Dohlen brüten in Kaninchenhöhlen


 

Sie sitzen als längst “verheiratete” Paare dicht nebeneinander auf Dachfirsten oder auf Schornsteinen, inspizieren Gärten und Dorfstraßen, bewegen sich in Gruppen oder großen Scharen nahrungssuchend auf der Feldmark oder auf den Marschenwiesen umher und streben am Abend in Mengen und mit lauten “Kjak kjak”-Rufen zu einem Übernachtungsplatz, meist höheren Bäumen in den Dörfern oder am Dorfrand. Sie gehören noch kein halbes Jahrhundert zur festen Erscheinung in der Amrumer Vogelwelt, haben natürlich infolge der verspäteten Einwanderung keinen inselfriesischen Namen und sind deshalb auch vielen Insulanern unbekannt. Draußen in der Wildbahn, aber auch in den Ortschaften werden sie deshalb oft mit Rabenkrähen verwechselt. Und immer wieder beschweren sich Insulaner, dass sich die “Krähen” so vermehrt haben und deshalb alle anderen Vogelarten verschwunden sind. Tatsächlich sind die Genannten Angehörige der weltwelt über 100 Arten von Rabenvögeln und fallen hier durch ihr spezielles Verhalten und durch Gelehrigkeit und Intelligenz auf, wie sie nur wenigen Tierarten – Vögeln und Säugetieren – zu eigen ist.

Bei den nun ganzjährig in der Insellandschaft zu beobachtenden “schwarzen” Vogelgestalten handelt es sich um D o h l e n (lat. Corvus monedula), die über weite Teile Europas verbreitet sind und sich überall gerne den Menschen bzw. dessen Siedlungen anschließen. Zwar brüten Dohlen auch in Wäldern mit alten Bäumen, in denen sich Höhlen befinden, aber ganz überwiegend sind Dohlen doch als “Schornstein-” und “Kirchturmvögel” bekannt.

Dohlen bevölkern ganzjährig die Dörfer und Landschaften Amrums

Dohlen sind Geselligkeitsvögel. Sie brüten gerne in Kolonien und sind der Regel auch in Gesellschaft auf Nahrungssuche in der Feldmark oder in Dorfgärten unterwegs. Insbesondere, wenn die Jungen flügge geworden sind, ziehen Schaen von Dohlenfamilien mit lauten Kontaktrufen durch das Land – überall ist dann das “Tjuk-Tjuk” und “Tjok” zu hören. Der bekannte Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903-1989) hat das Gesellschafts- und Familienleben der Dohlen eingehend erforscht und eindrucksvoll in seinem Buch “Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen” publiziert. Auch in den großen, oft Hunderte von Vögeln umfassenden Gesellschaften herrscht eine typische Rangordnung, und einmal verpaarte Dohlen bleiben in der Regel lebenslang zusammen.

Dohlen rupfen Pferden und Kühen Wolle aus, um ihre Nester zu postern

Dohlen waren in früheren Jahrhunderten ausgesprochene “Festlandsvögel”. Erst im Jahre 1966 meldet die Insel Norderney eine erste Brut (Temme), vermutlich als Erstbesiedlung der Ostfriesischen Inseln. Und ebenso spät, erst um 1970, wird die Besiedlung von Sylt (Pfeiffer) gemeldet. Eher geeignet für Dohlenbruten ist Föhr mit den mächtigen Türmen der drei Inselkirchen zu Boldixum, Nieblum und Süderende. Aber auch hier gab es in historischer Zeit keine Dohlen, weshalb sie auch keinen friesischen Namen haben. Und trotz der für diese Vögel geeigneten Brutplätze wanderten Dohlen erst Anfang des vorigen Jahrhunderts auf Föhr ein (Reinhard Arfsten), wurden allerdings von der Bevölkerung bald als “Schädlinge” betrachtet, die Beeren und Blumen in den Dorfgärten plünderten und die wenigen in den Kirchtürmen brütenden Turmfalken verscheuchten. Bekanntlich sind Rabenvögel, vor allem Krähen und Elstern, als Nesträuber für andere Vogelarten eine große Gefahr, aber von Dohlen ist ein derartiges Verhalten nur vereinzelt bekannt. Sie stehen deshalb auch ganzjährig unter vollständiger Jagdverschonung.

Die Dohle ist gegenwärtig auf Amrum eine häufige und ganzjährig – auch in Schneewintern – anzutreffende Vogelart. Ihre Ansiedlung als Brutvogel ist genau datiert. Die erste erfolgreiche Brut erfolgte im Jahre 1973 im Schornstein des sog. “Zollhauses” im Süden von Norddorf. In den Jahren darauf wurde auch der Schornstein des Hauses Johannen-Willuhn in Norddorf besetzt und blieb etliche Jahre in Benutzung. Offenbar wurden an den genannten Häusern die Rauchabzüge nicht mehr oder nur sporadisch genutzt, denn Dohlen bauen ihre Nester bis knapp einen Meter tief in den Schornstein, und damit das Nest einen sicheren Halt hat, werden die Schornsteine von unter her mit Zweigen bis zur Nesthöhe aufgefüllt. Dadurch ist der Schornstein nicht selten dicht, und es kommt in den Heizöfen zu entsprechenden Problemen. Nachdem sich nämlich erste Dohlen auf Amrum angesiedelt hatten, entdeckten diese klugen Vögel bald, dass die Sommerhäuser von Auswärtigen nur für einige Monate von Menschen bewohnt werden und die Schornsteine sich für die frühe Brutzeit nutzen ließen, darunter auch jener des Hauses des früheren Landesministers Rudolf Titzck.

Als nun in einem Hause ein “Kaminfest” gefeiert werden sollte, konnte der Rauch nicht abziehen, verbreitete sich in allen Stuben und löste einen Feuerwehreinsatz aus. Es dauerte einige Zeit, bis man die “Übertäter” entdeckte und Abwehrmaßnahmen ergriff. Heute sind sozusagen alle aktiven Schornsteine gesichert. Aber Dohlen sind Vögel mit hoher Intelligenz und haben natürlich längst andere Möglichkeiten entdeckt, die ihrer Eigenschaft als Höhlenbrüter gerecht werden. Sie brüten nämlich in Kaninchenhöhlen!

Dohle beim Brutplatz, Kaninchenhöhle

Seit Ende des vorigen Jahrhunderts nutzen sie diese Möglichkeit, so auf der ostfriesischen Düneninsel Norderney (M. Temme 1990). Auf Amrum fand der Verfasser solche Bruten spätestens im Jahre 1997, wobei auch ein kolonieartiges Brüten zu beobachten war. In einer hohen Düne südlich der Vogelkoje Meerum hatten Dohlen alle vier dort vorhandenen Höhlen besetzt und es offenbar verstanden, die Erbauer und “rechtlichen Besitzer”, die Wildkaninchen, zu vertreiben. Diese Düne, “Dohlendüne” genannt, ist nun seit Jahrzehnten Brutplatz von Dohlen. Aber wenn man im Hochsommer die Scharen der in etlichen Insellandschaften umherziehenden Altvögel mit ihren flügge gewordenen Jungen registriert, kommt man zu dem Ergebnis, dass Hunderte von Kaninchenhöhlen in den Amrumer Dünen als Brutplätze von Corvus monedula genutzt werden.

An den Brutplätzen sind Dohlen allerdings ungewöhnlich scheu. Wenn sich ein Mensch, ein Möweneiersammler durch die Dünen bewegt und die Möwen ihre charakteristischen Warnrufe hören lassen, erscheinen die Dohlen an den Eingängen ihrer Bruthöhlen und fliegen unauffällig davon, um aus hohem Himmel die Gefahr zu beobachten. Möwen als Wächter von Dohlen!

Auch in den Inseldörfern sind Dohlen noch als Brutvögel vertreten und werden den einen oder anderen unbenutzten Schornstein oder andere Höhlungen für ihre Nestanlage finden. Aber die Mehrzahl der Amrumer Dohlen dürfte in den Kaninchenhöhlen in den Dünen brüten.

Dohlen sind wie erwähnt “Ganzjahresvögel”, die auch im Winter bei uns bleiben. Und sie verstärken damit ganzjährig die Masse der Krähenvögel. Auch Rabenkrähen sind auf Amrum zum Nachteil einiger bodenbrütenden Vogelarten viel zu zahlreich und bedürfen weiterhin energischer Bejagung. Aber sie sind – oft in Dohlenscharen eingemischt – weniger häufig, als der flüchtige Eindruck vermittelt. Dohlen unterscheiden sich von den Rabenkrähen im Wesentlichen durch ihre geringere Größe, einen kürzeren Schnabel und ein mehr oder weniger umfangreiches silbergraues Nackengefieder.

2023 Georg Quedens     Urheberrecht beim Verfasser

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