Eine kleine Wespengeschichte …


Merkwürdige Löcher in der Holzterrasse

2022 ist ein Wespenjahr – so war unlängst in einer renommierten Zeitschrift zu lesen. Biologen, der Naturschutzbund und diverse Nachrichtenagenturen äußerten sich dazu. Aktuell scheint es besonders viele Nester und somit auch besonders viele Wespen zu geben. Wespen lieben heißes und trockenes Wetter, und auf Grund des milden letzten Winters und der ausbleibenden längeren Kälteperioden im Frühling seien mehr Wespenköniginnen unterwegs gewesen um neue Nester zu gründen.

Eigentlich kennt das jeder: Jetzt, wo das heimische Obst reif ist und man sich nachmittags gerne mit einem Stück Pflaumenkuchen in den Garten setzt, kommen die Wespen. Aber trifft das auch für Amrum zu? Meine persönliche Erfahrung ist, dass wir auf unserer Insel relativ wenige Probleme mit den für uns Menschen lästigen fliegenden Insekten wie Wespen oder auch Mücken haben. Ich denke mir, dass das daran liegt, dass hier doch (fast) immer ein Wind geht und die kleinen Plagegeister einfach weggeweht werden.

Jede Menge Holzmehl

Dann fiel mir auf, dass in den Paneelen unserer Holzterrasse im Garten mehrere kleine Löcher sind. Zuerst dachte ich, es könne sich um die Löcher der Verschraubungen handeln, bei genauerer Betrachtung musste ich jedoch feststellen, dass an den besagten Stellen gar keine Verschraubungen sind. Bereits im letzten Sommer hatte ich vereinzelt solche Löcher gesichtet, dieses Jahr hat sich die Anzahl jedoch mehr als verdoppelt. Bei genauerer Untersuchung der Holzterrasse musste ich dann auch noch feststellen, dass an mehreren Stellen jede Menge Holzmehlhaufen zu finden sind. Und als ich dann auch noch zufälligerweise beobachten konnte wie ein fliegendes Etwas zielgerecht eines der Löcher anpeilte und daran verschwand, dachte ich sofort an Holzwespen. Davon hatte ich schon einmal was gehört.

Nun ist es heutzutage relativ einfach sich im Internet Fachliteratur zu allen nur erdenklich möglichen Themen aufzurufen, so dachte ich. Ich googelte „Wespen“, es erschienen 686.000 Ergebnisse, unter „Holzwespen“ dagegen „nur“ 4.410 Einträge. Sicher ist unter diesen Unmengen von potentieller Information auch viel Unsinn, aber nach einiger Zeit des Lesens von Fachartikeln konnte ich für mich folgendes über Holzwespen herausfinden: Holzwespen sind primitive Vertreter der Hautflügler und mit über 100 Arten weltweit verbreitet. Wichtig: Sie können nicht stechen! Die Weibchen legen ihre Eier in das Holz von stehenden, frisch gefällten, oder Windbruchbäumen. Dazu wird aus der Scheide der Tiere ein herausklappbarer „Legebohrer“ verwendet. Aus den Eiern entwickeln sich Larven, die dann im Holz Gänge nagen, wobei das Bohrmehl festgedrückt wird. Die Entwicklung zum fertigen Insekt dauert zwei bis vier Jahre, unter ungünstigen Bedingungen ist sogar eine deutlich längere Zeit zur Reife möglich. Unsere Terrasse ist 10 Jahre alt, und ich vermutete, dass möglicherweise Holzwespenweibchen ihre Eier bereits vor oder während der Verarbeitung des Holzes darin abgelegt hatten, und, vielleicht auf Grund der manchmal widrigen Wetterverhältnisse auf Amrum, die Entwicklung der Maden solange gedauert hatte. Zweifel an dieser Theorie hatte ich aber schon, denn unserer Terrasse ist aus sibirischer Lärche, das Holz kommt also von weit her und gilt als besonders witterungsbeständig.

Vulkanartiger Zugang zu einem Erdwespenbau

In etwa zur gleichen Zeit, in der ich mir Gedanken über meine Holzwespen machte, entdeckte ich beim Hundespaziergang auf den Wegen zwischen unserem Haus und dem Reitplatz im Bereich Hubschrauberlandeplatz ebenfalls mehrere Löcher im Boden, mit zum Teil eigenartigem Sandauswurf. Mitunter hatten sich hier kleine vulkanartige Erhebungen gebildet. Eines Tages konnte ich beobachten, wie auch hier ein Insekt, für mich eindeutig eine Wespe, in einem der Vulkankrater verschwand. Jetzt musste ich an „Erdwespen“ denken (Google: 5.140 Einträge), auch hiervon hatte ich schon etwas gehört. Das Internet sagt: Erdwespen bauen ihre Nester in der Erde. In Deutschland kommen hauptsächlich zwei Arten vor, die „Deutsche Wespe“ (Vespula germanica) und die „Gemeine Wespe“ (Vespula vulgaris). Beide gehören zur Gattung der Kurzkopfwespen und halten sich bevorzugt in der Nähe von Menschen auf. Im Juni ist deren Nestbau abgeschlossen und im Herbst sterben die Erdwespen, nur die befruchteten Jungköniginnen überwintern in Totholzhaufen oder morschen Holzstämmen. Sie ernähren sich (anders als z. B. Bienen) nicht nur von Süßem, Nektar oder Pollen, auch Deftiges wie Fleisch oder Wurst zieht sie an. Die jungen Larven der Wespen benötigen viel Eiweiß, deswegen jagen Wespen auch Fliegen oder stürzen sich auf unseren Grillteller um mit ihrer Beute die Larven zu füttern. Erdwespen haben einen Stachel, den sie allerdings, im Gegensatz zu Bienen, nach dem Stechen zumeist nicht verlieren. Durch den Stachel leiten sie ein giftiges Sekret in den Körper des Gestochenen. Es kommt zu einer schmerzhaften lokalen Reaktion im Bereich der Einstichstelle mit Überwärmung und Schwellung der Haut. Auch allergische Reaktionen bis hin zu einem sogenannten anaphylaktischen Schock sind möglich. Im Gegensatz zu anderen Wespenarten sind Erdwespen wenig aggressiv, für gewöhnlich greifen sie nicht an sondern verteidigen sich lediglich bei Gefahr. Dann allerdings mit geballter Kraft: Sie sondern bei Bedarf spezielle Duftstoffe ab und rufen damit andere Erdwespen zur Unterstützung herbei.

Schwerstarbeit für eine Erdwespe

Ich dachte darüber nach über dieses Thema einen Bericht in Amrum News zu schreiben und wollte Fotos von den Holzwespen und den Erdwespen machen, was sich allerdings als schwierig heraus stellte, da diese sehr schnell und für mich nicht immer unbedingt zielgerichtet umherfliegen. Längere Zeiten verbrachte ich, nicht immer geduldig, vor den Öffnungen im Holz und auf den Wegen. Oftmals tat sich hier überhaupt nichts, oder mir gelang einfach kein scharfes Bild. Aber eines Nachmittags war es dann doch soweit. Auf der oberen Abschlussleiste der Terrasse krabbelte eine Wespe mit einer toten Fliege im Gepäck. Dies war wohl für das Tierchen enorm anstrengend, so dass es öfters anhalten musste und sich letztendlich sogar wenige Augenblicke ohne die Beute an der Paneele ausruhte. So bekam ich die Gelegenheit ein paar ordentliche Bilder zu machen. Prima, dachte ich, jetzt habe ich Fotos von der Holzwespe, es fehlt mir nur noch eines von einer Erdwespe. Als ich jedoch die Bilder auf meinen Rechner überspielte und sie „groß“ auf dem Monitor ansah um sie mit im Internet veröffentlichten Bildern von Wespen zu vergleichen, musste ich feststellen, dass ich mitnichten, wie gedacht, eine Holzwespe vor die Kamera bekommen hatte, sondern eindeutig eine Erdwespe. Somit war meine Theorie, dass die Löcher in meiner Terrasse von Holzwespen stammten, dahin. Was aber machten dann Erdwespen in meiner Holzterrasse?

Der Rohbau eines Wespennestes

Wiederum wühlte ich im Internet und wurde wieder fündig: Die Insekten nagen am Holz um aus dem zerkauten Holzmehl mit ihrem Speichel Baumaterialien für ihre Nester und Bruthöhlen zu formen. Ich kam somit zu der Erkenntnis, dass diese Wespen also nicht im Holz unserer Terrasse zugange sind um ihren Hunger zu stillen, sondern um an Baumaterial zu gelangen. Dabei erinnerte ich mich daran, dass im Frühsommer bei unseren Nachbarn im Giebel ihres Hauses offensichtlich ein sich im Bau befindliches, wespennestartiges Gebilde heranwuchs. Ich hatte es damals fotografiert und habe das Bild tatsächlich auch in meiner umfangreichen Fotogalerie wieder gefunden. Möglicherweise hingen da also Teile unserer Holzterrasse unter dem Reetdach unserer Nachbarn! Und ob es sich bei der auf unserer Terrasse abgelichteten Wespe nun um die „Deutsch Wespe“, um die „Gemeine Wespe“ oder vielleicht um ein ganz anderes Tier handelt, habe ich anhand meiner Fotos nicht herausfinden können, dazu sind die unterschiedlichen Merkmale eher gering und die Auflösung der Bilder nicht gut genug. Die „Gemeine Wespe“ ist nebenbei bemerkt nicht „gemein“ im Sinne von hinterhältig oder bösartig, der Artenname „gemein“ ist als „gewöhnlich“ zu verstehen. Der Nestbau bei unseren Nachbarn wurde übrigens nicht vollendet und Gott sei Dank auch nicht bezogen.

Deutsche Wespe oder Gemeine Wespe?

Auch wenn Wespen nicht gerade zu meinen Lieblingstieren zählen und ich es nicht gut finde, wenn sie mit der Zeit unsere Terrasse zerlegen, möchte ich hier eine kleine Lanze für sie brechen: Sie leisten in unseren Gärten nützliche Dienste. Genauso wie Bienen und Hummeln bestäuben sie Blüten und vertilgen auch eine Menge Insekten, helfen uns Menschen also Schädlinge im Garten einzudämmen und leisten einen Beitrag zu einer möglichen reichen Obsternte.

Wespen sind keine Schädlinge, auch wenn sie lästig sein können. Sie sind Teile einer intakten Natur. „Wenn man die Natur wahrhaft liebt, so findet man es überall schön“ (Vincent van Gogh).

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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