Endlich ist es da …


Hilfreich für Zugezogene wie Einheimische: Das Sjiisk-Öömrang Wurdenbuk

Endlich ist es da, das „Sjiisk – Öömrang Wurdenbuk“, also das Wörterbuch, mit dem sich Begriffe aus dem Hochdeutschen (Sjiisk) ins Amrumer Friesische (Öömrang) übersetzen lassen.

Als ich meinen allerersten Artikel für Amrum News schrieb, ich lebte gerade ein Jahr auf der Insel, berichtete ich über den gut besuchten Sprachkurs „Friesisch für Anfänger“ an der reaktivierten Amrumer Volkshochschule. Ich wollte diese Sprache gern lernen, die so eng mit der Kultur und Geschichte Amrums verbunden ist, inzwischen aber nur noch von einer Minderheit untereinander gesprochen wird. Dass es kein leichtes Unterfangen würde, war mir klar, weil alle Einheimischen auch Deutsch sprechen und insbesondere in Wittdün nur sehr wenige Öömrang-Muttersprachler:innen wohnen.

„Bloß irgendwie dranbleiben!“, hieß die Devise von uns Sprachinteressierten. Wissbegierig belegten wir Fortsetzungskurse, trafen uns in losen Abständen mit Friesisch-Sprechenden, lasen Texte auf Friesisch und versuchten, untereinander radebrechend auf Öömrang zu kommunizieren. Wenn uns eine Vokabel fehlte, suchten wir das Wort zunächst im Wörterbuch „Deutsch – Föhrer Friesisch“ (Tjiisk-Fering Wurdenbuk) und hofften, die Vokabel dann im „Wurdenbuk för Feer an Oomram“ auf Amrumer Friesisch wiederzufinden, oder wir nutzen sprachvergleichende Friesisch-Wörterbücher mit einem viel zu kleinen Wortschatz.

Die mühsame Wort-Sucherei hat ein Ende! Jetzt geht‘s direkt vom Deutschen ins Amrumer Friesisch.

Diese Vokabel-Sucherei war mühsam, umständlich, zeitraubend und blieb nicht selten ohne Treffer. Es machte keinen Spaß und erstickt jeglichen Sprachfluss im Keim. Unsere Hoffnung setzten wir auf ein Wörterbuch „Deutsch – Amrumer Friesisch“, von dem es hieß, es sei in Arbeit und solle bald erscheinen. (Amrum News berichtete am 25. September 2018.) So gingen die Jahre ins Land….

Am 1. März 2021 wurden wir erlöst. Mitten in der Kontaktsperre während des Corona-Lock-Downs kam nun das lang ersehnte Wörterbuch (Sjiisk-Öömrang Wurdenbok) auf den Markt. Selten zuvor habe ich beim Kauf eines Buches solch‘ eine Erleichterung verspürt!

„Was, Du hast nur fünf Jahre darauf gewartet?!“, fragt mich Jens Quedens mit einem Schmunzeln hinter der Mund-Nasen-Bedeckung, die wir in den Geschäftsräumen der Wittdüner Buchhandlung auch jetzt im Oktober noch tragen. „Ich habe 20 Jahre gewartet!“ Und dann beginnt der langjährige Verleger zu erzählen – von seinem Akten-Ordner mit der Beschriftung „Die endlose Geschichte“.

Die begann im Mai 2002, als ihm das „fertige Manuskript“ von der nordfriesischen Wörterbuchstelle der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) angedient wurde. „Auf Amrum brauchten wir dringend ein Buch, das Deutsch ins Friesische übersetzt, denn es gibt viele Anwender, die im Selbststudium das Amrumer Friesisch erlernen möchten“, war Jens Quedens überzeugt. Er hatte 1986 bereits das „Wurdenbuk för Feer an Oomram“ verlegt und 2010 noch einmal nachgedruckt. Nun sollten auch die umgedrehten Fassungen publiziert werden und die Wörterbücher „Deutsch – Föhrer Friesisch“ und „Deutsch – Amrumer Friesisch“ parallel erscheinen. Doch es kam anders als erhofft. Zwar konnte das Wörterbuch für Föhrer Friesisch 2011 herausgebracht werden, (es war bereits nach ein paar Jahren vergriffen), doch das Amrumer Wörterbuch verzögerte sich immer wieder.

Leif Quedens, der inzwischen das Geschäft von seinem Vater Jens übernommen hat, wirft sicherheitshalber nochmal einen Blick in die Computer-Ablage: „Tatsächlich, fast 20 Jahre hat es gebraucht!“ Aber so ungewöhnlich, wie es klingt, ist das gar nicht. Die Herausgabe und Publikation von Wörterbüchern ist ein komplexes, langwieriges Unterfangen, das sich oftmals durch technische Schwierigkeiten oder unvorhergesehene Probleme bei der Umsetzung in die Länge zieht. Lexikalische Fragen und sprachwissenschaftliche Expertise waren hier mit sprachpraktischer Handhabung  und marktwirtschaftlichen Gegebenheiten in Einklang zu bringen. Ein schwieriger, nicht ganz spannungsfreier Prozess. 5.000 Seitenausdrucke, mit einer veralteten Software geschrieben, mussten bearbeitet werden. Daraus wurden 15.000 Stichwörter mit Anwendungsbeispielen, festen Wortverbindungen und Redewendungen, Hinweise zu Rechtschreibung und Aussprache und ein kurzer Grammatikteil. Neben dem Alltagswortschatz wurden besonders die inseltypische Flora und Fauna, Eigenheiten der Landschaft und das friesische Brauchtum berücksichtigt.

Der Amrumer Philologe Reinhard Jannen ist Archivar und Lektor in der Ferring-Stiftung auf Föhr. (Foto: Ferring-Stiftung)

Man kann allen Beteiligten gar nicht genug danken, dass es nun gelungen ist, die Erstausgabe eines deutschsprachigen Wörterbuchs für das Amrumer Friesisch (Öömrang) herauszubringen, namentlich der Nordfriesischen Wörterbuchstelle der CAU und ihrem pensionierten Akademischen Direktor Dr. Ommo Wilts, der das Lexikon zusammenstellte; der Ferring Stiftung in Alkersum auf Föhr, insbesondere Uta Marienfeld für das Lay-Out und Reinhard Jannen für das Lektorat, der Seite für Seite des Manuskripts sorgsam redigierte; dem Öömrang Ferian, dem Fresk Riad und der Friesenstiftung des schleswig-holsteinischen Kultusministeriums für ihre Unterstützung und nicht zuletzt Leif und Jens Quedens als Verleger.

Es ist ein großartiger Beitrag zum Erhalt der nordfriesischen Sprache, ermöglicht das neue Gebrauchswörterbuch doch allen Interessierten das Erlernen des Amrumer Friesisch, ohne die Unterschiede zum Föhrer Dialekt zwangsläufig mit lernen zu müssen, und den friesischen Muttersprachler:innen, mal kurz etwas nachzuschlagen.

Ein Beispiel: Das Wohnprojekt in Wittdün „üüs aran“ (Deutsch: Unser Zuhause) müsste in korrektem Öömrang „üsens aran“ heißen, denn es ist gemeinschaftlicher Besitz im Sinne von „unser aller“ – so wie „üsens saarep“ (unser Dorf) oder „üsens eilun“ (unsere Insel) – im Unterschied zum ganz Privaten „üüs foomen“ (unsere Tochter) oder „üüs wenang“ (unsere Wohnung). Viele Friesisch-Sprechende würden das verwechseln oder „üsens“ gar nicht mehr kennen, sagt Jens Quedens.

Jetzt lässt sich auch dieses besitzanzeigende Fürwort schnell finden, nämlich im Wörterbuch auf Seite 398 unten. Die Tabellen zur Formenlehre im Anhang sind eine gute Basis, auch wenn darin sehr seltene Ausnahmen fehlen mögen und die Liste der unregelmäßigen Verben nicht ganz vollständig ist.

Die Verleger Leif und Jens Quedens mit dem lang ersehnten „kleinen Blauen“

Jens Quedens hätte sich für das Öömrang-Lexikon lieber Begriffe aus der Seefahrt statt aus der Landwirtschaft gewünscht und dass auch die im Sprachgebrauch seltener genutzten Wörter als Synonyme mit aufgenommen worden wären, statt sie durch Rückübersetzungen aus dem Hochdeutschen zu ersetzen. Das Denken auf Deutsch sei eine größere Gefahr für das Amrumer Friesisch als die geringe Anzahl der Sprecher:innen, meint Quedens und hat deshalb eine Excel-Liste mit 26.000 Stichwörtern von A – Z angelegt, zu denen er alle Synonyme im Öömrang jetzt ergänzend erfasst. Der Verleger im Un-Ruhestand hat bei „Z“ begonnen und arbeitet das Alphabet von hinten nach vorn ab. Kein noch so gutes Wörterbuch, das in einer Neuauflage nicht auch erweitert werden könnte…(?)

Die Geschichte dieses Wörterbuchs ist auch die Geschichte einer Herzensangelegenheit. Denn ohne die Liebe zur Sprache der Insel Amrum und die friesische Hartnäckigkeit aller Beteiligten wäre dieses handliche blaue Nachschlagewerk ganz sicher nicht erschienen. Föl soonk diarför! (Vielen Dank dafür.)

Das „Sjiisk-Öömrang Wurdenbuk“ (ISBN 978-3-924422-70-7 ) ist im Verlag Jens Quedens erschienen und kostet 24,90 Euro.

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Über Astrid Thomas-Niemann

Astrid Thomas-Niemann ist gelernte Schifffahrtskauffrau sowie studierte Sprach- und Erziehungswissenschaftlerin. Sie hat viele Jahre als Schifffahrtsanalystin gearbeitet und lebt seit 2015 in Wittdün. Als junge Frau kam Astrid 1981 das erste Mal auf die Insel und besuchte auf Zeltplatz II die Niemanns aus Hamburg, die Amrum seit 1962 urlaubsmäßig die Treue halten, inzwischen bereits in der 4. Generation.

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