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Königlicher Besuch auf Amrum …

Ein Erlebnisbericht

Der Tag des königlichen Besuchs auf der Insel begann grisselig grau in Erwartung des angekündigten Regens, wie so oft um Mittsommer herum. Ich war vom Kurfürsten eingeladen, die Königinnen mit in Empfang zu nehmen. Sie würden ihren Hofstaat mitbringen und mit kleiner Entourage über Dagebüll-Mole anreisen….

Ich war sehr gespannt, wie dieser alljährliche Frühsommerbesuch auf Amrum ablaufen sollte und begleitete den Kurfürsten in den Wald am Rande von Norddorf. Die königlichen Quartiere auf dem Grund von Martinen waren bereits am Vortag für den Einzug hergerichtet worden. Etwa 60 junge Königinnen wurden in diesem Jahr zu einem befruchtenden vierwöchigen Aufenthalt auf der Insel erwartet. Zu zweit oder viert würden sie sich, umgeben von ihren kleinen Hofstaaten, je einen der Holz-Bungalows teilen, die in etwa so aussehen wie die Briefkästen auf Skeppsholmen oder im schwedischen Bullerbyn, wenn auch mit gewissem Anstandsabstand.

Wir warteten zu dritt auf die Ankunft der goldenen Fracht. Ein kleiner Bahnhof. Doch selbst auf die Gefahr hin, Ihre royale Ader jetzt überzustrapazieren, kann ich Ihnen das himmlische Spektakel nicht vorenthalten, als die Staatskarosse mit der königlichen Fracht vorfuhr, übrigens ein unauffällig kleiner weißer Lieferwagen mit Pinneberger Kennzeichen: Kaum waren ein paar Worte mit der königlichen Entourage gewechselt und einige unbezogene Wabenbetten für das kommende Jahr ausgeladen, riss ganz unerwartet der Himmel auf und die 61 noch unbefleckten Königinnen konnten bei strahlendem Sonnenschein ihre Hochzeitsquartiere beziehen. In diesem Jahr trugen die in Erwartung ihrer Begattung Angereisten ein rotes Plättchen als Kopfschmuck, wodurch man sie in der Menge des mitgebrachten Hofstaates gleich erkennen konnte.

Sicher ahnen Sie jetzt schon, dass es ganz besondere Königinnen sind, die auf Amrum einmal im Jahr empfangen werden. Es sind junge Bienenköniginnen des „Züchterrings Himmel“, die hier in die Inselbelegstelle des Imkerverbands Schleswig-Holstein und Hamburg verbracht werden, um von den Drohnen der Amrumer Bienenvölker befruchtet zu werden. Sie gehören zur Zuchtlinie Apis melifera carnica –Peschetz und gelten als besonders sanftmütig, leistungsfähig (früher Honigertrag), standtreu (selten vom Schwarm abtrünnig) und widerstandsfähig.

Damit diese Eigenschaften linientreu weitergegeben werden und die Bienenköniginnen sich nicht von Drohnen mit anderen Eigenschaften begatten lassen, schicken die Imker vom Festland ihre Königinnen gern in die Linienbelegstelle hier auf der Insel, da sie außerhalb des Flugradius anderer Bienenvölker liegt, der höchstens sieben oder acht Kilometer beträgt. Auf ganz Amrum dürfen andere Bienenvölker als die Zuchtvölker nicht aufgestellt werden, denn schon seit 1958 ist die gesamte Insel gesetzlich geschütztes Schutzgebiet für die Befruchtung von Bienenköniginnen des „Züchterrings Himmel“.

Der Zuchtverband versorgt auch die etwa zehn Bienenvölker der Imker auf Amrum regelmäßig mit neuen Königinnen aus anderen Carnica-Petschetz-Linien, um Inzucht auf der väterlichen Seite zu vermeiden und immer genügend Drohnen für die Befruchtung der Zuchtköniginnen zu bekommen.

Vor drei Jahren übernahm der Biologe Manfred Kurfürst aus Nebel die Bienenstöcke von Bäckermeister Karsten Schult und auch Sandra Martinen, die Schwieger-Enkeltochter von Martin („Matje“) Martinen aus Norddorf, der die Belegstelle nach dem Krieg mit aufgebaut hat, knüpfte wieder an die Familientradition an und begann zu imkern. Zusammen betreuen sie mit Unterstützung des Zuchtverbands die Belegstelle und halten das Gros der Bienenvölker auf der Insel, aus denen die – übrigens stachellosen – männlichen Bienen (Drohnen) in diesen Tagen zur Begattung ausschwärmen werden.

Die Amrumer Drohnen sammeln sich dann irgendwo über der Insel und erwarten die „himmlischen“ Königinnen zur Paarung in der Luft. Während der Hochzeitsflüge lassen sich die Königinnen (Weiseln) von mehreren Drohnen in der Luft begatten und sammeln deren Spermien für den Rest ihres Lebens. Die Drohnen verlieren bei der Paarung ihr Gemächt und lassen früher oder später ihr Leben. So wie auch die eine oder andere Königin.

Nach dem Hochzeitsflug kehren die jungen Königinnen zur Eiablage in ihre Quartiere zurück. Dort werden sie von den mitgebrachten Hofdamen (alles fleißige Arbeiterinnen, versteht sich) versorgt und beschützt, bevor Belegstellenleiter Sebastian („Basti“) Rolke vom „Züchterring Himmel“ die Begattungsvölkchen abholt und es mit der ganzen Brut in der weißen Karosse wieder zurück auf’s Festland zu den Imkern geht.

Im letzten Jahr lag die Erfolgsquote der Amrumer Belegstelle bei den „Himmlischen“ um die 80%. Aber nicht dass Sie glauben, sie läsen hier eine amouröse Öko-Romanze: Der ökonomische Nutzen, den Honigbienen durch die Bestäubung von Nutzpflanzen leisten ist enorm und wesentlich größer als der wirtschaftliche Wert der Honigerzeugung, denn über 80 % aller europäischen Nutzpflanzenarten, insbesondere Beeren, Früchte, Gemüse, Nüsse und Raps, sind mehr oder weniger auf die Bestäubung durch Bienen und andere Insekten angewiesen. Ohne Bienen stürbe die Landwirtschaft.

Etwa 3.000 Imker mit insgesamt rund 22.000 Bienenvölkern sind im Landesverband Schleswig-Holsteinischer und Hamburger Imker e.V. organisiert – in 16 Kreisverbänden, 77 Ortsvereinen und 11 Züchterringen. Einer von ihnen ist der „Züchterring Himmel“, der nach dem Wohnort seines 1. Vorsitzenden in Klein Nordende benannt ist. Wenn Sie mehr wissen möchten, besuchen Sie doch einmal deren Webseite: http://www.npz-ev.de/wp_zuechterringe/zr_himmel/

Und falls Sie auf der Insel wider Erwarten einmal einen kleinen Schwarm Bienen auf Ihrem Grundstück entdecken sollten, seien Sie unbesorgt. Die Tiere sind friedliebend. Rufen Sie Sandra Martinen oder Manfred Kurfürst an. Die fangen den Schwarm wieder ein und nehmen ihn mit zurück nach Haus.

 

 

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Über Astrid Thomas-Niemann

Astrid Thomas-Niemann ist gelernte Schifffahrtskauffrau sowie studierte Sprach- und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre als Schifffahrtsanalystin gearbeitet und lebt seit 2015 in Wittdün. Als junge Frau kam Astrid 1981 das erste Mal auf die Insel und besuchte auf Zeltplatz II die Niemanns aus Hamburg, die Amrum seit 1962 urlaubsmäßig die Treue halten, inzwischen bereits in der 4. Generation.
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