Oner üs – Unter uns; Andrea Laux …


Andrea Laux: „Ich finde es schön, dass wir ziemlich schnell aufgenommen wurden auf der Insel. Vorher hatte ich gedacht, dass das schwer ist.“

Auf Amrum kennt jeder jeden? Stimmt nur fast und nachfragen lohnt sich trotzdem: Hoker beest dü? An: Hü gong’t? Wer bist du? Und: Wie geht’s?

Andrea Laux: Wir hatten an Schweden gedacht oder an die Schweiz. Dann wurde es Amrum.

„Bevor ich nach Amrum zog, habe ich jahrelang in Berlin bei Aldi gearbeitet. Hier im Wittdüner Zentralmarkt ist die Arbeit viel angenehmer, selbst in der Hochsaison. Bei Aldi waren durchgängig fünf Kassen offen, von morgens, wenn wir aufgemacht haben, bis abends 21 Uhr. Und immer: „Gib ihm.“ Durchweg. Nicht einen Moment Ruhe. Jeden Tag.

Wir Kassiererinnen mussten dort eine bestimmte Anzahl – Tausende! – Anschläge am Tag haben. Die mussten wir schaffen. Es war wie Akkordarbeit. Teilweise hat man es nicht geschafft. Zum Beispiel, wenn man nicht nur an der Kasse saß, sondern auch noch andere Bereiche hatte wie Ware auspacken, Bestellungen usw. Ab und zu gab es mal einen Rüffel. Aber irgendwann haben sie dann auch verstanden, dass es gar nicht ging und nichts mehr gesagt.

Im August 2017 haben mein Freund André und ich Urlaub hier auf dem Zeltplatz gemacht. Vorher kannte ich Amrum nicht. Ich habe mich sofort in die Insel verliebt. Im Dezember desselben Jahres sind wir hergezogen. Wir wussten schon länger, dass die Stadt nichts mehr für uns ist. Zu viele Menschen, zu wenig Freiraum. Man ist aus dem Haus gegangen und hat kaum noch in lachende Gesichter geguckt. Wir wollten weg, wussten bloß nicht so genau, wohin. Anfangs hatten wir an Schweden gedacht oder an die Schweiz. Bei unserem Urlaub hier sind wir viel spazieren gegangen, und bei einer grünen Bank an einer Pferdekoppel haben wir Rast gemacht. Da haben wir beiden uns angeguckt und wussten: Wir wollen nach Amrum.

André war schon als Kind im Schullandheim Wilmersdorf in Wittdün. Er heißt übrigens André Schrank. Noch. Nächsten Monat heiraten wir. Ich hätte auch seinen Namen angenommen, aber er findet meinen schöner. Leider sehen wir uns nur alle drei bis vier Wochen. André ist 800 km weit weg auf Montage in der Oberpfalz. Er ist gelernter Glaser und Klebepraktiker im Schienenfahrzeugbau. Hier auf der Insel hat er keinen festen Job gekriegt.

Ich klinge wie eine waschechte Berlinerin, bin ich aber nicht. Ursprünglich komme ich aus dem Oberhavelbereich bei Brandenburg. Da bin ich geboren und aufgewachsen und habe eine Ausbildung als Fachverkäuferin für Lebensmittel gemacht. Nach der Ausbildung bin ich dann direkt nach Berlin gezogen.

Meine Tochter ist 18. Es war eine sehr schwere Entscheidung, ohne sie nach Amrum zu gehen. Diesen Sommer macht sie Abi. Das kann sie hier nicht, also ist sie in Berlin geblieben, bei ihrem Vater, meinem Ex-Mann. Wir telefonieren regelmäßig, und sie kommt regelmäßig her. Wenn sie in den Sommerferien da ist, arbeitet sie immer bei uns im Laden mit. Freiwillig. Sie hat gute Kontakte geknüpft zu den Amrumer Jugendlichen und zu den Schülern von außerhalb, die in den Ferien kommen.

Ich finde es schön, dass wir ziemlich schnell aufgenommen wurden auf der Insel. Vorher hatte ich gedacht, dass das schwer ist. Aber ich habe viele Freunde gefunden. Ich liebe die Leute hier. Ich liebe die Insel.

Als junges Mädchen hat mein Vater mich oft zu einem Reiterhof mitgenommen. Er hat in der Zeit Skat gespielt. Ich überlege, wieder reiten zu gehen.“

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Über Anna Jannen

Anna Jannen, geboren 1982, aufgewachsen auf Amrum, studierte Germanistik, Politik und Pädagogik in Hamburg und Aix-en-Provence. Sie ist Studienrätin und freie Journalistin. Seit 2016 lebt sie mit ihrer Familie wieder auf der Insel, unterrichtet Öömrang und schreibt.

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