Austernfischer – Allerweltsvogel vor dem Absturz?


 

Insulaner und Inselgäste, die sich für die Inselnatur interessieren, schütteln die Köpfe! Seit einigen Jahren verkünden Biologen in Naturpublikationen, dass sich der Bestand des Allerweltsvogels Austernfischer an der deutschen Nordseeküste h a l b i e r t habe, und die jüngste “Rote Liste” über die Gefährdung von Tieren und Pflanzen, herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz, meldet den Austernfischer mit “VU” als gefährdet.

Tatsächlich geht es diesem Charaktervogel unser Küstenlandschaft auf dem Festland nicht sehr gut. Große Teile seines früheren Lebensraumes sind als Brutgebiet verlorengegangen, nämlich die Salzwiesen an der Küste und auf den Inseln. Im Zuge der Parole “Natur Natur sein lassen”, die besonders vom Nationalparkamt sehr nachhaltig vertreten wird, wuchsen auf den Salzwiesen einige wenige invasive Pflanzen (Schlickgras und Salzquecke) halbmeter hoch auf und bedingten das Verschwinden der hier vorher heimischen Brutvögel.
Denn Austernfischer, Säbelschnäbler, Pfuhlschnepfe, Seeschwalben und andere nisten nur in einer Vegetation, die von brütenden Vögeln weithin überschaubar ist. Zum anderen haben sich auch die sogenannten “Prädatoren”, insbesondere Füchse, stark vermehrt und vernichten den Nachwuchs. Neben Füchsen treten neuerdings vermehrt von Osten einwandernde Marderhunde und sogar Steinmarder auf, Tiere, die früher auf den nassen Wiesen an der Küste nicht vorkamen.

Amrumer Hauptbrutplatz: Strandpromenade Wittdün
Auf Amrum gibt es die genannten Prädatoren nicht, und wer die Hochwasserrastplätze der Insel, die äußerste Nordspitze, das Wattufer nahe dem Kliff “Ual Anj” zwischen Nebel und Steenodde sowie den Südzipfel des Kniepsandes bei Wittdün beobachtet, auf denen sich die Vögel während der Flutzeit versammeln, hat nicht das Gefühl, dass der Austernfischer selten geworden ist. Nur im Naturschutzgebiet Amrumer Dünen hat die Anzahl der Brutpaare abgenommen. Jahrzehntelang haben die Austernfischer hier faktisch keinen Bruterfolg mit flügge werdenden Jungen gehabt, was aber vor allem den Rabenkrähen zu “verdanken” ist, die mit Leichtigkeit den an sich wehrhaften Austernfischern die Gelege rauben. Gelege dieser Vögel liegen offen am Boden. Der brütende Vogel mit auffallendem Gefieder ist leicht zu entdecken. Und schon ist ein Krähenpaar zur Stelle. Eine Krähe hüpft in der Nähe umher und verleitet den brütenden Austernfischer schließlich zur Attacke. Für Minuten ist das Gelege verlassen, und schnell ist die andere Krähe heran und erbeutet ein Ei und hackt die anderen auf, so dass das Austernfischerpaar sein Gelege aufgeben muss. In den Dünen sind dann die Sammelplätze der ausgefressenen Eierschalen zu finden. Gezählt wurden einmal 37 auf nur einem Platz!

Gelege des Austernfischers, am liebsten zwischen Muschelgeröll

Die erwähnte hohe Vegetation auf den naturbelassenen Salzwiesen am Amrumer Wattufer hat diese Vögel auch von dort vertrieben. Dafür brüten etliche Austernfischer zwischen den Steinen des Deckwerkes der Wittdüner Strandpromenade sowie auf der Betonplatte des Fähranlegers und erzielen hier erstaunlicherweise inmitten des Menschengewimmels den größten Bruterfolg – weil Menschen Krähen und Möwen auf Abstand halten! Seit den 1970er Jahren begannen Austernfischer in zunehmender Zahl auf den Flachdächern von Werkhallen u. ä.  auf dem Festland zu brüten, vermutlich um ihre Brut vor den Füchsen zu schützen. Und wenig später wurden die Dachbruten auch auf Amrum registriert, überwiegend auf den Reetdächern von Friesenhäusern, wo sie im Soden- oder Heidebelag der Firste geeignete Vertiefungen für ihre Gelege mit drei, manchmal auch vier Eiern fanden. Einige Jahre wurde sogar das Dach der St. Clemens-Kirche als Brutplatz benutzt, ebenso Flachdächer und Blumenkübel in Wittdün und im Seezeichenhafen. Aber auch die durch Verrotten entstandenen Höhlungen in den Dalben an den Häfen nutzen Austernfischer als Brutplatz. Und ganz verrückt: am Wyker Badestrand wurde einige Jahre die Dachmulde eines Strandkorbes besetzt.

Junge Austernfischer – regungslos hingeduckt und getarnt

Aber die Jungen sind Nestflüchter und verlassen nach einigen Tagen ihre hochgelegenen Brutplätze. Sie purzeln beim Herumspazieren herunter und überstehen dank ihrer Leichtigkeit und ihres Dunengefieders auch Abstürze aus größeren Höhen. Die Jungen aller einheimischen Limikolen (Kiebitz, Brachvogel, Rotschenkel, Regenpfeifer u. a. ) sind “echte” Nestflüchter. Sie laufen selbständig umher und finden selbst ihre Nahrung (Würmer und Insekten). Aber die jungen Austernfischer sind unechte Nestflüchter. Sie werden von den Eltern durch die Vorlage von Würmern, Kleinkrebsen und Wattbodengetier regelrecht gefüttert.

Über 40 Jahre alt!
Der Austernfischer hat einen falschen Namen. Denn von Austernfischern kann keine Rede sein. Dafür müsste er schwimmen und tauchen. Schwimmen kann er im Notfalle über kurze Strecken, aber tauchen kann er nicht. Merkwürdigerweise hat der Austernfischer auch in Weltsprache Englisch den irreführenden Namen “Oystercatcher”.

Austernfischer sind in mehreren, äußerlich kaum zu unterscheidenden und untereinander fortpflanzungsfähigen Arten über die Küsten fast aller Weltmeere verbreitet. Nur in Südamerika, an den Küsten von Patagonien, sind sie ganz schwarz gefiedert. Durch die Beringung ist bekannt, dass Austernfischer über 40 Jahre alt werden können und einmal “verheiratet”, ihrem Partner lebenslang, jedenfalls aber über längere Zeit verbunden sind. Ungewöhnlich ist auch das Festhalten am einmal (ab dem vierten Lebensjahr) erwählten und oft nach hartem Kampf gegen Artgenossen erkämpften Brutplatz. Dieser wird schon ab März besetzt und Eindringlinge durch eigenartige “Trillertänze” verjagt. Doch kommen auch Kämpfe auf “Leben und Tod” vor.

Beispielsweise brütete ein Austernfischerpaar in der Senke für den Aushub des Wattendeiches südlich von Norddorf. Dann wurde diese als Gewerbegebiet ausgewiesen und war bald mit Baumaterial und schweren Geräten besetzt. Dann kamen Werkhallen und Strandkorbschuppen hinzu. Aber das Austernfischerpaar hielt unverzagt am Brutplatz fest und hatte auch alljährlich Bruterfolg!

Wie erwähnt, sind die jungen Austernfischer keine echten Nestflüchter und damit eine Ausnahme in der großen Familie der Limikolen. Wohl laufen die Jungen bald nach dem Schlüpfen aus der einfachen Nestmulde und werden von den Elternvögeln durch das Gelände geführt. Aber sie picken nicht selbständig Nahrung auf, sondern lassen sich diese vorlegen. Die Eltern stochern unentwegt im Boden und im Wattenschlick, und noch bis in den Herbst hinein lassen sich die Jungen, längst ausgewachsen und flügge, so versorgen.

2022 Georg Quedens

Urheberrecht beim Verfasser

 

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