Ergebnisse  auf elektronischem Weg übermittelt und am nächsten Morgen von den Arztpraxen und Kliniken abgerufen. Manche Untersuchungen, hier z.B. spezielle Tests oder bakteriologische Untersuchungen mit Antibiotikatestungen, dauern länger und werden dann zeitversetzt übermittelt. In dringlichen Fällen oder bei  deutlich pathologischen Untersuchungsergebnissen werden die anforderten Befunde vom Labor per Fax oder telefonisch mitgeteilt, sobald sie fertig sind, was durchaus schon am späten Nachmittag sein kann.

Unsachgemäßer Transport in der„Expressbox“ der W.D.R.

Als ein kritischer Punkt bei diesem Verfahren ist der Fährtransport anzusehen. Um einen reibungslosen Ablauf des beschriebenen Vorgangs gewährleisten zu können, muss der Transport der Proben mit der 9:30 Fähre der W.D.R. erfolgen. Fällt diese aus oder kann sie, z.B. auf Grund ungünstiger Witterungsverhältnisse oder Wasserstände, nur zeitversetzt fahren, werden die Arztpraxen und Kliniken vom Taxiunternehmen informiert und müssen ihr Probenentnahmeregime abändern. Auch ist ein Transport der Proben für die 9:30 Fähre durch die Kuriere auf dem Festland nur montags bis freitags organisiert. Das bedeutet, dass nach freitags ab ca. 8:30 Uhr anstehende Laborproben erst am nächsten Montag ins Labor verbracht werden können. Das gilt selbstverständlich auch für Corona-PCR-Abstriche, deren Ergebnisse dann zumeist sogar erst am Dienstag oder Mittwoch vorliegen.  Dies hat in der Zeit der auch auf Amrum massenhaft durchgeführten Corona-Schnelltests durchaus  bei „positiven“ Urlaubern zu Unverständnis und Missmut geführt, wenn sie z.B. Freitagnachmittag einen positiven Schnelltest hatten (die Gott sei Dank in den allermeisten Fällen falsch positiv waren) und sich dann gemäß der Corona-Schutzverordnung in häusliche Isolation begeben mussten bis das Ergebnis des PCR-Abstrichs erst Tage später vorlag.

Eine weitere Problematik ist im Transportmanagement der W.D.R. zu sehen. Nach Gründung der Fährgesellschaft im Jahr 1885 werden seit 1887 Personen und Fracht regelmäßig auch nach und von Amrum transportiert. Jahrzehntelang war auch ein kurzfristiger und unbürokratischer Transport von kleineren Gütermengen („Stückgutbeförderung“) möglich. Im Bedarfsfall wurden auch kleinere Gegenstände im Ausgangshafen dem Steuermann übergeben, der diese dann im Zielhafen wiederum einem Boten übergeben hat, bzw. im Frachtschuppen hat abgeben lassen. Seit Oktober 2020 hat die W.D.R. diesen Stückguttransport komplett eingestellt. Um im Bedarfsfall dennoch, z.B. eilige kleinere Frachtmengen, zeitnah transportieren zu können, hat die W.D.R. die „Expressbox“ eingeführt, mit der in den letzten 8 Monaten auch die Laborproben während der Fährfahrt transportiert werden mussten. Bis September 2020 kamen für den gesamten Transport von den Inseln eigens vom Laborzentrum Nord bereitgestellte Behältnisse zum Einsatz, die speziell für den Transport von Laborproben konzipiert und zugelassen sind (fest verschlossen, stoß-, staub- und wasserdicht, temperaturkonstant). Seit Oktober musste das Amrumer Taxiunternehmen die Proben in einem zertifizierten Transportbehälter bis zum Fähranleger transportieren, dort dann jeden Tag (!) für eben 25,00 € eine Papp-Expressbox erwerben, dahinein die Laborproben umladen, diese dann dem Steuermann übergeben, der sie auf dem Transport-Muli verstaute um die Box dann am Zielhafen an den Boten des Labor zu übergeben, der dann die Laborproben wieder aus der Papp-Box entnahm, um sie wiederum in eine speziell hierfür vorgesehenen Transportbox zu legen. Die Transporte von der Insel Föhr erfolgten ebenso umständlich. Nach Auskunft des Laborzentrum Nord wurde seit Einstellung des Stückguttransportes die Fährgesellschaft mehrfach vergeblich darum gebeten, den Transport der Laborproben von den Inseln Amrum und Föhr wieder mit den speziellen Transportboxen durchzuführen, da die bei der W.D.R. zu erwerbenden Papp-Boxen nicht den von der BGW (Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtpflege) in der ADR 2021 (Gefahrgutverordnung Straße, Eisenbahn und Binnenschifffahrt) geforderten Ansprüchen erfüllen und diverse Versuche, den Transport von verschiedenen Speditionen unter Umgehung der „Expressbox“ durchführen zu lassen, gescheitert sind, da oft die Überfahrzeiten zu sehr von den Zeitvorgaben des Weitertransportes abwichen und somit nicht zuverlässig waren.

Jetzt wieder möglich: die speziell für den Transport von Laborproben konzipiert und zugelassene Box

Auf eine aktuelle Anfrage von „Amrum News“ bei der Geschäftsführung der W.D.R., mit dem Hinweis auf die geltenden Sicherheitsvorgaben beim Transport von menschlichen Untersuchungsmaterialien, hat die Fährgesellschaft nun reagiert und mit dem Laborzentrum Nord einvernehmlich vereinbart den regelhaften Transport wieder mit den dafür vorgesehenen Transportboxen vorzunehmen und die Transportkosen wieder pauschal  zu berechnen. Dies ist insbesondere im Hinblick auf den Transportauftrag der W.D.R. im öffentlichen Nahverkehr mit Sicherstellung der Versorgung der Inselbevölkerung zu begrüßen. Man muss jedoch auch anmerken, dass mit der Einstellung des Stückguttransportes und der hierfür ersatzweise Einführung einer „Expressbox“ wieder ein Stück Tradition und „Inselbesonderheit“ verloren gegangen ist.

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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