Großer Erfolg für Amrums herausragende Kunstausstellung …


66 Tage Moderne Kunst

Über neun Wochen hatten die Amrumer:innen und alle Gäste Gelegenheit, die Kunstausstellung “Vergessene Moderne. Hans Jaenisch auf Amrum” zu besuchen. Erstmals fand auf der Insel eine hochkarätige Ausstellung eines bedeutenden Malers der deutschen Nachkriegsmoderne des 20. Jahrhunderts statt. Über 100 eindrucksvolle Werke aus dem Nachlass des Künstlers im Ahlener Fritz-Winter-Haus wurden in zwei Ausstellungsräumen in Wittdün und Süddorf gezeigt. Begleitet wurde die Schau von Einführungsveranstaltungen, Führungen und einem eigens herausgegebenen Ausstellungskatalog. Dass dieses Kulturereignis auf Amrum rundum geglückt ist, liegt vor allem an der Kuratorin, die mit ihrer Begeisterung und ihrem unermüdlichen Einsatz viele ansteckte. Höchste Zeit, Astrid Thomas-Niemann wenige Tage nach dem Ende der Ausstellung nach ihrem persönlichen Resümee zu befragen.

Erstmal herzlichen Glückwunsch zu diesem großartigen Erfolg: über 2.000 Besucher:innen in einer Kunstausstellung auf Amrum. Hattest du selbst mit dieser Resonanz gerechnet?

Um die Ausstellung und den Katalog auf die Beine zu stellen, haben wir ein Budget von fast 60.000 Euro realisiert, alles mit ehrenamtlicher Arbeit und Spenden, und dafür hatte ich mit rund 1.000 Ausstellungsbesucher:innen gerechnet.

Mir war schon klar, dass es auf Amrum ein kunstinteressiertes Publikum gibt und Hans Jaenischs Werke nicht nur mich und den Kreis der Unterstützer:innen begeistern würde, aber mit so viel Zuspruch hab’ selbst ich nicht gerechnet.

 Schon bei der Vernissage erschienen weit mehr Personen als erwartet?

Ja, mehr als doppelt so viele, über 200. Die Vernissage war wirklich ein sensationeller Erfolg, besonders durch die mitreißende Rede von Dr. Friedhelm Häring, dem ehemaligen Leiter des Oberhessischen Museums in Gießen. Er hat es geschafft, alle in seinen Bann zu ziehen und Jaenischs Werk sogar hartnäckigen Skeptikern moderner Kunst näher zu bringen. Wir haben seine Einführung auf Video aufgenommen und täglich in der Ausstellung gezeigt. Immer wieder wurde selbst vor dem Bildschirm applaudiert. Unglaublich! Wir müssen die Rede unbedingt ins Netz stellen.

Nicht wenige Gäste kamen auch in den folgenden Wochen extra wegen der Ausstellung auf die Insel, manche sogar für einen Tagesausflug, nachdem sie die Berichte im NDR, im Hamburger Abendblatt oder im Inselboten gesehen und gelesen hatten.

Immer wieder haben uns Besucher:innen das erzählt oder ins Gästebuch geschrieben. Manche sind für den Ausstellungsbesuch quer durch Schleswig-Holstein gereist. Sogar am letzten Ausstellungstag kam noch jemand mit dem Zug aus Hamburg, er verstand die Jaenisch-Ausstellung als Fortsetzung der “Kunst der Westküste” auf Föhr.

Magst du uns deine liebsten Kommentare aus Eintragungen in den Gästebüchern verraten?

Das fällt schwer bei 176 Einträgen voller Lob. “Wundervolle Ausstellung. Eine Bereicherung für die Insel. Großartige Bilder. Berührend. Zum Nachdenken anregend. Eindrucksvoll. Schöne Überraschung. Tolle Entdeckung. Meine erste Kunstausstellung. Mutig. Etwas Besonderes. Spannend. Sehenswert. Ein Erlebnis. Weiter so!” Dankesworte und gute Wünsche auch auf Russisch, Dänisch und Friesisch. Welchem Museum schreiben fast neun Prozent der Besucher:innen sowas ins Gästebuch?!

Gut gehängt

Leider gibt es ja kein Museum auf Amrum, in dem solche Ausstellungen stattfinden könnten. Hat sich die NaTour-Düne als Ausstellungsraum bewährt?

Viele Besucher:innen haben den Raum sehr gelobt und sich gefreut, an diesem Ort hochkarätige Kunst sehen zu können – wie in einem richtigen Kunstmuseum. Selbst Kinder waren erstaunt, als sie den Saal betraten.

Bei Sonnenschein hat der Raum eine tolle Atmosphäre. Nur an trüben Tagen oder für stimmungsvolle Abendveranstaltungen wäre eine flexiblere Beleuchtung schön.
Der Saal in der NaTour-Düne ist derzeit der einzige öffentliche Raum der Insel, in dem größere Kunstausstellungen für einen längeren Zeitraum stattfinden könnten. Wechselnde Ausstellungen widersprechen der Nutzung des Raumes für politische Sitzungen und anderes ja nicht.

Was waren deine persönlichen Highlights in den zurückliegenden 66 Tagen in der NaTour-Düne und in der Bilderhalle von Gabi Paulsen, wo die Frühwerke von Hans Jaenisch zu sehen waren?

Meine ganz persönlichen Highlights waren die oft sehr interessanten Gespräche mit unseren Besucher:innen, insbesondere die Begegnungen mit Menschen, die Hans Jaenisch noch kannten oder Bilder von ihm haben.

Dadurch habe ich viel über sein Werk erfahren – und durch unsere beiden wirklich gelungenen Hängungen. Ich habe es jedes Mal genossen, im Museumsdienst still durch den Raum zu schreiten, diese wunderbaren Bilder und Skulpturen aus verschiedenen Perspektiven genau zu betrachten und dabei immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Sogar zwei Klassen der Öömrang Skuul und eine Kindergartengruppe haben die Ausstellung besucht und dort eigene Kunstwerke gefertigt. Wie haben die Insel-Kinder auf die Ausstellung reagiert?

Zunächst mit Erstaunen, dann mit viel Spaß und eigener Kreativität. Alle waren überrascht und beeindruckt, von der Ausstellung und von diesem Maler, der 36 Jahre auf Amrum gewirkt hat. Die vielen Bilder, ihre Größe und Farbigkeit, die Vielfalt an Formen, Motiven und Techniken, Jaenischs wiederkehrende Bildchiffren, die sein Geheimnis hüten sollen – all das hat ihnen gut gefallen, ganz besonders die freie Interpretationsmöglichkeit. Man sieht es an den wunderbaren Arbeiten, die die Kinder gemalt haben.

Mariko Koide erläutert ihre Improvisation auf dem Klavichord

Mit der Matinée kurz vor Ende der Schau gab es noch einmal einen besonderen Höhepunkt. Wie lief dieser “Dialog mit der Kunst” ab?

42 zusätzliche Jaenisch-Werke, davon 30 aus Amrumer Besitz, wurden an diesem Sonntag vorgestellt und im Internet zwei frühe Video-Arbeiten des Künstlers Stefan Roloff, der in den 1970er Jahren bei Hans Jaenisch studierte und heute in New York und Berlin lebt.

Mich interessierte, wie heutige Künstler:innen Jaenischs Werk sehen, ob es ihnen noch etwas zu sagen hat. So entstand die Idee zu einer Vormittagsveranstaltung, in der verschiedene Künstler:innen auf jeweils ganz eigene Weise ihre Interpretationen vorstellen. Die Pianistin Mariko Koide baute dafür ihr Klavichord in der Ausstellung auf und ließ sich von drei Themen musikalisch inspirieren. Mucksmäuschenstille herrschte, als der 88-jährige Illustrator Jürgen Pieplow aus seiner Studentenzeit bei Hans Jaenisch in Berlin erzählte. Die großen Skizzenblätter auf dem Boden zauberten einen Hauch von Atelier-Atmopshäre in den Raum. Unkonventionell und erfrischend trug Felix Karweick aus Lübeck seine persönliche Sicht auf das Werk Hans Jaenischs vor, und Kai Quedens ergänzte spontan zwei Anekdoten zum Maßstab künstlerischen Erfolgs.

Heutige Künstler interpretieren Jaenisch

Was kann getan werden, damit Hans Jaenisch auf Amrum nicht erneut in Vergessenheit gerät?

Der Kunstkatalog “Vergessene Moderne: Hans Jaenisch auf Amrum” trägt natürlich dazu bei, und als Dank für die herausragende Ausstellung hat das Fritz-Winter-Haus dem Öömrrang Ferian Jaenischs Ölgemälde “Priel” geschenkt. Damit es hier auf Amrum bleibt, wo es hingehört, und für Viele zu sehen ist. Von anderer Seite kommt ein schönes Temperaleinen, und Jürgen Pieplow stiftet die Dokumente und Zeichnungen aus seiner Studienzeit an der HfbK in Westberlin, wo die Spätexpressionisten der Nebeler Sommerkolonie unterrichteten. Aber wir brauchen einen angemessenen Ort, um dauerhaft an Jaenischs Werk und das der anderen bedeutenden Künstler:innen, die auf Amrum gewirkt haben, zu erinnern.

Du bist von vielen Menschen immer wieder zum Weitermachen und zu Folgeprojekten aufgefordert worden. Hast du schon Ideen für zukünftige Ausstellungen?

Mit der Jaenisch-Ausstellung lagen wir richtig. Frankfurt erinnert derzeit an Lyonel Feininger, Kassel an Fritz Winter, Moritzburg an Alexander Camaro.
Für Amrum bietet sich natürlich eine Erinnerung an Willy Robert Huth und die “Brücke” an, aber das kriegen wir ohne Museum wohl kaum hin.
Ich würde als Nächstes gern eine kleine, lebendige Ausstellung zum Wirken der Maler:innen um Willy Robert Huth in Nebel kuratieren. Die Berliner Max Pechstein, Gory von Stryk und dessen Frau Betty Thesen, Max Kaus, Hans Jaenisch, Ernst Böhm und andere zählen zu  diesem Kreis der Sommerkolonie um “Hütchen”, wie man den Nebeler Ehrenbürger auf Amrum nannte. Sie gehörten nach dem Krieg zu den ersten Urlaubsgästen in Nebel und haben durch ihre Bilder, Postkarten und  Ausstellungen in der Mühle das Bild von Amrum in Berlin oder Hamburg mitgeprägt. Das sind spannende Gemälde der Moderne und Geschichten aus einer Zeit, als Amrum kaum jemand kannte.
“Es war eine tolle Ausstellung, die weit über die Grenzen Amrums hinaus für Applaus gesorgt hat.” Mit diesen Worten bedankte sich Wittdüns Bürgermeister Heiko Müller bei Astrid Thomas-Niemann und allen Helfer:innen für die geleistete Arbeit.

Diesem Dank kann man sich nur anschließen – und hoffen, dass es zu vielen Folgeveranstaltungen kommen wird.

 

Das Interview führte Petra Kunze für Amrum News.

Fotos: Astrid Thomas-Niemann

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