Alter schützt vor Torheit nicht – oder wie ich mir eine Zeitungsabonnement aufschwatzen ließ …


Eine selbstkritisch-ironische Aufarbeitung …….

Eine Glosse von Peter Totzauer

Man hört und liest ja immer wieder von betrügerischen Vorfällen wie „Enkeltrick“, „Schockanrufen“ oder unseriösen Werbeangeboten. Kann mir nicht passieren, dachte ich lange Zeit. Ich bin auf der Hut, dachte ich. Bis ich dann selbst auf einen plumpen Werbetrick hereingefallen bin:

Ich bin stolzer Besitzer einer „DeutschlandCard“, mit der ich Punkte auf meine Einkäufe in bestimmten Läden oder bei diversen Internet-shops sammeln kann. Es ist die moderne Art von Rabattgewährung. Geht natürlich „elektronisch“. Derartige Aktionen gibt es schon sehr lange, ich erinnere mich daran, dass meine Großmutter und meine Mutter bereits in den 50er und 60er Jahren fleißig Rabattmärkchen oder Konsummarken in Hefte geklebt haben um dann, wenn die Hefte voll waren, einen vergünstigten Einkauf zu tätigen. So ist es mit der DeutschlandCard auch. Wenn ich genügend Punkte gesammelt habe, wird mir, z. B. beim Einkaufen, ein Rabatt gewährt. Wahlweise könnte ich, ggf. unter Zuzahlung, ein Präsent erhalten, oder das Ganze auch an eine wohltätige Organisation spenden. Auf Amrum ist EDEKA die einzige Möglichkeit dieses Rabattsystem in Anspruch zu nehmen. Außer bei Internetgeschäften natürlich. Und da die Preise für Lebensmittel und anderen Alltagsgegenständen ja in den letzten Monaten quasi explodiert sind, halte ich es für absolut ok ein derartiges Rabattsystem in Anspruch zu nehmen.

Nun werden wir ja von Lidl, Aldi, Rossmann, EDEKA und vielen anderen mehr täglich mit Werbeangeboten überhäuft und ein jeder Anbieter versucht auch mit anderen Werbeaktionen Kunden an sich zu binden. So gibt es bei EDEKA z. B. immer wieder einmal „Glücks-Lose“, die man an der Kasse nach dem Einkauf ausgehändigt bekommt oder die man auch über die EDEKA-App downloaden kann. Das sind eine Art Rubbellose, mit denen man an einem Gewinnspiel teilnehmen kann, bei dem angeblich recht großzügig u. a. 500 € Einkaufsgutscheine verlost werden. Natürlich habe ich solche „Glücks-Lose“ auch erhalten und mich zu den diversen Glücksspielen angemeldet. So ein 500 € Einkaufsgutschein wäre schon nicht schlecht, dachte ich, wieder im Hinblick auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten (letzte Woche hat 1 (EINE!) Kiwi in einem der Amrumer Lebensmittel-Märkte 1,29 € gekostet!). Lange Zeit ist nichts passiert und ich hatte die Hoffnung aufgegeben, denn ich rechnete im Falle eines Gewinns mit einer schriftlichen Mitteilung.  Aber dann bekam ich plötzlich mehrere Emails vom „EDEKA-Team“: „Hallo am xx.xx.2024 haben wir Ihnen mitgeteilt, dass wir Ihnen einen möglichen EDEKA Einkaufsgutschein in Wert von 500 € zusenden könnten. Bisher haben Sie den möglichen Gutschein nicht angefordert. Besteht Ihrerseits kein Interesse mehr?“ Gefolgt von einem Link, der zu einer Anmeldung zum Abruf eines möglichen Gutscheins führte. EDEKA ist doch eigentlich ein seriöser Unternehmensverbund im deutschen Einzelhandel, dachte ich. Und meldete mich an. Das war der erste Fehler. Erst später fiel mir auf, dass der Absender der Email „tncbqy@ologa.org“ war, was mich nun so gar nicht an EDEKA oder DeutschlandCard erinnerte. Mir wurde zu einem „möglichen Gewinn“ gratuliert und ich wurde gebeten, um meine ganz persönliche Betreuung optimieren zu können, einige Angaben zu meiner Person und meinen Lebensverhältnissen zu machen. U. a. wurden ich zu männlich, weiblich oder anders, Alter, haben Sie Kinder, tragen Sie eine Brille oder ein Hörgerät, bevorzugen Sie Kaffee oder Tee, welches ist Ihr Lieblingsladen, wie kommen Sie dorthin zu Fuß, Fahrrad, Auto, öffentliche Verkehrsmittel (Mehrfachnennungen möglich), befragt. Wohl wissend, dass da ein Kundenprofil erstellt werden würde und ich massenhaft Werbung erhalten würde, gab ich zu einigen Fragen bereitwillig Auskunft. Das war der zweite Fehler, aber der vermeintlich greifbar nahe 500 € Gutschein machte meine aufkommenden Bedenken zunichte.

Einige Tage vergingen, und ich dachte nicht mehr an Vorgang, da klingelte mein Smartphone und eine mir unbekannte Handynummer wurde angezeigt. Ich meldete mich und wurde von einer freundlichen und eloquenten Dame befragt, ob ich der Peter Totzauer aus Nebel sei. Ich bejahte und mir wurde sofort zum Gewinn eines 400 € EDEKA-Einkaufsgutschein gratuliert. Oh prima, dachte ich, und erst später fiel mir auf, dass das ja 100 € weniger als ursprünglich angekündigt waren. Ich hatte aber gar keine Zeit mir Gedanken zu machen, denn sofort wurde ich mit Glückwünschen und Infos zum weiteren Vorgehen bis zur Auszahlung des Betrags überhäuft. So wurde mir auch mitgeteilt, dass der Gutschein ja nur die erste Stufe zum möglichen Gewinn noch viel größerer Dinge war. Jeder Zweite Einkaufsgutscheingewinner zieht in die Hauptrunde ein und ich wurde gefragt, ob ich im Falle des Hauptgewinns, ein VW Touareg, das Auto oder lieber den Gegenwert von 69.200 € haben würde. Der zweite Preis sei ein Tiny House im Wert von 30.000 €, der dritte Preis  eine 2-wöchige Reise der ganzen Familie auf die Malediven, inkl. der Kostenübernahme in dieser Zeit für die Betreuung möglicher pflegebedürftiger Angehöriger, einlösbar innerhalb der nächsten zwei Jahre. Der vierte Preis seien 1000 € Einkaufsgutscheine, der Fünfte mehrere 100 € Gutscheine. Bereitwillig gab ich zu meinen potentiellen Gewinnwünschen Auskunft. Und dann kam der Knackpunkt: Mir wurde im Zusammenhang mit dem Gewinnspiel die „einmalige Chance“ ein vergünstigtes Abonnement einer Zeitschrift meiner Wahl zu tätigen. Laufzeit 2 Jahre, das erste halbe Jahr kostenfrei. Und das war der Zeitpunkt, wo offensichtlich meine 70jährigen grauen Hirnzellen restlos versagten. Ich habe zugestimmt, und das sogar noch unter Angabe meiner Bankverbindung (ganz großer Fehler!), dorthin würde auch das versprochene Geld im Wert des 400 € Einkaufsgutschein überwiesen werden. Ich durfte unter bestimmt 20 Zeitschriften, darunter durchaus renommierte Blätter wie „Spiegel“, Focus“, „Bunte“, „Hör Zu“ oder „Inselbote“, auswählen und entschied mich für „Bild der Wissenschaft“. Vielleicht erhofften sich meine grauen Hirnzellen dadurch etwas Sinnvolles zur Regeneration geschrumpfter Gehirnaktivitäten erfahren zu können. Mir wurde ausschweifend gedankt, die nette Dame am Telefon nannte mir ihren Namen (Silvia Weidel, „Silvia mit 2 i, nicht mit y“), wünschte mir Gesundheit und teilte mir noch mit, dass mich innerhalb der nächsten 10 Minuten ein Anruf einer weiteren Mitarbeiterin erreichen würde um mir zu versichern, dass alles seine Richtigkeit haben würde. Dies geschah auch prompt, wieder erschien eine mir unbekannte Nummer auf dem Display. Die zweite freundliche Dame holte sich von mir die Erlaubnis das Gespräch „zu Schulungszwecken“  aufzeichnen zu dürfen (der nächste Fehler meinerseits …..) und bestätigte den Vorgang. Zum Schluss wurde mir eine Berliner Telefonnummer mitgeteilt („bitte notieren Sie diese“), über die ich jederzeit montags bis freitags zwischen 8 und 17 Uhr anrufen könne, wenn noch Fragen oder Unklarheiten bestehen würden.

Bereits kurze Zeit nach dem ganzen Geschehen kamen mir doch große Zweifel an der Ehrlichkeit der beiden Gesprächspartnerinnen. Obwohl, ehrlich waren sie ja, zumindest teilweise. Sie hatten mich aufgeklärt, dass ich einem Zeitschriftenabonnement zustimmen würde, dass das kostenpflichtig sei, und ich denke auch, dass der Wunsch „bleiben Sie gesund“ ehrlich gemeint war. Ich bin ja immer dazu geneigt das Gute in einem Menschen zu sehen. Aber betrogen fühle ich mich dennoch. Ich habe bis heute keine 400 € erhalten.

Nachdem ich eine Nacht über die ganze Angelegenheit (schlecht) geschlafen hatte, machte ich mir Gedanken darüber, wie ich wohl aus der blöden Situation herauskommen würde. Als erstes habe ich versucht die angegebene Hotline-Nummer in Berlin anzurufen (030 330833690), und dies mehrfach. Nie ist eine Verbindung zustande gekommen. Auch Rückrufversuche bei den beiden Handynummern, die mein Smartphone ja gespeichert hat (+49 1525 8439890 und +49 177 9335633), sind nie gelungen. Wundert mich im Nachhinein auch gar nicht.

Dann habe ich ein wenig gegoogelt und die Berliner Nummer eigegeben. Sehr schnell traf ich hier auf Warnmeldungen die sich, u. a. auch auf die Handynummern, bezogen. Der Tenor war eindeutig: „Sehr unseriös, Gewinnspiel, angeblich Gewinn-Hotline durch EDEKA, nicht annehmen, Kommentare beachten“ waren die Aussagen. Hierzu gab es über 1900 Anfragen und etliche Kommentare, aus denen zu entnehmen war, dass es offensichtlich mehrere Blöde wie mich gibt, die auf die Aktion hereingefallen waren und nun ein ungewolltes Abo haben. Ich war zwar etwas beruhigt darüber, dass ich nicht der erste und nicht der einzige Esel bin, der auf so eine plumpe Masche hereingefallen war, allerdings löste das natürlich mein Problem mit der Bankverbindung und dem Abonnement nicht.

Ich erinnerte mich jedoch daran, dass man nach Abschluss eines Vertrags, bzw. Abwicklung eines Kaufgeschehens, 14 Tage lang ein Rückgabe- bzw. Widerrufsrecht hat. Aber wie sollte ich das Widerrufrecht in Anspruch nehmen? Die Berliner Hotline war nicht erreichbar, ich hatte auch keine Kundennummer und die erfolgte Ankündigung eine schriftlichen Bestätigung des Abonnements und des Preisgewinns zu erhalten ließ auf sich warten. Täglich mehrere Blicke auf mein Konto zeigten mir wenigstens, dass keine dubiösen Abbuchungen erfolgt waren. So sah ich keinen Sinn darin mein Konto sperren zu lassen, und ich verfasste einen Brief mit Bezugnahme auf das Abonnement und mein Widerrufsrecht. Das gedachte ich rechtzeitig vor Ablauf der 14-tägigen Widerrufsmöglichkeit direkt dem Leserservice von Bild der Wissenschaft per Email und postalisch per Einschreiben zukommen zu lassen. Anschrift des Verlags und Email-Adresse waren mühelos aus dem Internet zu entnehmen. Und dann geschah das Unerwartete, was mir den Glauben an Gerechtigkeit und unseren Rechtsstaat doch etwas zurückbrachte. 3 Tage nach meinem „Missgeschick“ erhielt ich abends um 19:07 Uhr eine Email von der „ADM medienpress Hamburg GmbH“ mit der schriftliche Bestätigung zum Abo Bild der Wissenschaft, mit Kundennummer, Abbuchungsmodalitäten und Mitteilung, dass mit Heft 08/2024, Erscheinungsdatum 21.06.2024 die erste Auslieferung erfolgen würde. Als „Dankeschön“ war ein Reisegutschein über 200,- € für Buchungen innerhalb 2 Jahren bei „HolidayTours24“ beigefügt. Von einem EDEKA-Einkaufsgutschein war keine Rede. Und es war eine Seite mir den Datenschutzhinweisen, der Liefervereinbarung und der Widerrufsbelehrung inkl. Widerrufsformular angehängt. Mir wurde die Möglichkeit geboten, einen Widerruf entweder mit dem angefügten Formular postalisch oder per Email an info@pvz.de, oder direkt via Internet auf https://www.pvz.digital/widerruf zu tätigen. Beide Möglichkeiten nahm ich parallel und sofort war. Und, siehe da, bereits wenige Stunden später, um 23:51 Uhr, erhielt ich via Email die Bestätigung über die Stornierung des Abonnements. Es würden mit keine Hefte zugehen, die Auftragsbestätigung sei gegenstandslos und mögliche Abbuchungen von meinem Konto würden erstattet werden.

Zusammenfassend gesehen, scheine ich also mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Allerdings muss ich mir selbst vorwerfen, mich mit meinem mir jetzt unerklärlich leichtsinnigen Verhalten in eine blöde Situation gebracht zu haben. Niemals wollte ich auf so einem Weg ein Zeitschriftenabonnement abschließen. Ganz offensichtlich habe ich mich von einem im Umgang mit Verkaufsgesprächen ausgezeichnet geschulten Callcenter Personal übertölpeln lassen. Unsere Rechtsprechung mit Widerrufsmöglichkeit hat mich vor größerem Schaden bewahrt. Geblieben sind allerdings Unmengen von Werbemails zu allen möglichen und unmöglichen Kaufangeboten. Nein, ich möchte keinen Designer-Bürostuhl, brauche keine Partnervermittlung und ein Hörgerät habe ich auch schon. Meinen Spamordner leere ich jetzt täglich. Gestern waren es 103 Mails…….

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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