Mahnmal auf 54° 32′ 30” Nord, 8° 17′ 12” Ost … „PALLAS“ – Strandung vor 23 Jahren


Die brennende “Pallas” von der oberen Wandelbahn aus gesehen. Foto Gerd Arnold

Das 147 Meter lange Frachtschiff „Pallas“ wurde 1971 im finnischen Rauma gebaut. Am 22. Oktober 1998 verlässt der, der italienischen Firma Bogazzi Marine Services gehörende und unter der Flagge der Bahamas fahrende Frachter mit 2.500 Tonnen schwedischem Schnittholz, auch auf den Luken an Deck den schwedischen Hafen Hudiskvall (nördlich von Stockholm) in Richtung Richtung Casablanca (Marokko). Am gleichen Tag wurde ein Zwischenstopp zum Bunkern in Kalundborg/Dänemark (Seeland) eingelegt. Am 23. Oktober setzt die „Pallas“ ihre Reise, mit ca. 800 Tonnen Öl an Bord, fort.

Das Schiff befand sich bei stürmischen Wetter in dänischen Hoheitsgewässern, ca. 60 Seemeilen westlich von Esbjerg, als der polnische Kapitän Nacie S. am 25. Oktober gegen 14:30 Uhr Rauch auf der Steuerbordseite der „Pallas“ bemerkte. Um 15:40 Uhr informiert der Kapitän den MRCC (Leitstelle der Seenotrettung) in Aarhus/DK über den Vorfall und kündigt an, dass das Schiff Esbjerg anlaufen wird.
An Bord veranlasste der Kapitän das Anlegen der Kälteschutzanzüge und die Vorbereitung auf eine Evakuierung.
Die Lage verschlimmerte sich, als am Abend Flammen aus der Ladung schlugen. Es war an Bord ein Feuer ausgebrochen, alle Maßnahmen der Crew das Feuer zu löschen schlugen fehl, der stürmische Wind entfachte immer wieder das Feuer. Kurz vor Mitternacht erreichte das Feuer das Deckshaus, das Schiff war verloren und wurde aufgegeben. Der Kapitän funkte S.O.S. und bat um Hilfe für die 17 Personen an Bord.
16 Menschen konnten am frühen Morgen des 26. Oktober vom lichterloh brennenden Schiff abgeborgen werden, jedoch ließ ein Besatzungsmitglied sein Leben bei der Havarie.
Um kurz nach 7 Uhr treibt mit noch laufender Maschine die brennende „Pallas“ auf Sylt, Kurs Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, zu. Gegen 15 Uhr ist das Schiff 18 Seemeilen nordwestlich der Insel. Etliche Versuche das Schiff wieder auf die offene See zu schleppen schlugen fehl. Auch das zur Hilfe eingesetzte Mehrzweckschiff des Bundes „Mellum“ konnte nicht helfen. Es wurde zwar eine Schleppverbindung zur „Pallas“ hergestellt, doch diese hielt nicht stand.
Am 27. Oktober trifft vormittags der deutsche Hochseeschlepper „Oceanic“ ein und unterstützt die Rettungsmaßnahmen. Auch andere zur Hilfe geeilten Schlepper brachten die „Pallas“ nicht auf den Haken.
Am späten Abend des 28. Oktober driftet das havarierte Schiff ca. 6 Seemeilen vor der Insel Amrum weiter in Richtung Küste. Hier ist die Nordsee nur noch 10 Meter tief, zu wenig für die eingesetzten Mehrzweckschiffe. Der Wind bläst immer noch kräftig aus W-WNW mit Stärke 7-8 (Böen 9-10), die Wellen sind bis zu 4 Meter hoch.
Am 29. Oktober um 7:47 Uhr hat die „Pallas“ vor Amrum Grundberührung.
Auch am 30. Oktober brennt das Schiff immer noch und erste Mengen an Öl und Treibstoff laufen aus. Das Ölbekämpfungsschiff „Westensee“ trifft am 1. November bei Havaristen ein, kommt aber aufgrund der schlechten Wetterlage nicht zum Einsatz.

Hubplattform “Barbara” im Einsatz an der “Pallas”. Foto Gerd Arnold

Mehrere Schleppversuche von Schleppern brachten nicht den gewünschten Erfolg, das Schiff wurde lediglich um 180 Grad gedreht. Aufgrund der zu geringen Wassertiefe müssen die Schlepper abbrechen, die Schleppverbindungen werden unterbrochen und die „Pallas“ dreht sich zurück und legt sich höher auf den Sand.
Am 6. November wird ein Knick und ein Riss im Rumpf der „Pallas“ festgestellt.
Erste Ölanlandungen an den Stränden von Amrum, Föhr, Sylt, Hooge und Langeneß am 8. November.
Am 19. November kommt die Hubplattform „Barbara“ zum Einsatz, von hier aus werden die Löscharbeiten und später die Ölentsorgung unterstützt.
Am 24. November ist das Feuer an Bord der „Pallas“ endgültig gelöscht.

Zum Jahreswechsel knickt der Rumpf der „Pallas“ in der Mitte ein, Bug und Heck sacken ab.
Am 10. Januar 1999 wird der Vertrag mit der niederländischen Bergungsfirma Wijsmüller beendet. Das Abbergen der verbliebenen Restmengen an Öl wird fortgesetzt. Das Wrack wird auch danach regelmäßig kontrolliert.

Mahnmal – Das Wrack der “Pallas” im Oktober 2021. Foto Per Isemann

Von der oberen Wandelbahn in Wittdün sieht man auch heute noch, 23 Jahre nach der Havarie, bei guter Sicht das Wrack der „Pallas“, 11 Kilometer südwestlich vor Amrum liegen. Die Reste des Wracks ragen bei Niedrigwasser wie ein Mahnmal sichtbar aus dem Wasser.
Vieles beim Versuch der Bergung ist damals schief gelaufen, es fehlte unter anderen an Koordination und einem Konzept. Nicht zuletzt dieses Unglück führte 2003 zur Gründung des Havariekommando.

Im Seezeichenhafen Wittdün liegt an Land eines der Rettungsboote der „Pallas“.

Einige Zahlen zu der „Pallas“-Havarie
30 m³ Öl wurden durch Ölbekämpfungsschiffe aufgenommen.
305 m³ Öl pumpte die Hubinsel „Barbara“ ab.
250 Tonnen verfestigtes Öl-Holzkohle-Gemisch wurde aus dem Laderaum abgegriffen.
850 Tonnen Öl-Sand-Gemisch wurde an den Stränden entfernt.
700 Tonnen feste Ladungsreste wurden entsorgt.
Ca. 16.000 Seevögel, vor allem Eider- und Trauerenten, verendeten qualvoll.
Mehrere Dutzend Seehunde/Robben waren auch betroffen.
930 Kräfte waren im Einsatz.
25 Schiffe waren beteiligt.

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Über Gerd Arnold

Gerd Arnold ist ein „echter“ Nordfriese, 1957 in Nebel auf Amrum geboren und der friesischen Sprache (öömrang) mächtig. Nach dem Schulabschluss erlernte er in Wittdün den Beruf des Elektroinstallateurs. 1976 zog es ihn nach “Deutschland”, Wohnorte waren u.a. Wuppertal, Owschlag, Koblenz und Pinneberg. 33 Jahre war er bei der Bundeswehr, u.a. als Flugzeugelektriker und Ladungsmeister auf der Transall C-160. Ende Oktober 2010 – ging es altersbedingt – in den Ruhestand. Als Hobby ist da zum einen das Angeln, seit 40 Jahren ist er im Amrumer Angelverein aktives Mitglied und zum anderen der Handball, da allerdings nur passiv bei den Damen der HG Owschlag-Kropp-Tetenhusen als Hallensprecher in der 3.Liga Nord. Von 1980-1995 und seit 2005 ist Gerd in Owschlag beheimatet, sein zuhause ist aber immer Amrum geblieben. Gerne würde er dauerhaft auf die Insel zurück, es fehlt bisher aber noch ein passendes Wohnungsangebot.

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