Außergewöhnliche Wasserstände brachten den regelmäßigen Schiffsverkehr zum Erliegen.


Kein Wasser am Anleger 2

Sturm und Sturmfluten mit Überschwemmungen sind die Insel- und Küstenbewohner gewohnt, aber das, was in den vergangenen Tagen sich abspielte war dann doch eher außergewöhnlich.

Sturm aus Windrichtung Ost, das ist schon was Besonderes. Für die Ostseeküste, den ostfriesischen Inseln und Helgoland bestand am Freitag eine Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes mit orkanartigen Böen um 110 km/h (Windstärke 11) aus Ost bis zum 21.10. 2 Uhr.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) warnte vor einer schweren Sturmflut in der Kieler und Lübecker Bucht. In der Flensburger Förde können Wasserstände bis 2 Meter über dem mittleren Wasserstand erreicht werden. Hier gilt die Gefahrenlage für die gesamte Küste bis Sonnabendvormittag.

Viel Wasser in der Ostsee (Sturmflut) bedeutet für die Nordsee zu wenig Wasser (Sturmebbe) und das konnte man am Freitagvormittag mit bloßem Auge erkennen. Kein Wasser mehr da, Sand- und Muschelbänke wo man sie in der Vergangenheit noch nie in diesen Größen gesehen hat und die Fähren hatten ihren Betrieb für mehrere Stunden eingestellt. Am späten Freitagvormittag sah man die MS „Nordfriesland“ und MS „Uthlande“ auf der Norderaue hinter Amrum vorbeifahren. Auch der Seenotrettungskreuzer „Ernst Meier-Hedde“ der DGzRS hatte seinen gewohnten Liegeplatz im Seezeichenhafen Wittdün verlassen und bewegte sich nahe dem Schweinsrücken (Sandbank) zwischen Amrum und Föhr.

Die noch im Wasser verbliebenen Boote des Amrumer Yacht Club lagen allesamt auf den Trockenen, auch der neue Schwimmsteg lag auf. Der nördliche Schwimmsteg lag so tief, dass die Anlegearme in der Luft hingen. Festgemachte Schiffe lagen zum Teil einseitig auf, der Platz vom Seenotrettungskreuzer hatte auch keinen genügenden Wasserstand mehr.

Der Hubsand (Sandbank gegenüber dem Fähranleger) lag hoch hinaus, Priele waren zu erkennen die man vorher wohl so noch nie gesehen hat. Auch die südlich davor gelegene Sandbank, die man eigentlich nie sieht, war riesig zu erkennen und darauf auch viele ehemalige abgebrochene Pricken. Südlich davon, in Richtung Seezeichenhafen, sieht man auf der Backbordseite ebenfalls Pricken herausragen. Alte abgebrochene Reste und Pricken die eigentlich das Fahrwasser begrenzen sollen – nur eben heute nicht.

Am Fähranleger in Wittdün konnte keine Fähre mehr an- bzw. ablegen, an den Anlegestellen war nicht nur zu wenig Wasser, man konnte Schlickablagerungen vor den Fährbrücken erkennen. Auch an der Anlegestelle der MS „Adler-Express“ Schlick anstatt Wasser. Die Reederei Adler-Schiffe hat alle Fahrten an der Nordsee aufgrund der Rekordniedrigwasserstände eingestellt. Die Schiffe der Reederei fahren erst wieder ab Sonntag nach Fahrplan, denn dann sollen Windstärke, Windrichtung und Wasserstand die Fahrten wieder zulassen.

Gegen 08:30 Uhr traf am Freitag die Morgenfähre von Dagebüll und Föhr kommend in Wittdün ein. Die MS „Nordfriesland“ legte kurz darauf ohne ‘Ladung’ wieder ab. Der Fährverkehr wurde eingestellt und erst am frühen Freitagnachmittag wieder aufgenommen. Die Fähren „Nordfriesland“ und „Uthlande“ pendelten dann zwischen Amrum und Föhr auf See, so werden die Schiffe und auch die Fähranleger vor Schäden durch den Sturm geschützt. Die Fährschiffe „Schleswig-Holstein“ und Norderaue“ blieben im geschützten Hafen von Dagebüll liegen.

Um 14.15 Uhr gab es dann wieder eine Verbindung von Wittdün direkt nach Dagebüll und um 16:30 Uhr noch eine über Wyk nach Dagebüll. Die 17:25 Uhr Fähre fiel aus.

Von Dagebüll fuhr eine Fähre um kurz nach 15 Uhr nach Föhr und eine nach Amrum direkt, für Amrum war es die letzte Fährverbindung an diesem Freitag. Auch am Samstag kann das vorhergesagte Niedrigwasser zu Veränderungen im Fahrplan führen.

Der Strand in Norddorf war auf einmal um ein Vielfaches größer, dass war aber der Sturmebbe zu verdanken.

Viel zu wenig Wasser brachte der Oststurm für die Nordsee, die Ostsee hatte dafür umso mehr. Für Flensburg waren 2 Meter mehr vorhergesagt, doch es kam schlimmer – der Pegel stieg hier um Mitternacht auf 2,30 Meter. Vorsichtshalber wurde in gewissen Gebieten der Strom abgeschaltet und Menschen evakuiert. Am Morgen hatte sich der Sturm beruhigt und die Pegelstände fallen merklich.

Zuletzt wurde dieser Pegelstand vor über 100 Jahren aufgezeichnet, ähnliche Wasserstände gab es am Silvester 1904.

Der Sturm richtete auf Amrum nur kleinere Schäden an. Auf dem Fähranleger in Wittdün kippte ein Anhänger um, in der Nähe vom Industriegebiet hielt eine Kiefer dem Unwetter nicht stand. Ebenso im Tanenwai in Westerheide, dort entwurzelte eine Birke und kippte in Richtung Westen ins Geäst anderer Bäume. Viele Straßen waren von Laub und Kleingehölz übersät. Am Sportplatz hielt ein Zaun mit Hinweisschild dem starken Wind nicht Stand.

Der Sturm wütete auch im Amrumer Bierverlag im Industriegebiet, hier wurden zahlreiche Paletten mit Leergut umgestürzt. Die Großzahl sind Plastikflaschen, es sind aber auch Paletten mit Glasflaschen in Schieflage geraten. Für Samstagvormittag war großes Aufräumen angesagt.

Menschen kamen beim Sturm nicht zu Schaden.

 

Print Friendly, PDF & Email

Über Gerd Arnold

Gerd Arnold, 1957 in Nebel auf Amrum geboren. Ein „echter“ Amrumer mit der friesischen Sprache (öömrang) aufgewachsen. Bis 1972 die Schule in Nebel besucht, danach Elektroinstallateur in Wittdün gelernt. 1976/77 in Wuppertal den Realschulabschluss nachgeholt. Ab Oktober 1977 als Berufssoldat bei der Bundesluftwaffe und seit November 2010 Pensionär. Nach vielen Jahren der verzweifelten Suche nach passenden „bezahlbaren“ Wohnraum auf Amrum endlich fündig geworden, seit Februar 2022 wieder ständig auf Amrum. 2019 ins Team der Amrum News integriert, aber das soll neben dem Angeln nicht die einzige Aktivität auf der Insel bleiben.

schon gelesen?

Neuseeländische Schüler erarbeiten sich Amrum-Reise …

Mehr als 18.000 km östlich von uns und zehn Stunden später schuften etwa 21 Teenager …

Schreibe einen Kommentar

WP2Social Auto Publish Powered By : XYZScripts.com