Home » Über Land ... » Naturschutz gegen die Natur

Naturschutz gegen die Natur


Was war das noch vor einigen Jahren ein munteres Vogelleben von April bis in den Sommer hinein draußen vor dem Deich am Wattufer bei Norddorf! Fast unentwegt, vom Morgen bis zum Abend und oft auch noch bei Nacht war das laute “Klütklütklütklüt” aus den Brutkolonien der Säbelschnäbler zu hören, wenn diese aufgeregt Möwen und Krähen verfolgten, die ihren Gelegen oder Jungen zu nahe gekommen waren. Und immer waren die Rufe von Austernfischern zu hören, die in beachtlicher Zahl auf den Salzwiesen am Deich ihre Brutplätze hatten. Und ebenso unentwegt zu hören war das heisere Geschrei der Lachmöwen, die in ihren Brutkolonien in der Regel nahe beieinander brüteten, aber doch darauf achteten, dass die Nachbarn gebührenden Abstand hielten, was eine ständige Lautgebung bedingte. Ebenso, wenn Großmöwen einen Raubzug bei den wenig wehrhaften Artverwandten versuchten. Auch Rotschenkel stiegen immer wieder mit zitternden Flügelschlägen in die Luft und ließen ihr melodisches Balzgeläute hören.

Der Austernfischer benötigt niedrige Vegetation für die Brut

Heute sind die genannten Vogelstimmen verstummt – nur noch die Rufe von Zugvögeln klingen über den Deich bis hinein in das Dorf. Was ist nur geschehen, was hat sich verändert??? Kurz gesagt: Die Salzwiesen am Norddorfer Wattufer bieten mit ihrer hochgewachsenen Vegetation allen genannten Vogelarten keinen Brutplatz mehr. Und deshalb sind diese verschwunden!

“Natur Natur sein lassen”
Vor etlichen Jahren wurden die Salzwiesen am Norddorfer Wattendeich noch von Schafen beweidet, und es gab Flächen niedriger Salzvegetation. Die letzten Schafhalter waren die Familie Andresen und der von der Hallig Langeneß stammende Dirk Hansen, als Küstenschutzwerker nach Amrum gekommen. Dann aber verbreitete sich im Zusammenhang mit dem Nationalpark Wattenmeer an der schleswig-holsteinischen Westküste die Bestrebung, jegliche Beweidung der Salzwiesen und des Deichvorlandes aufzulösen und die Verträge mit den jeweiligen Schäfern nicht zu verlängern. Dabei ging es darum, die teils intensive Beweidung, die die vorgenannten Landschaft teilweise in “Golfrasen” verwandelt hatte, in den Naturzustand zurückzuführen, und es wurde die Parole “Natur Natur sein lassen” propagiert. Bekanntlich ist der gegenwärtige Naturschutz vor allem nach ideologisch motivierten Zielvorgaben, weniger nach praktischen Erfahrungen und Erfordernissen ausgerichtet. Und bald war “Natur Natur sein lassen” als Dogma in aller Munde. Die Landesregierung, damals mit Ministerpräsidentin Heide Simonis, erhielt Dankesbriefe für ihre “vorausschauende” Umwelttat, darunter auch von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holstein und Hamburg.

Säbelschnäbler-Paar in Abwehrstellung

Alle Welt erwartete nun, dass sich auf den naturbelassenen Salzwiesen und Deichvorländern die schönste Natur ausbreiten würde, ein bunter Pflanzenteppich mit Strandflieder, Strandwermut, Salzschuppenmiere, Löffelkraut, Strandaster, Milchkraut, Stranddreizack und den anderen Salzpflanzen entstehen würde, auf den von Weidevieh ungestörten Wiesen sich Kolonien von Säbelschnäblern, von Austernfischern, Uferschnepfen, Lachmöwen, von Rotschenkeln und Seeschwalben entwickeln würden, die das Zertreten ihrer Gelege und Jungvögel durch Schafe und Kühe nicht mehr zu befürchten hätten, und Scharen von Wildgänsen einfallen würden, um von den Salzgräsern (Andel) zu äsen.

Aber die Natur spielte der guten Absicht einen bösen Streich! Binnen weniger Jahre eroberten einige wenige hochwachsende und zudem nicht einmal einheimische, sondern sogenannte “invasive” Arten diesen Lebensraum, wie die Salzquecke (Elymus athericus) und Schlickgrad (Spartina anglica), und verdrängten die oben genannte Vielfalt der Salzflora. Auf dem Deichvorland bei Norddorf (aber auch bei Westerhever und anderenorts) kam dann noch die Strandmelde (Halimione portulacoides) hinzu. Und längs des Amrumer Wattufers verschwanden die schmalen Salzwiesenstreifen unter Schilf. Die Vielfalt der Salzwiesen erstickte, bis auf die oben Genannten, und mit ihnen auch die zugehörige Insektenfauna, darunter der legendäre, der Öffentlichkeit aber unbekannte Strandflieder-Rüsselkäfer, seiner Wirtspflanze beraubt. Nur hier und da am unmittelbaren Wattufer und an den Grabenkanten blieb noch genug Luft, so dass hier einige der typischen Salzpflanzen zu finden sind.

Schlickgras-Wildnis bei Norddorf. Hier kann kein Vogel brüten und keine Gans äsen.

Geradezu exemplarisch ist das Schicksal einer Salzwiese auf Eer neben dem Fahrradständer der Amrumer Odde. Als sich in den 1980er Jahren der ideologisch motivierte Naturschutz verbreitete, rammte eine engagierte Einwohnerin aus Norddorf dort ein großes Schild mit dem Hinweis “Naturschutz” ein. Mit dieser gutgemeinten Aktion sollten Insulaner und Inselgäste davon abgehalten werden, Strandflieder zu pflücken. Der Norddorfer Landwirt, der die Salzwiesen für sein Vieh nutzte, verzichtete auf die Beweidung, so dass die Natur nun freie Entfaltung hatte. Aber statt einer bunten Salzfloravielfalt eroberten lange Schwaden des Andelgrases die Wiese und legten sich wie eine Matratze darauf. Nur noch ganz vereinzelt kämpfte sich ein Strandfliedertrieb durch das Dickicht und sprach dem großen Holzschild mit der Aufschrift “Naturschutz” Hohn. Im folgenden Jahr wurde die Wiese wieder beweidet. Und siehe da! Der Strandflieder breitete sich zur Freude aller Inselgäste wieder großflächig aus. Dabei ist es bis heute geblieben!

Wo Salzwiesen beweidet werden, finden auch Salspflanzen Luft und Leben

Aber es verschwanden von den Amrumer Salzwiesen (und jenen auf Föhr, Sylt und dem Festland) nicht nur die Brutvögel – bis auf wenige, die kleine Freiflächen fanden, wie einige Austernfischerpaare und etliche Säbelschnäbler längs des Vorlandprieles am Norddorfer Asphaltdeich, wo durch Ausbaggern des Prieles einige Sandflächen, noch ohne Vegetation, entstanden. Andernorts, so z. B. an holländischen Küsten oder auf den Seevogelinseln an der Küste der ehemaligen DDR, ja sozusagen auf der ganzen Welt, wird die Vegetation zum Schutze der Brutvögel durch Mahd oder Beweidung nach der Brutzeit kurzgehalten, und niemand hat das Gefühl, dass hier die Natur gestört oder gar zerstört wird! Aber im Nationalpark und Weltnaturerbe Wattenmeer regieren offenbar einige hartköpfige Ideologen, die die reine Lehre von “Natur Natur sein lassen” nicht beschädigen wollen.

Die Zerstörung der vielfältigen Salzflora und die Vertreibung der für die hiesige Küste charakterischen Brutvögel wird dann – drittens – noch komplettiert durch die Vernichtung umfangreicher Äsungsflächen für Wildgänse. Noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen Ringelgänse im Binnenlande nicht vor. Sie fanden im Watt in den Seegraswiesen ihre Nahrung und wechselten dann, als diese durch eine Pilzkrankheit dezimiert wurden, auf die Salzwiesen an der Wattenmeerküste. Aber dann, in den 1970/80er Jahren, entdeckten die sich stark vermehrten Ringelgänse die Süßwasserweiden binnen der Deiche und bald auch die Getreidesaaten auf der hohen Geest. Selbst, als sich die Seegrasvegetation von der Pilzkrankheit erholte, siedelten sich nur wenige Gänsescharen um, sondern bevölkerten, so auch 2018/19, die eingedeichten Marschen bei Wittdün und Norddorf und überall auf der Insel, auch die Feldmark der hohen Geest, überall, wo Gras zu finden ist. Vergeblich waren die von den Umweltbehörden genehmigten “Vergrämungsabschüsse”, Knallapparate und Flugdrachen in Seeadlerform der hiesigen Landwirte. Es war dann für die Landwirte ein zusätzliches Pech, dass vor ca. drei Jahren auch Tausende von Nonnen-(Weißwangen-)gänsen Amrum als Winterquartier entdeckten. Den wenigen viehhaltenden Landwirten auf Amrum blieb nichts anderes übrig, als ihren Viehbestand drastisch zu reduzieren.

Die hiesigen Naturschutzvereine, Öömrang Ferian und Schutzstation Wattenmeer, veranstalten laufende Führungen auf dem Norddorfer Asphaltdeich und am Wattufer bei Nebel. Die Besucher erleben die Fülle der Vogelwelt draußen im Wattenmeer. Vom Zustand der Salzwiesen und was die Ideologie “Natur Natur sein lassen” hier angerichtet hat, erfahren sie nichts!

Georg Quedens

 

 

Print Friendly, PDF & Email

About Georg Quedens

Check Also

Der “Klingelmann” Hanje Lassen

Bundestagsdebatte in Berlin. Die Fernsehkamera schweift über die Sitzreihen der Abgeordneten und erfasst, dass jeder …

3 comments

  1. Danke für diese nachdenkenswerten Zeilen. Es scheint wieder mal so ein Fall zu sein von “gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht”. Mich würden weitere Stellungnahmen zu diesem Thema interessieren etwa von den im Artikel genannten Vereinigungen oder von den Mitarbeitenden der Vogelschutzstation auf der Odde. Das dürfte eine interessante Diskussion geben und gegebenenfalls zu Veränderungen führen, wenn die sachlichen Argumente ausgetauscht sind. Ich verstehe leider zu wenig von diesen Fragen, um inhaltlich mitdiskutieren zu können, doch finde ich die vorgetragenen Argumente erst einmal überzeugend.
    mit herzlichen Grüßen
    Jens Porep
    Im Juni werde ich wachen Auges durch die Landschaft gehen!

  2. Vergessen zu erwähnen wurde die Tatsache, dass es immer weniger vom Menschen ungestörte Räume auf der Welt gibt. Das Wattenmeer gehört zu diesen und daher heißt das wichtige Dogma “Natur Natur sein lassen”.
    Es gibt verschiedenste Naturschutzstrategien, im Nationalpark wird Prozessschutz vertreten. Dazu gehört eine Salzwiese, die unbeweidet ist. Nur weil die Salzwiesen in Norddorf für Austerfischer unattraktiv sind, heißt es nicht, dass es ewig so sein wird. Die Natur findet immer einen Weg.
    Fazit: Herr Quedens wettert undifferenziert gegen den Nationalpark und deren Relevanz in der heutigen Welt.

  3. Verstehe ich das richtig, dass es um die Alternative unberührte Natur oder Artenvielfalt geht? Es scheint ja so zu sein, dass durch das Nichtbeweiden sich nur einige wenige Arten durchsetzen, während viele andere ihren Lebensraum verlieren. Ist die unberührte Natur ein Wert an sich? Klar, auch in anderen Nationalparks wie dem Bayerischen Wald ist sie das .
    Es ist ja auch nicht von intensiver Landwirtschaft, oder gar Bebauung, sondern von extensiver Beweidung durch Schafe die Rede. Vielleicht hilft der Begriff “naturnah” in der Diskussion weiter? Oder “landschaftstypisch”? Wie ist das Vorgehen auf den ganz kleinen unbewohnten “Vogelinseln”? Und was sind die langfristigen Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt?
    Da habe ich viele Fragen und freue mich über Aufklärung.
    mit freundlichen Grüßen
    Jens Porep

WP2Social Auto Publish Powered By : XYZScripts.com