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I. C. und die “wilden Jahre” in Wittdün

Steuerbüro Jäschke

Wittdün in den 1880er Jahren. Die Amrumer Südspitze ist noch unbewohnt und nach Osten hin in Richtung Norderaue noch über 150 Meter länger, ehe Sturmfluten nach der Jahrhundertwende die Südspitze abbauen, auf der sich seit dem Jahre 1881 allerdings ein Gebäude befindet – die aus Ziegelsteinen gemauerte Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit dem Ruderrettungsboot “Elberfeld”. Über eine lange Slipanlage kann das Boot bei Einsätzen zum Hafenpriel hin zu Wasser gelassen werden. Aber noch ist die Amrumer Südspitze unbewohnt, und die Mannschaft für das Rettungsboot muss mit Pferdefuhrwerk oder zu Fuß von Nebel und Süddorf herangebracht werden.
Aber Ende der 1880er Jahre ging es auf Wittdün sozusagen “drunter und drüber”. Amrum war durch den Hannoverschen Architekten Ludolf Schulze für die Anlage eines Seebades entdeckt worden, und die Amrumer Gemeindevertretung, die einige Zeit vorher den Fremdenverkehr “einstimmig abgelehnt” hatte, weil man den “Verderb der guten hiesigen Sitten” befürchtete, verfiel nun der Verlockung des Geldes. Fast wöchentlich liefen beim Gemeindevorsteher in Nebel aus Berlin, Hamburg und andernorts Anträge auf den Erwerb von Bauland ein, und die Gemeindevertretung verkaufte nun “einstimmig” auf Wittdün, an der Satteldüne bei Nebel und oben in Norddorf Hektar um Hektar Land an auswärtige Interessenten, die nur den einen Zweck verfolgten, auf Amrum ein Seebad zu gründen “und ihren Profit daran zu machen”.
Eine neue Zukunftsperspektive brach in die bis dahin abgeschlossene Insel und die in sich ruhende Inselgesellschaft ein. Fremde Namen standen nun im Gemeinderatsprotokoll: Paul Köhn von Helgoland, der Kaufmann Tantau aus Wyk, ein Herr Scharfenberg aus Altona, ein Kaufmann Jonas aus Berlin und die Herren Fülscher, Timm sowie der Fabrikant Riese aus Wandsbek. Aus Kiel meldete sich der Werftinhaber und Ingenieur Bernhard Howald – alle wollten sich auf Amrum einkaufen. Natürlich auch der Entdecker der Insel für den Fremdenverkehr, der Architekt und Hobbymaler Ludolf Schulze. In der Rückschau erklärt sich dieser Sinneswandel vermutlich aus der Tatsache, dass die Amrumer die auswärtigen Antragssteller für unzurechnungsfähig hielten. Wessen Geistes mussten Menschen sein, die für wertlose Dünen und dürre Heide Geld bezahlten? Wo es nichts zu säen und zu ernten gab?
Das “Rennen” auf Wittdün machten dann aber nicht die auswärtigen Landkäufer, sondern der einheimische Strandvogt und Kapitän Volkert Martin Quedens, der kurz entschlossen und ohne Konzession im Jahre 1889 ein Hotel aus Fertigteilen von Wellblech errichtete und sich als Gründer Wittdüns einen Platz in der Inselgeschichte sicherte.

Volkert Martin Quedens war aber Seemann und kein Seebaddirektor. Er verkaufte schon 1892, ohne wirtschaftlich dazu genötigt gewesen zu sein, sein Hotel, die Brücke, die inzwischen erhaltene Badekonzession und sonstige Rechte und Errungenschaften an zwei Herren aus der Kreisstadt Tondern, der eine Bankdirektor Fast, der andere der Hotelier und Fuhrunternehmer Heinrich Andresen. Andresen gründete eine “Aktiengesellschaft Wittdün Amrum” (AGWA), und diese errichtete noch im gleichen Jahr das für Amrumer Verhältnisse monumentale “Kurhaus” auf der äußersten Südspitze sowie den architektonisch ähnlichen, aber etwas kleineren “Kaiserhof” auf dem hohen Dünenwall über dem Südstrand. Ebenso wurde für die notwendigste Versorgung eine hölzerne Baracke mit einigen Läden, darunter ein Friseur, an der damaligen “Hauptstraße” (heute Inselstraße) errichtet und dortselbst ein Pferdestall angebaut, für die Pferde, die für die Bewegung der Badekarren am Strand benötigt wurden.

Ein Friseur aus Husum
Zu den Handwerkern und Kaufleuten, die in den allerersten Jahren im Seebad Wittdün tätig wurden, gehörte auch der aus Husum stammende Jens Cornelius Petersen, kurz I. C. genannt. 1863 geboren, musste er gegen seinen Willen Friseur lernen und kam als solcher 1893 nach Wittdün, wo er in der Ladenbaracke arbeitete, sich aber bald in das Hotelgewerbe stürzte. 1894 pachtete er zunächst das von Peter Andresen (ein Bruder von Heinrich Andresen) erbaute Hotel “Victoria”, 1895 auch noch das “Central-Hotel”, das Gründungshotel von Volkert M. Quedens, nun im Besitz der AGWA. Aber damit nicht genug. 1899 pachtete er auch noch das “Kurhaus Satteldüne” mit der Pferdebahnverbindung zu den Badeanlagen und dem Restaurant auf dem Kniepsand.

Jens Cornelius Petersen, kurz I.C. genannt.

Letztere Häuser ließ er von seinem Bruder und seinem Schwager verwalten, war aber mit deren Leistung nicht zufrieden und gab die Pachtung 1902 wieder auf. Dafür kaufte er zwei Jahre später das ebenfalls von Peter Andresen erbaute Hotel “Vierjahreszeiten” und verband dieses Gebäude mit dem Hotel “Victoria” durch eine große, geräumige Restaurationshalle, getrennt allerdings durch den Übergang zur Holzpromenade am Südstrand. Als im Jahre 1907 die Aktiengesellschaft in Konkurs ging, konnte I. C. aus deren Hinterlassenschaft das hochgeschossige Verwaltungsgebäude an der Hauptstraße erwerben und sich darin mit seiner Familie für den Rest seines Lebens zum Wohnen einrichten. Das Haus erhielt den Namen “Daheim” und behielt diesen bis in die Gegenwart.

Luxushotels auf der Oberen Wandelbahn in Wittdün in Regie von I.C. Petersen

Den Konkurs der Aktiengesellschaft und das Abtreten des rührigen Direktors Heinrich Andresen konnte Wittdün verwinden. Denn das Badepublikum, gekennzeichnet durch Adel, Militär und Fabrikanten aus dem deutschen Kaiserreich, blieb zunächst bestehen und beehrte das junge Seebad auf der Amrumer Südspitze weiterhin mit seinen Besuchen. Aber als im August 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, stürzte Wittdün in schlimme Krisen. Der Gästebesuch wurde nicht nur die Kriegsdauer von über vier Jahren vollständig unterbrochen, es verschwand auch das obengenannte hochherrschaftliche Publikum.Schon 1891 hatte I. C. die aus Hamburg gebürtige Tochter Johanna Eichelbaum des Schneidermeisters Carl Eichelbaum geheiratet, und 1892 war dem Ehepaar als einziges Kind der Sohn Otto Wilhelm Hans geboren worden, von I. C. lebenslang “Hans mein Sohn” gerufen und als solcher auch auf Amrum bekannt geblieben. Angesichts des kriegsbedingt ruhenden Fremdenverkehrs auf Amrum zog die Familie kurz entschlossen nach Hamburg und führte hier das Hotel “Esplanade”. Und 1918 wurde das Bahnhofshotel in Tingleff im damals noch deutschen Nordschleswig übernommen. Nach Kriegsende ging es nach Amrum zurück, wo es in Wittdün bald wieder “drunter und drüber” ging. Angesichts der bevorstehenden Abstimmung im deutsch-dänischen Grenzraum hatte ein dänischer Kinobetreiber aus Kopenhagen in Erwartung eines Votums für Dänemark (zu dem Amrum bis 1864 immerhin fast 1000 Jahre gehört hatte) etliche der großen Hotels gekauft. Auch die Hotels von I. C. wurden aus der nachkriegsbedingten Finanznot an dänische Spekulanten verkauft. Aber die Abstimmung verlief anders als erwartet. In der Zone II stimmten rund 75% der Einwohner für Deutschland, und in Wittdün mit seinen “hochdeutschen” Einwohnern gab es keine einzige Stimme für Dänemark – worauf die Wittdüner zeitlebens stolz waren. Die dänischen Immobilien wurden zurückgekauft und einige der stolzen Häuser und Hotels von Sozialträgern deutscher Städte in Kinderheime umgewandelt.

C., Jens Cornelius Petersen, aber blieb ein unternehmungslustiger Mann. Als er hörte, dass sein Freund und Hotelkollege Carl Quedens (ein Sohn des Gründers von Wittdün) im Jahre 1921 in Hamburg ein großes Haus mit 33 Wohnungen, vier Geschäften und einem Kino kaufen wollte, schloss er sich an, und beide fuhren nach Hamburg. Als es dann in Wittdün Hotels zu kaufen gab, wurde das Hamburger Haus im Jahre 1925 für knapp 400.000 Mark wieder verkauft, um Geld für Amrum zu bekommen. Carl Quedens kaufte den “Kaiserhof” und “Victoria”, und sein Freund I. C. erwarb das große Anwesen mit dem Weinrestaurant “Casino” an der Hauptstraße im Zentrum von Wittdün sowie das ebenfalls an der Hauptstraße gelegene “Hotel Quedens”, das er in “Petersens Hotel” umtaufte und bis 1934 betrieb und dann an den Schwiegersohn von Carl Quedens, Hermann Hartmann, verkaufte. Denn im Jahre 1927 war seine Frau Johanna gestorben, und für I. C. war es Zeit, sich im Haus “Daheim” zur Ruhe zu setzen. Hier ist er dann im Mai 1939 gestorben, hochgeachtet von allen, die sein Wirken miterlebt hatten, und zu Grabe getragen von der Wittdüner Feuerwehr, die er 1897 mitbegründet hatte und deren Hauptmann er von 1897 bis 1914 gewesen war.

Nach einem ruhelosen Leben residierte I.C. zuletzt im Haus Daheim.

Eine Nichte, Magdalena Ahlers, hat ihm vor einigen Jahren mit einem Werk unter dem Titel “I. C. und ein Herz im goldenen Käfig” noch ein spätes Denkmal gesetzt und dabei das Gesellschaftsleben in der Familie und in den Hotels zutreffend beschrieben. Leider hat sie dabei etliche historische Fakten völlig ignoriert. Nach ihrem Buch haben sich I. C. und Heinrich Hüttmann auf einem W.D.R.-Dampfer getroffen und dort vereinbart: I. C. gründet Wittdün und Hüttmann das Seebad Norddorf. Die tatsächlichen Gründer Quedens/Andresen und Pastor Bodelschwingh kommen nicht vor.

Es bleibt dann eine Ironie der Geschichte, das I. C. fast alle großen Hotels in Wittdün sowie die “Satteldüne” mehr oder weniger lange in Eigentum oder zur Pacht besessen hat, selbst aber nur die große Halle auf der Oberen Wandelbahn zwischen “Vierjahresheiten” und “Victoria” gebaut hat!

Georg Quedens

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