Amrumer Aussichtspunkte – 18: Wurftaubenstand


Geht man den Wattweg von Nebel nach Steenodde (oder umgekehrt), kommt man in etwa der halben Strecke am Wurftaubenstand des Hegerings Amrum vorbei, in dessen Umgebung sich auch mehrere Bänke befinden, von denen man eine gute Sicht über das Wattenmeer zwischen Amrum und Föhr hat. Der Wurftaubenstand („Tontaubenschießstand“) der Amrumer Jägerschaft wird schon seit längerer Zeit nicht mehr benutzt. Er liegt direkt am Steilhang  der Ostküste der Insel und sollte aus Sicherheitsgründen nicht betreten werden. Dennoch lohnt es sich in seiner Nähe einen Rundumblick auf das Wattenmeer und auch den Inselkern zu werfen.

In Blickrichtung Nord-West sieht man auf die Nebeler Bucht mit der St.-Clemens-Kirche. Wie immer an der Wattseite ist es empfehlenswert sich zu verschiedenen Zeiten diesen Ausblick zu gönnen, ist doch der Unterschied zwischen Ebbe und Flut hier besonders gut zu beobachten. Ein besonderes Schauspiel bietet sich dem Betrachter bei Flut, wenn sich die Austernfischer an die Wasserkante zurückgezogen haben und dort in großen Schwärmen auf das ablaufende Wasser warten. Die tag- wie nachtaktiven Vögel ernähren sich in erster Linie von Muscheln, Würmern, Krebsen und Insekten, die sie bei Niedrigwasser im Schlick finden. Bei der „Lieblingsspeise“ Muscheln gibt es zwei Techniken, wie ein Austernfischer an das Muschelfleisch gelangen kann. Entweder meißelt der Vogel mit seinem charakteristischen gelben uns spitzen Schnabel solange auf die Muschel ein bis die Schale bricht und das Fleisch erreichbar wird. Die zweite Methode ist die geschlossenen Muscheln aus mehreren Metern Höhe auf einen harten Untergrund fallen zu lassen um sie so zerbrechen zu lassen. Hierbei ist es interessant, dass ein einzelner Vogel immer nur eine der beiden Techniken benutzt! Der Austernfischer ist ein Wat-Vogel (nicht Watt-Vogel), das bedeutet, dass er zur Nahrungsbeschaffung durch das Watt watet. Entgegen der oftmals vermuteten Meinung er könne nicht schwimmen, ist er sogar ein recht guter Schwimmer. Das beschriebene Verhalten sich bei Flut an die Wasserkante zurückzuziehen beruht auf der Tatsache, dass er bei Hochwasser nicht an seine Nahrungsquellen im Schlickgrund gelangen kann. Der Name „Austernfischer“ ist etwas irritierend, denn Austern frisst der Vogel nicht. Der Name kommt wohl von seiner lateinischen Bezeichnung „Haematopus ostraglegus“. Ob die Geschichte, dass der erstbeschreibende Vogelkundler ein Österreicher gewesen sei der dem Vogel in Anlehnung an seine Heimat den Namenszusatz „ostraglegus“ gegeben hat, und der der lateinischen Sprache nicht mächtige Volksmund daraus den „Austenfischer“ gemacht hat stimmt, sei dahin gestellt. Sie ist aber zumindest amüsant.

Schwenkt dann der Betrachter nach Nord-Nord-West blickt er auf Haus Burg bei Norddorf und die Amrumer Odde. Bei klarer Sicht ist auch der Leuchtturm von Hörnum auf Sylt zu erkennen. Im Norden und Nord-Osten schaut man auf die Nachbarinsel Föhr, und dreht man sich um sieht man in südwestlicher Blickrichtung den Amrumer Leuchtturm und den Grabhügel „Grat Klafhuuch“ in der Nähe der Amrumer Schule.

Auf Amrum gibt es eine ganze Reihe von prähistorischen Grabhügeln. Sie stammen aus durchaus unterschiedlichen Zeiten wie „Steinzeit“ (Beginn in Europa vor etwa 50.000 Jahren, Dauer bis ca. 2000 v. Chr.), „Bronzezeit“ (ca. 2200 – 800 v. Chr.), „Eisenzeit“ (ca. 800 – 300 v. Chr.) oder auch „Wikingerzeit“ (ca. 790 – 1090 n. Chr.). Der hier zu bestaunende Grabhügel „Grat Klafhuuch“ dürfte aus der späteren Bronzezeit zwischen 1300 und 800 v. Chr. stammen. Erst ab ca. 1200 v. Chr. wurden Verstorbene verbrannt, deren Urnen in Feldsteinringen beigesetzt und mit Erde bedeckt, wobei die Grabstellen immer mehrmals benutzt wurden. Durch weitere Bestattungen erfolgten so Erweiterungen der Steinringe, so dass der Erdhügel immer höher wurde. Archäologen gehen davon aus, dass die größten dieser Grabhügel bis zu 4 Meter hoch waren.

Einst hat es über 130 solcher Hügelgräber auf Amrum gegeben die weithin das Landschaftsbild prägten. Sie wurden insbesondere an exponierten und erhöhten Stellen angelegt, dort wo die Inselgeest am höchsten war, so wie beim „Grat Klafhuuch“. Der Name bedeutet „Großer Grabhügel am Abhang“ (Klaff = Kliff). Durch Dünenwanderung, Erosion und Pflanzenbewuchs, aber auch Siedlungs- und Ackerbau sind viele verschwunden. Heute sind nur noch weniger als 20 dieser Grabstätten auch für den Laien deutlich erkennbar (siehe auch „Aussichtspunkt 04 – Grabhügel Eesenhuuch“).

Vor dem Bronzezeitalter wurden die Verstorbenen in Großsteingräber bestattet, auch diese findet man auf der Insel Amrum, z. B. der Dolmen „Ual Hööw“ an der selbigen Straßenbezeichnung in Steenodde oder das Großsteingrab am Bohlenweg zwischen Vogelkoje Meeram und Quermarkenfeuer Norddorf (siehe auch „Amrumer Aussichtspunkte 07 – Eisenzeitliches Haus“).

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Über Peter Totzauer

Dr. med. Peter Totzauer, Facharzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Anästhesie, Notfallmedizin, Spezielle Schmerztherapie, geb. 1954 in Fürth/Bay.,hat, bedingt durch den Beruf des Vaters, als Kind u.a. 4 ½ Jahre in Frankreich gelebt. Abitur 1974 in Köln, Studium der Humanmedizin an der Universität Bonn. Seit 1982 ärztlich tätig, davon viele Jahre als Oberarzt in der Anästhesie und als Leitender Notarzt in Euskirchen. War 2007 für ein halbes Jahr im Rahmen einer „Auszeit“ vom Klinikalltag bei seiner Lebensgefährtin Claudia auf Amrum. Dies hat ihm so gut gefallen, dass er seit Ende 2008 seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ganz auf die Insel verlegt hat und hier seit 2010 mit in der „Praxis an der Mühle“ arbeitet. Er hat zwei erwachsene Kinder, sein Sohn ist niedergelassener Physiotherapeut in Neuss, seine Tochter ist Lehrerin an der Öömrang Skuul.

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