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Das rätselhafte »Denkmal« auf dem Wittdüner Deich

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Das Denkmal auf dem Deich bei Wittdün

Wanderer auf dem Deich am Nordufer zwischen Wittdün und dem Seezei­chenhafen bleiben nicht selten vor einem aus Feldsteinen aufgemau­erten Gebilde stehen, dessen Form zweifelsohne eine Art „Denkmal“ verrät, das hinsichtlich seiner Aussage jedoch keinen Zweck und Ursprung vermittelt. Und ebenso geheimnisvoll ist die kaum les­bare Inschrift auf der Binnenseite, “Ich. diene”, weil genauere Hin­weise fehlen. Diese bemerkenswerte Anonymisierung des Denkmales hat seinen Grund: Es wurde in nationalsozialistischer Zeit, 1935, errichtet und trug selbstverständlich ursprünglich das Schreckens­symbol jener Zeit, ein Hakenkreuz. Dieses aber wurde nach Kriegs­ende herausgehauen, so dass der Gedenkstein keinen Hinweis auf den Anlass seiner Errichtung vermittelt.

Der Anlass war die Bedeichung der Marsch zwischen Wittdün und Steenodde durch den “Arbeitsdienst”, im Jahre 1935 natürlich unter der nationalsozialistischen Fahne. Aber der Arbeitsdienst war ursprüng­lich keine Einrichtung der Nationalsozialisten. Er entstand schon in den 1920er Jahren aus einer studentischen Arbeitslagerbewegung im Gefolge hoher Arbeitslosigkeit nach den Weltkriegs- und Inflationsjahren im Deutschen Reich, das nach der Niederlage dem wilhelminischen Kaiserreich (zuletzt mit Kaiser Wilhelm II.) gefolgt war. Es ging darum, im Dienste der Allgemeinheit für einen Lohn von nur wenigen Groschen täglich, vor allem in der Landwirtschaft und an der Nordseeküste für Maßnahmen des Küstenschutzes freiwillige Arbeitsleistung zu erbringen, wozu die Regierung Brüning im Jahre 1931 ein entsprechendes Gesetz verabschiedete. 1932 beschäftigte der Arbeitsdienst schon fast 100.000 junge Männer, die keine Arbeit ge­funden hatten, für diesen „Dienst am Volke“ – und es war zwangsläu­fig, dass diese Maßnahme, die der Ideologie der Nationalsozialisten entsprach, von diesen übernommen und zum „Reichsarbeitsdienst“ (RAD) ausgebaut wurde. Das Symbol des RAD wurde der Spaten und es ging vor allem darum, entsprechende Arbeiten, z.B. Landgewinnung und Deich­bauarbeiten, zu erfüllen.

Durch die unbedeichte Marsch floss die "Gotel"

Durch die unbedeichte Marsch floß die »Gotel«

Eine solche Aufgabe stand auch auf Amrum an. Hier lagen die Marschen­wiesen von Norddorf mit rund 80 Hektar und zwischen Wittdün und Steenodde mit knapp 40 Hektar faktisch als Salzwiesen frei zum Wattenmeer hin und wurden bei jeder Sturmflut überflutet. Zwar wurden bei solchen Überflutungen keine menschlichen Siedlungen beeinträchtigt, aber bei Sturmfluten im Sommer wurde das Heu der Landwirte weggespült. Für die Wittdün-Steenodder Marsch wurde eine Bedeichung schon 1895 erwogen. Aber die Kosten standen in keinem Verhältnis zum Nutzen. Nun stand im Jahre 1935 die Möglichkeit einer Bedeichung mit Hilfe der bil­ligen Arbeitskräfte des RAD erneut auf der Tagesordnung, und kurzent­schlossen wurden die Projekte, sowohl die Bedeichung der Norddorfer als auch der Wittdün-Steenodder Marsch, durchgeführt. Für das eine Projekt wurden im Sommer 1935 216 Arbeitsdienstmänner in Baracken zwischen dem damaligen Seehospiz I und der Nordspitze untergebracht, während die 160 RAD-Männer für den Deichbau zwischen Wittdün und Steenodde im “Landhaus” (damaliger Eigentümer Peter Petersen, ge­nannt Peter “Strand” wohnten, weil es noch zwei weitere Peter Petersens in Wittdün gab). Die Deichlänge betrug 1,6 Kilometer, und mittels Loren­züge wurden die dafür benötigten Sandmassen aus den Dünen herange­schafft, die mit Mutterboden aus der Inselgeest und Klei aus dem benachbarten Watt abgedeckt und mit Gras eingesät wurden. Am 23. Mai 1935 erfolgte die Abnahme des Deiches, der schon am 18.und am 27.Ok­tober 1936 zwei schwere Sturmfluten erfolgreich aushielt. Die erste Flut war mit 2,78 Meter über dem Mittleren Hochwasser die höchste seit über 100 Jahren! Ungeachtet des Einsatzes des RAD kostete der Deich zwischen Wittdün und Steenodde 76.000 Reichsmark, wovon der Deichverband 30.000 RM zu tragen hatte.

Die Menge der RAD-„Amuwis”(Arbeitsmutwillige, wie sich die jungen Män­ner selbst nannten) hatte allerdings eine gewisse Auswirkung auf die Amrumer Weiblichkeit. Der Chef der Norddorfer Bedeichung, Irenäus Garz, fand seine Frau Erna unter den Töchtern des Bäckermeisters Schult, Heinrich Femerling nahm sich die älteste Tochter des Landwirtes und Strandvogtes Boy H. Peters, Walter Peters heiratete Emma Petersen, alle aus Norddorf, während der Feldmeister Friedrich Gereke die Tochter Bertha des Gastwirtes Moritz Lander aus Nebel und Theo Thomsen die Tochter Helene des Lehrers Heinrich Arpe ehelichte. Alle haben noch heute bestehende Familien in Norddorf und Nebel begründet.

Deichbruch 1962

Deichbruch 1962

Beide Deiche, die keine eigentlichen „Landesschutzdeiche“ mit ent­sprechender Kronenhöhe waren, wurden dann durch die höchste Orkan­flut des 20. Jahrhunderts am 16.Februar 1962 überflutet und durch­brochen.

Und für das RAD-Denkmal auf dem Wittdüner Deich wird öfter der Wunsch geäußert, durch einen Hinweis Ursprung und Zweck zu erklären. Damit wird keine „Politische Korrektheit“ tangiert. Denn unter den zweifel­haften und verbrecherischen Organisationen des Dritten Reiches blieb der Arbeitsdienst von Nazi-Verbrechen unbelastet und war mit seinen Dienstleistungen eher eine Wohltätigkeitsorgani­sation (die übrigens in einigen anderen europäischen Län­dern Nachahmung fand!), weshalb kein Anlass besteht, das Wirken des Arbeitsdienstes auf dem Denkmal zu verschweigen.

Georg Quedens

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Über Georg Quedens

Ein Kommentar

  1. Hallo liebe Redaktion,
    vielen Dank für die Aufklärung über der rätselhaften Steinpyramide, vor der ich auch schon oft gestanden habe. Ich würde mich freuen, wenn Ihr zukünftig vermehrt historische Kurzbeiträge bringen würdet. Es gibt bestimmt noch mehr Amrumer Relikte, die nicht allgemein bekannt sind. Ansonsten – weiter so, ich freue mich immer über neue Beiträge! 🙂
    Michael Baum, Eckernförde

Amrumer Fotowettbewerb 2015